Der Abschied des doch drittklassigen Torwarts wurde zum Medienspektakel. Gleich mehrere Fernsehsender übertrugen die Zeremonie zum Gedenken an den Hannover96-Spieler Enke, Weit über eine Woche beherrschte das Thema die Zeitungen. Der Grund dieser medialen Inszenierung klang nach Sommerloch. Das Resultat war jedoch viel schockierender. Stefan Niggemeier hatte den Werther-Effekt treffend erklärt. Auch das ZAPP-Medienmagazin zeigte noch mal ganz deutlich die „Massen-Trauer in den Medien“ auf. Und der Spiegelfechter betrachtete die vermeintliche „Ethik der Qualitätsmedien“ ebenfalls sehr treffend, und verglich -nicht zu unrecht- mit Sebastian Deisler.

Doch nicht nur bei Enke, auch bei den vergangenen Amokläufen kritisierten Polizeigewerkschaft und -Psychologen die übertreibende Berichterstattung. Allen voran sorgte mal wieder die Boulevardblätter für eklige Bilder (mit Foto-Kollagen in der Form: In diesem Kampfanzug und mit diesen Waffen wird er wohl im Klassenraum gestanden und seine Lehrer und Schüller erschossen haben). Nach den Amokläufen gab es Hunderte (!) Trittbrettfahrer. Experten gehen davon aus, dass derartige Berichterstattungen maßgeblich dazu beigetragen haben. Beweisen lässt es sich nur bedingt.

Stillschweigen über Selbstmordfälle

Ein guter Freund von mir, der in Berlin leitender Notfallseelsorger ist, erzählte mir einmal, dass man sich vor Jahren mit den lokalen Medien verständigte, nicht über Suizidfälle bei U- und S-Bahnen zu berichten. Seit dem gab es weniger Selbstmordfälle in Bahnhöfen. Ich frage mich, was in den Köpfen der betroffen Menschen vor sich geht? „Achja, hab vorhin im Radio gehört, dass „Warschauer Straße“ gesperrt ist, weil sich jemand auf die Gleisen geknallt hat. Heut ist ein schöner Tag, ich mach das auch.“ Natürlich nicht! Doch mit gesundem Menschenverstand ist es mir als Laie nicht zu erklären.

Ich stehe hilflos da, und versuche Sachliches von Persönlichem zu trennen. Als Journalist habe ich keine Wahl. Gerade als jemand, der selber „in den Medien“ ist, jemand, der andere informieren soll, fällt es schwer, das richtige Maß zu finden. Auf der einen Seite denke ich mir, wenn ich nichts berichte, gibt es keine Nachahmer und ich schütze so -zumindest für’s Erstere- den labilen Menschen, der sich vielleicht durch meinen Bericht hätte animiert gefühlt. Auf der anderen Seite steht der klare Anspruch, über wichtige Dinge zu berichten; und vielleicht auch ein klein wenig der Hintergedanke: Wenn ich das nicht berichte… dann macht das die Konkurrenz wenige Minuten später, oder der Chefredakteur kommt rein und fragt, wieso ich das nicht „drin“ habe. Ein Dilemma.

Friedenstaube im Sturzflug

Anlass, über meine Gedanken an dieser Stelle zu schreiben, war hingegen eine weiße Taube, die mich aus dem Schlaf gerissen hat. Eine weiße Taube, wohlgemerkt! Die Friedenstaube, die Reine, die Botschafterin des Lebens. Und eben jene knallte offenbar im Sturzflug gegen meine Balkontür und brach sich dabei das Genick. Die leicht verfremdete Darstellung im Bild zeigt den anschließenden Abdruck am Fenster und ist etwas nach oben hin zum Balkon über mir fotografiert, damit man die Umrisse erkennen kann. Eine Friedenstaube lag nun blutend auf meinem Balkon. Der Aufprall war offenbar so heftig, dass sie auf der Stelle tot war.