In rund zwei Wochen ist Karneval. Die Fraktionen sind bekannt: Die eine kriegt Brechreiz, die andere stürzt sich sternhagelvoll in die Menge und feiert. Als Berliner kenne ich Fasching! Da verkleiden sich die Kinder in der Grundschule am 11. November und das war’s dann. Erst seit ein paar Jahren schwappt der Rhein in die Spree. Aber der Berliner an sich blickt meist nur mit einem müden Lächeln auf die Versuche, die rheinische Tradition in der Hauptstadt zu integrieren. Der Berliner feiert gerne, keine Frage, aber er braucht kein besonderes Datum für die Bier- und Gute-Laune-Freigabe.

Welches Kostüm in 2010?

Nichtsdestotrotz dürften auch in diesem Jahr wieder Millionen Karneval von Altweiber bis Rosenmontag feiern. Am 11. Februar geht’s schon wieder los. Und für viele stellt sich neben der Frage, in welcher Location sie Party machen werden, auch die, mit welchem Kostüm sie auftauchen. Die letztere ist gerade in diesen Tagen brandaktuell. Viele begehrte Verkleidungen sind bereits ausverkauft; zumindest, wenn man den Versandhändlern und ihrem Online-Bestellstatus trauen darf.

Haben Sie Kinder und suchen noch ein Kostüm für die Kleinen? Wie wäre es denn mit etwas, das momentan total „in“ ist? Vielleicht etwas, dass das Kind im Fernsehen oder noch besser im Kino gesehen hat? Ja, da wäre doch z.B. „Wickie und die starken Männer„: Michael „Bully“ Herbig hatte doch im September einen äußerst erfolgreichen Kinostart mit der Realverfilmung hingelegt. Der drittbeste Kinostart aller deutschen Filme jemals! 5 Millionen Zuschauer sahen den Film rund um den kleinen Sohn des Wikingerhäuptlings Halvar von Flake im Kino an. Dass es eine Fortsetzung geben wird, steht bereits jetzt fest.

Wikinger sind „IN“

Da liegt doch der Schluss nahe, diesmal als Wikinger aufzutreten. Und wer entsprechend ausgestattet ist, der hat auch als Erwachsener ein bäriges Kostüm für Karneval, mit dem er protzen kann. Nun gibt es bekanntlich nicht nur das Kaufhaus oder den Kostümverleih. Auch im Internet haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Geschäfte etabliert, die sich teilweise ausschließlich um Karneval kümmern. Von den Möglichkeiten bei den Online-Auktionshäusern brauche ich gar nicht erst zu reden. Doch wie und wo sucht man gezielt nach Wikinger-Kostümen? Klar, bei einer Suchmaschine des Vertrauens und mit den Stichwörtern „Wikinger Shop“ oder „Wikinger Versand“. Ganz einfach!

Und schon landet man sehr schnell beim Online-Shop des „Wikinger Versands“. Er präsentiert sich auf den ersten Blick freundlich und im typischen Mittelalter-Stil. Ja, sogar ein Gewinnspiel wird angeboten. Der Shop scheint sehr umfangreich zu sein. Es gibt auch keine teure Servicenummer, nein, über eine deutsche Festnetznummer kann man den Laden telefonisch erreichen. Und siehe da: Die Rubrik „Kinder“. Klick! Und weiter zum „Spielzeug“. Klick! Das Wikinger-Komplettset für Kinder, passend zu Karneval. Suchen wir weiter, finden wir auch Wikingerschwerte, die nicht für Kinder, sondern nur an Personen über 18 Jahren verkauft werden dürfen. Rustikal, männlich und teuer. Perfekt für ein Kostüm, möchte man meinen. Und da haben wir schon den Salat: willkommen zu einem der „größten deutschen Vertrieben der extremen Rechten„.

Der Wolf im Schafspelz

Mich erreichten e-mails von besorgten Eltern, die leider zu spät feststellten, dass der Shop keine harmlose Seite ist. Deswegen meine Motivation, darüber zu schreiben. Dem rechten Milieu darf keine Plattform geboten werden; es muss aber informiert und aufgeklärt werden. Die rechte Szene schlägt immer mehr einen anderen Weg ein. Zwar gibt es jeden Tag drei rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland; auch die Brutalität nimmt jedes Jahr zu und hat im vergangenen Jahr wieder ein Rekordniveau erreicht. Auf der anderen Seite reformiert sich das rechte Lager: Es versucht sich meist außerhalb der Städte mit freundlichen Ferienlagern, bietet Jugendclubs an, wo der Staat sich zurückgezogen hat, verteilt kostenlos rechte Musik-CDs auf Schulhöfen und bei NPD-Infoständen stehen meist nicht die hohlen Glatzen, sondern die paar Wenige im Kreis, die sich noch artikulieren können. Das geht aus Interviews mit Aussteigern und aus den Jahresberichten der Sicherheitsbehörden hervor. Und vielleicht hat es der eine oder andere schon entdeckt: Auf Demonstrationen kann man die rechten meist nicht mehr von den linken Militanten äußerlich unterscheiden.

Auch die Website des rechten „Wikinger Versands“ aus Bayern schafft es, zunächst einen anderen Eindruck zu vermitteln. Aber der scheint trügt, wie der zweite Blick enthüllt: So befinden sich indizierte CDs von rechten Musikbands im Online-Shop sowie Aufkleber mit eindeutigen Schriften wie „Ausländer rein, wir sagen nein“. Die weitere Suche ergibt, dass hier offenbar mit rassistischen, antisemitischen und NS-verherrlichenden Produkten gehandelt wird. Im Impressum steht Siegfried Birl als Inhaber, der laut Netz-gegen-Nazis.de ein einschlägig Bekannter aus der extremen Rechten ist und zudem der extrem nationalistischen NPD angehört. Neben der CD-Produktion bietet er „gezielt“ Produkte für Kinder an. Das Beispiel, mit der ich Sie auf die Seite gelockt habe, kommt nicht von ungefähr. Im Internet verklickt man sich mal schnell, doch es gilt wie immer: Augen auf beim Online-Kauf! Und wenn der zweite Blick braun ist, dann stinkt es gehörig. Denn braun ist -verzeihen Sie den Ausdruck- ganz große Scheiße.