Gestern ist Mario endgültig ausgetickt und wollte sich mit mir Kloppen. Ich sage euch, der Junge braucht Hilfe. Einerseits seine unkontrollierten Agressionen und auf der anderen Seite so lebensmüde zu sein, sich mit mir anzulegen. Doch wie kam es dazu?

Wie ich euch berichtete, sieht es momentan sehr danach aus, dass Mario zurück in sein Heimatland fliegen wird. Bereits im Januar fragte er beim ICYE France nach, das Projekt zu wechseln. Doch da Solen (die Verantwortliche bei „Jeunesse et Reconstruction“) ihn in kein soziales Projekt mehr stecken wollte (weil auch sie -aber leider zu spät- die Probleme erkannt hatte), kam für ihn nur noch die Emmaüs Community in frage. Doch da müsste er körperlich arbeiten. Nachdem das hier mit Mario einfach nicht besser wurde, und mittlerweile alle über ihn abgekotzt haben, hatte er endgültig begriffen, dass er hier fehl am Platze ist. VIELLEICHT aber auch nicht. Denn ich weiß es nicht, und werde aus diesem Kerl und aus seinen Handlungen nicht schlau. Alleine die wenigen Geschichten, die ich über ihn schrieb, machen euch deutlich, in welch seltsamen Welt er lebt. „Was denken nur seine Eltern davon?“

Ich erzählte euch ebenfalls hier im Blog, dass ich nach meiner Wiederkehr aus Paris von Nadege (einer Erzieherin aus meine Foyer) erfuhr, dass Mario ihr gesagt hätte, dass er innerhalb der kommenden drei Wochen Frankreich verlassen wird. Am Mittwochabend führte ich ein Gespräch mit einer Freiwilligen des ICYE (also wie icke), die aus Honduras stammt und in einer Jugendherberge arbeitet. Allerdings sieht sie diese Arbeit nicht als soziale Arbeit an und würde lieber mit Behinderten arbeiten. Eine sicher schwierige Herausforderung. Doch weil die damalige (sehr engagierte) Verantwortliche für uns ausländische Volunteers in Frankreich gegangen ist, und die Nachfolgerin sich weder bei uns richtig vorgestellt hat, noch Englisch kann, steht die Wendy vor einem Problem. Insbesondere deshalb, da sie nur ein halbes Jahr in Frankreich ist und erst seit Ende Januar hier ist und dementsprechend noch nicht gut Französisch spricht, um über die Probleme in ihrem Projekt zu reden. Aufgrund dieser Tatsachen erwog sie ernsthaft, so sagte sie es mir, nach Honduras zurück zu kehren.

Daraufhin sagte ich ihr, dass ich gehört hätte, das möglicherweise Mario ebenfalls zurück in sein Land kehren will, ich mir aber nicht sicher sei. Daraufhin wandte sie sich per Chat an Mario, in der Hoffnung, dass er ihr weiterhelfen könne, was er bereits tat, um das Projekt abzubrechen und so weiter und sofort… Dies geschah gestern, Donnerstagabend, während wir beide im Lehrerzimmer an den Rechnern saßen. Im Anschluss an das kurze Chat-Gespräch stand Mario wütend auf, brüllte mich an, dass ich angeblich der ganzen Welt erzählt hätte, dass er gehen würde und dass das alles angeblich gar nicht wahr sei. Ich blieb ruhig und versuchte ihm drei Mal verständlich zu machen, dass ich ihr (und nur ihr) lediglich gesagt hätte, dass er eventuell das Projekt verlassen wird, weil ich das eben von einer Erziehrin erfuhr (die es nun mal von Mario direkt gehört hatte). Doch Mario war außer Sinn und Verstand ging zu meinem Arbeitstisch rüber, und brabbelte irgendein Käse und versuchte sich doch tatsächlich, sich mit mir anzulegen. Sagte dann auf Englisch, weil sein Französisch einfach noch zu grottig ist, als dass man ihn beim ersten Male verstehen würde: „you wanna fight?“.

Da ich aber Marios Art mittlerweile sehr gut kenne, auch solche leichtsinnigen Vorfälle wie in Paris, wusste ich, dass es das Fälscheste wäre, sich mit ihm anzulegen. Gewalt ist keine Lösung und letztendlich war es ja auch zu seinem Wohle. *grins* Ich erwiderte ihm, dass ich mit ihm „nicht weiter reden werde“, da ich der Ansicht bin, dass er in diesem Augenblick „zu aggressiv“ sei. Offenbar machte ihn das noch wütender, dass ich auf sein Kinderquatsch nicht eingestiegen bin, woraufhin er beim Hinausgehen aus dem Lehrerzimmer zwei Stühle nach mir schmiss, die mich allerdings nicht trafen. Tja, was soll man dazu bitte sagen?

Im Anschluss ging ich natürlich zum Direktor, der auch an den meisten Abenden noch arbeitet, und schilderte ihm diesen Vorfall, den Vorfall in Paris und noch ein zwei andere Geschichten hier in St. Roch, die er noch nicht kannte. Lange Rede, kurzer Sinn: Spätestens nach dieser Geschichte wäre Mario geflogen. Allen, den ich Marios Attacke erzählte, zogen kurz die Kinnlade runter, doch mussten danach anfangen zu lachen. Denn Mario ist wirklich eine dürre Gestalt. Doch das Kernproblem ist seine Aggressivität, und da ich ihn mittlerweile zwei Mal „out of control“ erlebt habe, ich von Ajebert aus meinem Foyer erfuhr, dass es in Nice (während der Winterferien, als ich hier gearbeitet hatte und Mario mit einen Teil der Kiddies wegfuhr) einen krasseren Vorfall gab, und er sich offenbar mit einem Jugendlichen körperlich anlegen wollte (was die Erzieher während des Camps vom Jungen selber erfuhren), ist die Gefahr letztendlich zu groß, dass es irgendwann wirklich kracht.

Gerade hier in einer Arbeit mit schwierigen und teilweise auch aggressiven Leuten ist es einfach nicht denkbar. So empfohl ich dem Direktor dringend, seine Arbeit einzustellen, da man eben nie wüsste, wann es zu einem weiteren Vorfall (und dann mit einem Jugendlichen) kommen wird. Heute erfuhr ich von Azzedine, das ist der Chef seines Foyers (meiner ist bekanntlich Alain), dass es offenbar fest steht. Innerhalb der nächsten 15 Tage ist Schnulli weg und selbst Azzedine unterstrich noch einmal (nachdem ich auch ihm die Geschichte erzählte und er sich darüber köstlich amüsiert hatte), dass er sehr froh sei, dass das nun ein Ende nimmt.

Fällt euch noch irgendwas dazu ein? Mir nicht; außer vielleicht noch: Winke, winke!