Heute stelle ich euch meinen Kameraden Mario vor. Mario kommt aus Mexiko, klingt komisch, ist aber so, und verbringt ebenfalls als ICYE-Volunteer die Zeit in der Maison St. Roch, von der ihr bereits genügend gelesen habt.

Das Besondere an Schnulli ist seine Dummheit, und ich überlege ernsthaft, ein Buch über ihn zu schreiben. Zu Beginn war es noch komisch; doch das ist schon lange her. Er ist 26 Jahre alt und für mich der mit Abstand dämlichste, bescheuertste, unerfahrenste, weldfremdeste, langweiligste, unkomischste, unhöflichste, unselbstständigste, unintelligenteste, nervigste und unangenehmste Mensch, der mir je begegnet ist.

Das Problem: 1. Ich arbeite mit ihm zusammen, 2. befinde mich mit ihm in einer Sonderrolle als Freiwilliger in dieser Maison (und werde bei vielen Gelegenheiten automatisch mit ihm in Verbindung gebracht), 3. er realisiert nicht, was um ihn herum geschieht. Das einzige, was er möglicherweise kann, ist Schlagzeug spielen. MEHR aber auch nicht. Einige Beispiele möchte ich in diesem Beitrag aufführen. Die meisten habe ich allerdings aus Sicherheitsgründen verdrängt, um nicht völlig zu durchzudrehen.

  • Mario kam etwa sechs Wochen später in das Projekt, weil das mit der VISA-Vergabe nicht so schnell ging; oder Mario es einfach zu spät beantragt hatte. Keine Ahnung! Da ich mich jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als er eintraf, schon sehr gut hier auskannte und gerade Herbstferien waren und somit keiner von den Verantwortlichen vor Ort war, zeigte ICH ihm in den ersten Tag die komplette Maison und wie hier so alles abläuft. So kam es natürlich auch dazu, dass ich ihm den Waschkeller (die Langerie) zeigte, und wie die Waschmaschine funktioniert. Ohne Witz, er schaute mich an, als wäre ich ein Alien! Mit 26 Jahren wusch er hier zum ersten Mal seine Wäsche selbst. Naja, das tat die Waschmaschine, aber selbst die Bedienung war für ihn neu.
  • In den ersten Wochen waren wir aus Platzgründen im selben Studio untergebracht. So kam es natürlich, dass ab und zu gekocht werden musste. Mario hat noch NIE etwas gekocht. Selbst als ich Spaghetti machte, zeigte ich ihm die einzelnen Schritte. Mit dem Wasser. Dem Salz. Dem Ölf. Und den Nudeln. Jaja, schwierige Sache das! Auch beim Nudelnkochen schaute er mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. Nichtsdestotrotz hab ich mich anfangs sehr bemüht, zeigte Geduld und habe gerade in den ersten Wochen viel für ihn getan, ihn viel gezeigt, ihn allen Lehrern und Erziehern vorgestellt und noch mehr. Doch es kam nichts zurück. Überhaupt nichts und das ist einfach mehr als nur unhöflich.
  • Auch das Putzen war für Mario neu. In den ersten Tagen fragte er mich, als ich gerade den Besen aus dem Flur zur täglichen Reinigung holte, wann denn hier die Putzfrau immer kommt. Ich meinte, es gäbe logischerweise keine, und es wäre unsere Aufgabe.
  • Mario fährt gerne langsam. Das reizt er sogar soweit aus, dass ihn auf der Landstraße Unmengen an Autos überholen, während er um die 60 fährt und 90 erlaubt sind. Selbst auf der Autobahn fuhr er schon mal gemütliche 80. Sehr entspannend, aber in landschaftlicher Gegend überhaupt nicht angebracht. Mittlerweile vermeide ich es so gut es geht, mit ihm zu fahren und nehme es eher in Kauf, 45 Minuten mit dem Roller zur nächsten Kleinstadt zu gurken, als nur eine halbe Stunde mit ihm.
  • Es ist ja auch nicht nur die Geschwindigkeit, die mich so aufregt, sondern seine komplette Orientierungslosigkeit. In Montauban (ich erzählte davon) waren wir schon Hunderte Male; doch vor wenigen Wochen fragte er mich auf einer der Hauptstraßen, wo es denn nun lang gehe. Permanent muss ich ihm Anweisungen geben: Mario: links, rechts, gerade aus… und so weiter und so fort. Am Liebsten würde ich mal sagen: Mario, steig sofort aus! Ich fahre jetzt. Aber das geht ja noch nicht. Angeblich hat er schon 12 Jahre seinen Führerschein, doch wie ich mir das schon seit Monaten so anschaue, wurden wohl nur zehn Fragen bei der Prüfung gestellt.
  • Wenn er etwas nicht verstanden hat, dann sagt er lieber JA als Nein. Und das kam sehr häufig vor; auch in brenzligen Situationen. Und das Problem liegt nicht nur in der Sprache. Seit Anfang des Jahres unterhalten wir uns nur noch auf Französisch, doch wenn ich merke, dass er etwas nicht richtig geblickt hat, dann wiederhole ich es auf Englisch, um Missverständnisse vorzubeugen. ABER ich raffe es einfach nicht, wieso man nicht sagen kann: „Hey, ich verstehe überhaupt nichts von dem, was Du sagst.“??? Ist doch alles kein Thema, ich spreche schließlich auch nicht perfekt Englisch und Französisch. Diese Masche machte er allerdings auch mit seinen Vorgesetzten und ist einfach nur dämlich.
  • Einen Nachmittag fuhren wir beide mit den Rollern durch die Gegend. Doch auch dort merkte ich seine Ungeschicktheit. Nachdem er mich fragte, wo der Anschalter sei, unterdrückte ich mein Lachen und musste ihm bei JEDEM Halt das abgewürkte Mofa wieder zum Starten bringen. NIE hat er das einmal selber hingekriegt. So fuhr ich nach jedem Stop (während ich einige Meter vor ihm so 5-10 Minuten lang wartete) zurück und half ihm. Nunja…
  • Anfang Dezember waren wir in Bordeaux und aßen in einem Schnellrestaurant. Nachdem ich an der Kasse fertig war und uns einen Platz im oberen Geschoss suchte, schekerte ich währenddessen mit drei Kindern herum, die zusammen mit ihren Eltern am Nachbartisch saßen. Es war total klasse! Mario kam, setzte sich hin und sagte nach wenigen Minuten: „Ich hasse Kinder.“ Ich war völlig durcheinander, weil ich zunächst dachte, dass er das anders meinte. Aber nein, es ist wirklich so. Ich fragte ihn darauf, warum er dann nach St. Roch gekommen sei, wo das Klientel in der sozialen Arbeit nunmal Kinder und Jugendliche sind. Darauf antwortete er mir, dass er in den Bewerbungsunterlagen gelogen hatte. Jeunesse et Reconstruction verließ sich auf seine Aussagen und setzte ihn hier ein. Als ich das Solen, unserer Verantwortlichen, erzählte, bekam sie einen riesen Schrecken.
  • Als wir Anfang April nach Toulouse fuhren, um im „Landtag“ der Région Midi-et-Pyrénées einige schwere Vitrinen durch die Gegend zu tragen (die waren wirklich schwer, denn sie hatten Marmorsockel und wogen weit über 200 Kg), hatte ich eine Digitalkamera dabei, die ich von meinem Chef geliehen bekam. Mario fragte mich: „Ist das eine Fotokamera, um Fotos zu machen?“ Ich dachte zunächst, dass er die Frage anders meinte, doch er blieb dabei. Er fragte nicht, wofür ich diese Kamera denn bräuchte, oder ob ich denn an diesem Tage Fotos machen wollte. Nein. Seine Frage, ob man mit dieser Fotokamera auch Fotos machen kann, beantwortete ich mit „Ja“ und schmunzelte vor mich hin.
  • Ich telefonierte, wie jeden Abend, vom Lehrerzimmer aus nach Deutschland. Das Lehrerzimmer besteht im Grunde genommen aus zwei Räumen: Im ersten gibt es ein Telefon, im anderen zwei weitere. Doch nur vom ersten Zimmer aus kann man auch angerufen werden. Bei den anderen benötigt man eine Telefonkarte, um ins Ausland zu telefonieren; die Möglichkeit des Anrufens besteht nicht. Wie auch immer, fragte mich Mario, ob er denn mich mal für 5 Minuten unterbrechen könne. Er würde jederzeit einen Anruf erwarten, und es würde wirklich nur ganz kurz gehen. Klar, sagte ich, unterbrach das Gespräch und ging an den Rechner. Nach einer Stunde fragte ich mal nach, was denn nun aus seinem Telefonat geworden sei. Nach fast 1,5 Std. konnte ich das Telefon fortsetzen.
  • Ich berichtete euch, dass Ende Dezember eine große Silvesterparty in Paris stieg. Natürlich auch mit Schnulli, denn der fuhr mich dankenswerter Weise dorthin. Es war ein graus, und selbst Kasimir erblickte in ihm einen völlig weltfremdeten Kerl. Bislang konnte ich ihm nur erzählen. Wir waren in einer Herberge in Archères untergebracht, in dem der ICYE-Volunteer Camilo (aus Kolumbien) arbeitet. Ein nicht unbedingt vermögender Vorort von Paris. Am Silvesterabend liefen wir allesamt Richtung Bahnhof los, um pünktlich zum Arte de Triumph zu fahren. Auf dem Weg dorthin begegneten wir eine nicht freundlich gesinnte Gruppe von etwa 15 jungen Erwachsenen, die Spaß anders interpretierten als wir und der durchschnittliche Mensch. Mario, Kasimir, ein paar Mädels und ich bildeten das Schlusslicht unserer Gruppe, während die anderen weit vor uns waren, und uns nicht mehr mitbekamen.Das Intelligenteste in solch einer brenzligen Situation mit Jugendlichen, die nicht nur gerne Autos anzünden: Fresse halten und schnell weitergehen und zur Not noch ein bisschen schneller. Doch was machte Schnulli? Er blieb stehen und provozierte. Kasi und ich dachten, wir spinnen. Der versuchte sich tatsächlich mit denen anzulegen; zog Grimassen. Und Mario ist wirklich ein Luschi, sei es von der Größe als auch von der Stärke. Nachdem wir ihm x-mal zubrüllten, dass er doch gefälligst mal seinen Popo da wegschwingen sollte, und sie ihn mit nem Kinderwagen beschmissen, ließ er es sein und kam uns nach. Er sah es aber dennoch nicht ein.Kasimir unterhielt sich mit ihm und nach einem Gespräch bis zum Bahnhof sagte er zu mir: „Man ist der dumm!“. Kasimir muss das hiermal genauer schildern, was Mario ihm alles erzählte. Aber Marios Argumente waren in etwa, dass es sein Territorium sei und er als Mexikaner dieses Recht hat, sich zu verteidigen. Und dabei hatten wir nicht sonderlich viel getrunken, eine Ausrede in Bezug auf den Alkoholspiegel entfällt dadurch. Kasimir, erzähl mal! Das versteht keiner.
  • Doch auch seine eigenen Landsmänner und -frauen konnten mit ihm offenbar nichts anfangen. Wir fuhren in der Nacht von der Pariser Innenstadt wieder zurück zur Jugendherberge und Camilo eröffnete die Bar. Während ich mir vergnügt selbst zuschaute, wieviel Alkohol denn noch reinpasst, und ich wirklich einen riesen Spaß beim Tanzen an der Theke… auf der Theke und wo oder mit wem auch immer hatte, sah ich doch recht amüsiert zu, wie Mario vergeblich bei jedem und jeder versuchte, ein Gespräch aufzubauen. Es war lustig zu sehen, wie großkotzig er sich vorher gab, was für ein großer Macker er doch sei, und dann die Realität zu betrachten. Auf der anderen Seite mich als Anti-Latino, der mit allen Latinas und Latinos SEHR gut konnte.
  • Unpünktlichkeit ist offenbar ein generelles Problem in Mittel- oder Lateinamerika, doch das entschuldigt wenig. Ich schilderte das bereits in meinem Erfahrungsbericht. Wenn Du Dich mit Mario um 8 Uhr verabreden möchtest, um loszufahren, dann sag ihm lieber ne Stunde vorher als Abfahrtszeit.
  • In der Maison St. Roch ist er ebenfalls nicht beliebt und ist als Volunteer allenfalls gedulded. Selbst sein Chef Azzedine (was man ja nicht machen sollte) hat sich schon sehr direkt mit mir über ihn unterhalten. Als er vor unserer Ankunft erfuhr, dass ein Deutscher und ein Mexikaner in das Projekt kommen werden, entschied er sich für den Mexikaner, weil er ganz gut Spanisch spricht. Doch welch eine Fehlentscheidung! Er sagte mir vor kurzem: „Beim nächsten Mal halte ich meine Klappe und sage nichts. Solch einen Fehler mache ich nicht noch einmal.“
  • In dieser ersten Osterferien-Woche war ausgemacht, dass mich Mario zum Deutschen Konsulat in Bordeaux fährt. Doch er fuhr alleine nach Marseilles und ließ es mich erst gestern Abend kurz wissen.
  • Leider konnte Mario das Projekt nicht wechseln und so muss ich die restliche Zeit mit ihm hier verbringen.

Dies sind nur ganz, ganz, ganz wenige Beispiele von den Qualen, die ich mit ihm tagtäglich erlebe. Sollten mir weitere Schreckenstaten einfallen, ergänze ich sie hier selbstverständlich. Mittlerweile agiere und reagiere ich nur noch rein sachlich und diplomatisch, um mich nicht völlig Irre zu machen. Es ist eher so, dass ich wieder darüber lachen kann. Da ich die anderen Volunteers kenne, die größtenteils aus seinen Landen kommen, weiß ich, dass Mario ein trauriges Einzelschicksal ist. Eine Pauschalisierung für Latein- oder Mittelamerika wäre völlig unangebracht. Dennoch kriege ich hier fast täglich Brechreiz.