Bei der Bundeswehr wird gesoffen, mit Waffen posiert, die Soldaten werden in der Grundausbildung gedrillt und unter Druck gesetzt, und auch der Samendruck sei wohl richtig hoch. Meine Güte, welch ein Skandal! Da wäre ja niemand drauf gekommen. Sie etwa? In vielen Nachrichten Medien konnte man heute gleich zwei verfälschte, an sich widersprüchliche Eindrücke gewinnen: Derartige Vorkommnisse sind eine wahre Neuigkeit in der 56-jährigen Geschichte der Bundeswehr. Zum Anderen: Die gesamte 235.000 Mann starke Armee mit über 7.000 Auslandssoldaten wäre ausnahmslos davon betroffen. Ich möchte die tatsächlichen Skandale nicht im Geringsten verharmlosen; ohne sie an dieser Stelle erneut aufzulisten (davon konnte man in den vergangenen Tagen genug lesen). Ich möchte auch keine Diskussion über die Bundeswehr lostreten. Es geht mir in diesem Artikel ausschließlich um die Sinnhaftigkeit dieser Pseudo-Meldungen. Auch darum, zwischen Bier-Trinken und sexueller Nötigung differenzieren zu können.

Kritik am Wehrbeauftragten

Dass der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages die Skandale aufgedeckt und auf den Tisch geknallt hat, war wichtig und notwendig; auf der anderen Seite aber auch eine Selbstverständlichkeit in seiner Funktion. Seine Aufgabe ist unabdingbar für eine Parlamentsarmee. Er ist einer der wenigen, der sowohl der Politik als auch der Öffentlichkeit die Probleme innerhalb der Armee aufführt und auch aufführen kann. Kaum jemand hat mehr Einblick in die Geschehnisse und ist trotzdem unabhängig. Dass nun der FDP-Politiker (teils aus den eigenen Reihen, zumindest aber aus der Koalition) attackiert wurde, war schädlich für die Demokratie und ihrer Institutionen. Wer seine jährlich erscheinenden Wehrberichte gelesen hat, wird sich ohnehin über die haltlose Kritik, aber vor allem auch über die heutigen Meldungen gewundert haben. Was ist neu? Nichts.

„Angst und Schrecken“ verbreitende Nachrichtenmedien

Ein weit verbreitetes Ritual dürfte das sogenannte „Spindsaufen“ sein. (…) Dabei werden Kameraden während der Grundwehrdienstzeit in einem Spind eingeschlossen und durch Wackelbewegungen in Angst und Schrecken versetzt. (…) Eine Variante ist ein Spiel namens „Jukebox“. Dabei wird ein Soldat in seinen Spind eingeschlossen, zum Singen genötigt und umgestoßen.
Spiegel Online, 25.01.2011

Einen „Schrecken“ könnte man bei so einem Absatz des Spiegels bekommen; nicht aber wegen der Panikmeldung. Das Spindsaufen ist beinahe so alt wie die Bundeswehr selbst und auch die „Jukebox“ lässt alleine schon vom Namen her eine Zeit jenseits der iPod-Generation vermuten. Diese Spiele sind offensichtlich stumpf und für Außenstehende erst recht irritierend. Gezwungen werden die Rekruten allerdings nicht (auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt). Ob dieses Spiel bei freiwilliger Teilnahme „Angst und Schrecken“ verbreiten würde, ist äußerst spekulativ. Der Bundeswehr und der Regierung geht es diesbezüglich rein um die Außenwirkung. Sollen die Soldaten doch Schildkrötenrennen spielen; Hauptsache, es kriegt draußen keiner mit. Die nicht zu tolerierenden menschenverachtenden Ausnahmen werden allerdings durch den Wehrbeauftragten (nach einer Eingabe) aufgeklärt oder durch militärische Vorgesetzte disziplinarrechtlich geahndet.

Der Spiegel der Mutproben

Die zahlreichen „Mutproben“, die der Spiegel in seinem Artikel aufführt, sind allesamt keine Neuigkeiten, auch wenn dies der Artikel auf der medialen Nr. 1 suggerierte. Es sind schlimme Einzelfälle, die regelmäßig in den Wehrberichten auftauchen. Beispiel 2004:

Ein Gefreiter wurde während seiner Grundwehrdienstzeit von Kameraden in einem Spind eingeschlossen und durch die Lüftungsöffnungen mit Wasser bespritzt. (…) Der zuständige Batteriechef distanzierte sich im Rahmen disziplinarer Ermittlungen aufgrund des Vorfalls nicht klar genug vom Ritual des „Spindsaufens“ und ergriff keine disziplinaren Maßnahmen gegen die beteiligten Soldaten.
46. Jahresbericht des Wehrbeauftragten

Besäufnis bei der Bundeswehr?! Ach was…

Und dann, ach Du Schreck, bei der Bundeswehr wird gesoffen! Da betrank sich eine Mannschaft sogar „hemmungslos“ (Spiegel Online, 25.01.2011). Lieber Spiegel, arbeiten bei Ihnen ausschließlich ehemalige Zivis, die als Ausrede für ihre Ausmusterung ein bedeutendes Praktikum bei „Wild und Hund“ angaben? Man muss kein Soldat gewesen sein, um die gängigsten Klischees über das Soldatenleben zu kennen. Das macht die Sache nicht besser. Alkohol ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft, und auch die Menschen in der Bundeswehr sind Teil dieser Gesellschaft. Der Mensch dahinter wird gerne vergessen. Dass der Missbrauch in einer solchen Institution deutlich größer sein dürfte als in einem arabischen Kulturverein, liegt auf der Hand. Sie implizieren aber mit Ihrer permanenten Panikmache vermeintliche Neuigkeiten und das verzerrt die Wahrheit. Auch das Thema „Alkohol“ führt der Wehrbeauftragte jährlich auf. Im Wehrbericht 2010 (heute veröffentlicht) heißt es beispielweise:

Nicht selten gehen Dienstpflichtverletzungen mit übermäßigem Alkoholkonsum einher. Außerdienstliches Fehlverhalten, körperliche Misshandlungen und Übergriffe, verbale Entgleisungen und Pflichtverletzungen aller Art (…) bedürfen der konsequenten Aufarbeitung und Ahndung durch die jeweils zuständigen Disziplinarvorgesetzten.
52. Jahresbericht des Wehrbeauftragten

Zukunft der Bundeswehr

Die zwei zitierten Artikel von Spiegel Online wurden offensichtlich unabhängig von dem Wehrbericht 2010 publiziert, nehmen den Bericht jedenfalls nicht auf und beziehen sich ausschließlich auf die aktuellen „Skandale“. Dabei gibt es durchaus spannende Passagen, die man näher hätte beleuchten können, so z.B. folgende Einschätzung:

In Zukunft wird es in der Bundeswehr keine Wehrpflichtigen mehr geben. Das macht die Nachwuchsgewinnung schwieriger und teurer.
Wehrbeauftragter, 25.01.2011

Wie lässt sich dies mit den milliardenschweren Einsparungszielen und der Behauptung zu Guttenbergs, durch den Wegfall die Aussetzung der Wehrpflicht würde man den Jahresetat des BMVg kürzen können, in Einklang bringen? Statt dessen schreibt der Spiegel nur eine Pressemitteilung ab, die die dpa abgeschrieben hat. Schade!

Neuer Wehrbericht erschienen

Ich finde es wichtig, dass über die Probleme innerhalb der Bundeswehr geschrieben wird, und nicht nur dann, wenn der Jahresbericht des Wehrbeauftragten veröffentlicht wird. Dass bei der Bundeswehr Bier getrunken wird, hat aber nichts auf der „1“ eines Nachrichtenmediums zu tun. Ich erinnere: Die Meldungen geschahen nicht im Zusammenhang mit dem Wehrbericht. Darüber hinaus können die Einzelfälle nicht zu einem systematischen Rundumschlag deklariert werden. Die Intentionen der Spiegel-Artikel lassen aber diesen Schluss zu. Schade! Ärgerlich! Da war die Tagesschau mit ihrem Online-Artikel „Rüde Umgangsformen an der Grenze zur Straftat“ nicht nur schneller, sondern in ihrer nachrichtlichen Gewichtung auch ehrlicher.

Der 52. Wehrbericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus ist heute erschienen. Erst vor 10 Monaten wurde der letzte Jahresbericht des damaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe veröffentlicht. Das PDF-Dokument können Sie hier herunterladen.