Am Trimester-Ende gibt es das TEA (Tous Ensemble Autrement), was in der „Maison St. Roch“ nichts weiter als ein Sportcontest zwischen den sieben Foyers ist. In ebenfalls sieben grandiosen Disziplinen wie Sackhüpfen-Hindernislaufen, das Führen der mit Seilen angebundenen eigenen Gruppe (denen zusätzlich auch noch die Augen verbunden wurden) in einem schwierigen Parcours, professionelles Bogenschießen, das schnelle Fußballtor-Umkreisen und weiteren Etappen kämpften diesmal die Foyers im Team meistens um Zeit oder um Punkte. Und dabei geht es i.d.R. gar nicht um die Disziplin an sich, sondern natürlich um den Gruppenerhalt und gleichzeitig um faire Konkurrenz. Schließlich gewannen alle Teams sehr gute Preise und es war wieder bemerkenswert, wie viel man mit sehr wenig erreichen kann. Nach dem Gottesdienst in der Frühe startete das Event und ging bis 12 Uhr. Danach die erfrischende Brause, denn es waren unerträgliche 30° Grad und mehr (alleine an diesem Vormittag!!!), und zum Abschluss trafen sich über 110 Kiddies sowie ein Teil der Lehrer, der Erzieher und der Administration im saunahaft kleinen Speisesaal.

Die Stimmung bei den Kindern und Jugendlichen war einfach fantastisch an diesem 30. Juni, und doch ahnte ich bereits in den letzten Tagen, was heute bevorstand: Abschied nehmen! Denn obwohl ich hier noch ein Weilchen bleibe, begannen für die Schüler die Sommerferien und bis auf mein Foyer „La Casèla“ und dem Foyer „LouCantou“ fuhren gegen 15 Uhr die meisten zu ihren Familien zurück. Es war ein wundervoller Tag, denn ich sah sie alle noch ‚mal auf einmal und ich spürte ganz deutlich, wie sehr mir die meisten ans Herz gewachsen sind und was ich in meiner Zeit hier bewirken konnte. Wenn Du es schaffst, einen Menschen glücklich zu machen und ihm das Lächeln zurück zu bringen, von einem, der schreckliche Dinge in seinem Leben erlebt hat und Du keine Angst oder Vorurteile hast, aufgrund der Dinge, die er daraufhin tat, und Du lernst zu verzeihen, dann ist dies unbezahlbar.

Es ist auf der einen Seite für mich persönlich ein wunderschönes Gefühl, eine Bestätigung vom Klientel selber bekommen zu haben und eben nicht von den Kollegen oder den Verantwortlichen. Letztere interessieren mich diesbezüglich überhaupt nicht! Die vielfache Bestätigung von den Kindern selber ließ mich wissen, dass ich zumeist richtig handelte. Auf der anderen Seite ist es fabelhaft zu erkennen, dass ich etwas bei den Kindern bewirken konnte. Ob bei der Musik, im Foyer, bei den längeren Fahrten oder nur nach einem kurzen Gespräch auf dem Pausenhof. Den meisten war heute nicht klar, dass ich im September, wenn die Schule wieder beginnt, gar nicht mehr hier sein werde. Einige fragten mich heute und es fiel mir schwer, das über die Lippen zu bringen. Einige konnten es sich nicht nehmen lassen, mich zu umarmen. Ich hasse Abschied! Doch das Schöne überwiegt und ich bin einfach nur gespannt, wenn ich eines Tages selber die große und wunderbare Herausforderung bekommen sollte, ein Kind groß zu ziehen. Ich weiß vielleicht noch nicht alles, was richtig für das Kind wäre. Allerdings weiß ich aufgrund meines eigenen Lebens und meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, was ich nicht machen werde.

Am Nachmittag traf sich die arbeitende Bevölkerung zum offiziellen Abschiedstreffen und zu weiteren offiziellen Verabschiedungen. Zum einen ging heute ein Lehrer, der schon unzählige Jahre für die „Fondation d’Auteuil“ gearbeitet hat, in den Ruhestand. Zum anderen verlässt mein Direktor diese Maison und geht im September nach Strasbourg; in eine andere Einrichtung der selben christlichen Stiftung. Daher gab es natürlich viele warme Worte -selbst der Generaldirektor Luc Ménager war dazu angereist-, Geschenke, Häppchen und Alkohol im Überfluss. Am Rande des üblichen aber auch richtigen BlaBlas fand ich sehr ergreifend, als Luc Ménager die Frau von Pierre Sorney um Entschuldigung bat. Vor versammelter Mannschaft betonte er, dass er sehr wohl um Pierres Arbeitszeiten wüsste und ahnen könnte, welche Herausforderung das für eine Ehe und eine Familie mit Kindern ist. Ich erinnere mich auch zu oft daran, dass der Direktor meist der erste ist, der hier aufschlägt und meistens der letzte ist, der geht und bis spät abends im Büro arbeitet. Ja, selbst ich hatte ‚mal ein Meeting mit ihm und anderen bis kurz vor 1 Uhr! Auch wenn ich das nicht könnte, die Frau so sitzen zu lassen und kaum da zu sein, fand ich es einfach als richtige, würdige und sehr rührseelige Geste, um Verzeihung zu bitten. Pierres Ehefrau konnte die Tränen nicht unterdrücken.

Heute drückte man mir die Digitalkamera in die Hand! Ein Fehler, denn ich war wieder sehr leidenschaftlich, klickwütig und schoss 250 Fotos…

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