Ein seltsames Phänomen: Während bereits in anderen Ländern die Radionachrichten bei Twitter veröffentlicht werden und Facebook-Fans jenseits der halben Million gezählt werden, könnte man hierzulande den Eindruck gewinnen, dass viele Sender (und gerade die Öffentlich-Rechtlichen) den Griff zu den virtuellen Sternen verpassen. Dabei kommen heutzutage kaum noch Unternehmen ohne einen Ableger bei Twitter und Facebook aus (z.B. hat Coca Cola 22 Mio Fans bei Facebook!). Eine perfekte Werbung: Mundpropaganda ist noch immer das A und O. Aber auch die Medien (und darunter immer mehr Hörfunksender) sind auf dem Vormarsch… und sie werben nicht nur! Denn rein statische Ableger gibt es bei den aktiven Sendern kaum noch.

Mehr Content = mehr Follower

Wer Follower haben will, muss regelmäßigen Content anbieten und den Kontakt zu den Hörern halten und pflegen. Diejenigen, die das in Deutschland beherzigen, machen das sehr erfolgreich: Antenne Bayern und Radio Fritz (rbb) haben nicht umsonst 30.000 Fans bei Facebook. Sie bieten aktuelle Inhalte an und kommunizieren mit ihren Hörern. Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele: Weshalb ein kleiner Lokalsender mit einem sehr begrenzten Personaleinsatz und geringem Budget keine große Präsenz in Sozialen Netzwerken halten kann, dürfte auf der Hand liegen. Bei anderen wirkt diese Ignoranz aber fast schon grotesk: Weshalb haben beispielsweise Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk mit einem Jahresetat von fast 200 Mio Euro keinen Ableger bei den Sozialen Netzwerken, während sie zeitgleich mit dradio.de eine sehr umfangreiche Website betreiben? Der Mehraufwand dürfte mit automatisierten Prozessen nicht größer sein. Vielleicht gibt es bei einem derart geringen Etat keine Planstelle? Wir müssen ja überall sparen!

Twitter- und Facebook-Charts

Wie intensiv nutzen die deutschen Radiosender die Sozialen Netzwerke? Zeit für eine umfangreiche Analyse: Wie viele Follower haben im Februar 2011 die Radiosender bei Twitter, wie viele Fans auf ihrer Page bei Facebook? Stimmt das klischeehafte Bild von den verstaubten Öffentlich-Rechtlichen, oder können selbst sie in den Social Networks punkten? Für diese Erhebung wurden 353 Hörfunksender begutachtet. 204 von ihnen sind Private, 60 Öffentlich-Rechtliche, 23 von Hochschulen und 66 sind Freie Kanäle oder Bürgerfunks.

[UPDATE 22.02.2011]

  • Bitte besuchen Sie meine neue Website radiocharts.rockbär.de – Dort finden Sie die aktuellen Facebook- und Twittercharts deutscher Radiosender

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Angezeigt werden ausschließlich offizielle Facebook-Pages und offizielle Twitter-Accounts, die von den jeweiligen Hörfunksendern selber betrieben werden, NICHT aber private Fanseiten, einzelne Sende-Rubriken, reine Verkehrssender mit automatisierter Sprachausgabe, Sondersendungen oder alternative Content-Pages (Facebook gibt z.B. bei fehlenden Fanseiten häufig eine Wikipedia-Zusammenfassung als Landingpage aus, die etwas irritierend als normale „Page“ angezeigt wird und der man auch gefällig sein kann, letztendlich aber z.B. keinen aktuellen Content bietet und keine Fanpage im herkömmlichen Sinne ist). In Einzelfällen (z.B. bei der FB-Page von „DRadio Wissen“ oder dem Twitter-Account von „B5 aktuell“) war es nicht immer ganz ersichtlich, ob ein Ableger im Sozialen Netzwerk tatsächlich offiziell vom Sender eingerichtet wurde. Denn seltsamerweise verlinken nicht alle Sender zu ihren offiziellen SozialenNetzwerk-Ablegern. Die „Deutsche Welle“ wurde nicht aufgegriffen, da sie in Deutschland nicht senden darf. Auch 90elf wurde bei dieser Erhebung rausgenommen, da man den Fußballsender (bis auf ein kleines DAB+ Pilotprojekt) ausschließlich online empfangen kann. Quelle der (nahezu vollständigen) Radiosender-Liste: Wikipedia. Sämtliche Werte wurden zwischen dem 11. und 12. Februar 2011 ermittelt. Es wurden mit Ausnahme der Internetradios alle Sendertypen aufgegriffen (Öffentlich-rechtliche Sender, Private, Freie Sender, Offene Kanäle, Hochschulradios und Bürgerfunks), die in Deutschland für Deutschland (und überwiegend) auf Deutsch senden (dürfen). Eine „0“ (Null) zeigt auf, dass es für diesen Radiosender keine offizielle SocialNetwork-Seite bei Twitter oder Facebook gibt.

twitter

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Auswertung für TWITTER

Über rund 170.000 Follower dürfen sich die deutschen Radiosender freuen. Die meisten folgen einem Öffentlich-Rechtlichen (über 81.000), dicht gefolgt von den Privaten mit rund 76.000 Follower. Allerdings sollte man bei der Auswertung bedenken, dass es gut drei mal mehr Private als Öffentlich-Rechtliche Radiosender in Deutschland gibt. Auch haben nur rund die Hälfte der Öffentlich-Rechtlichen Sender überhaupt einen offiziellen Twitter-Account; bei den Privaten sind es rund Zweidrittel. Insofern sind die Durchschnittszahlen ein besseres Indiz für die Akzeptanz beim Hörer: Pro Öffentlich-Rechtlichem Radiosender, der über einen Twitter-Account verfügt, gibt es im Schnitt 2600 Follower. Bei den Privaten liegt der Durchschnitt mit lediglich 600 Follower deutlich tiefer. Aber auch hier könnte man aufführen, Äppel nicht mit Birnen zu vergleichen: Die Öffentlich-Rechtlichen haben eine große Reichweite, während manche Lokalsender nur ein paar zehntausend potentielle Hörer besitzen und dementsprechend niemals auf so hohe Followerzahlen kommen könnten (zur Problematik siehe auch „Schwachpunkte bei der Erhebung“ weiter unten). Alle TOP 5 – Radiosender sind Öffentlich-Rechtliche Programme und die meisten von ihnen sprechen Jugendliche und junge Erwachsene an. Die geringsten Werten haben verständlicherweise die Hochschulradios und die Freien Sender und Bürgerfunks. Nur ein Drittel der Freien Sender, Offenen Kanäle und Bürgerfunks haben einen Twitter-Account. Was allerdings in Anbetracht der jungen Hörerschaft verwundert: 30 Prozent der Campusradios besitzen keinen offiziellen Twitter-Account.

Facebook

Facebook

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Auswertung für FACEBOOK

Im Vergleich zu Twitter verhält es sich bei Facebook (zumindest auf den ersten Eindruck) genau umgekehrt: Hier liegen die Privaten mit über 900.000 Fans deutlich vorne. Die Öffentlich-Rechtlichen haben bei Facebook nur knapp 350.000 Fans. Auch in den TOP 5 der absoluten Zahlen befinden sich mehr Private als Öffentlich-Rechtliche. Wie auch schon in der Auswertung für Twitter erwähnt, lassen sich die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten nur schwer vergleichen (siehe auch „Schwachpunkte der Erhebung“ weiter unten). Denn in den Durchschnittszahlen gewinnen auch bei Facebook wieder die Öffentlich-Rechtlichen. Rund 10.000 Fans hat ein Öffentlich-Rechtlicher Radiosender im Durchschnitt, bei den Privaten ist es gerad mal die Hälfte. Dabei haben 83 % aller privaten Sender eine Präsenz bei Facebook; die Öffentlich-Rechtlichen (ähnlich wie bei Twitter) aber nur rund die Hälfte.

Verbesserungsvorschläge für die Sender

Zunächst einmal zeigen die Zahlen, dass erstaunlich viele Sender den Trend Richtung Social Networks erkannt haben. Deswegen wäre ein einfacher Ratschlag für all diejenigen Sender, die noch keinen Ableger bei Twitter oder Facebook (oder nur eine Karteileiche) besitzen: Engagieren Sie sich! Posten Sie auch mal die Nachrichten in Kurzform stündlich bei Facebook oder Twitter! Crossposten Sie Podcasts und sonstige Sendungsmitschnitte z.B. bei Facebook! Und von mir aus auch mal die Ankündigung eines Gewinnspiels. Oder wie wär’s mal mit einem exklusiven Gewinnspiel auf Facebook? Verlosung unter allen Kommentaren eines Beitrags. Gleich kommt ein spannendes Thema? Dann informieren Sie als Teaser vorab die Hörer! Wie ist die Meinung der Hörer zum Thema? Fragen Sie sie! Die Hörerschaft ist schon längst bei den Social Networks angekommen, warum nicht auch die Sender? Selbst mit einer kleinen Redaktion kann man viel bewirken: Antenne Düsseldorf hat -im Vergleich zu anderen Lokalsendern- mit die meisten Follower bei Twitter und Facebook. Es funktioniert, und das auch im kleinen Rahmen! Ihre Hörer werden es Ihnen danken, wenn Sie sie fördern und fordern, und Sie auf die Fragen und Anmerkungen der Hörer reagieren.

Bei der umfangreichen Recherche fiel auf, dass ein sehr großer Teil keine Kurz-URL für die Fanpage bei Facebook verwendet. Eine der umständlichsten und längsten Adressen hat der Neusser Radiosender NE-WS 89.4 mit http://www.facebook.com/pages/NE-WS-894-Das-Radio-im-Rhein-Kreis-Neuss/124191824314620. Dabei könnte sie auch einfach http://www.facebook.com/news-89.4 lauten. Die sogenannte Vanity-URL wirkt deutlich professioneller und kann hier erstellt werden. Alte Adressen verlieren übrigens nicht ihre Gültigkeit. Facebook leitet dann automatisch zur neuen Short-URL weiter.

Verlinken Sie von jeder Seite ihrer Website zu den Social Networks und verstecken Sie sie nicht in irgendeiner Sub-Sub-Subseite! Und verlinken Sie zu der richtigen Adresse! Energy Rhein-Main verlinkt beispielsweise zu einer falschen Adresse bei Facebook (fälschlicherweise auf anstelle zu radioenergyrheinmain, siehe Screenshot). Nutzen Sie zudem eine (Fan)Page und keine Gruppe! Es gibt auch einzelne Sender, die verwenden sogar eine persönliche Seite (!) oder geschlossene Gruppen. Das ist völlig fehl am Platze. Zeigen Sie auf der Facebook-Pinnwand alle Nachrichten an und nicht nur die von Ihnen bzw. Ihrem Sendern. Erlauben Sie Ihren Fans, Inhalte auf der Pinnwand zu posten (nicht zu verwechseln mit den Kommentaren). Twitter und Facebook bieten eine API-Schnittstelle an. Sollten Sie ein Redaktionssystem bzw. Content-Management-System (CMS) verwenden, könnten Sie automatisiert in den Social Networks crossposten. Erstellen Sie z.B. für Ihre Homepage eine Nachricht, erscheint automatisch bei Twitter und Facebook die Meldung mit einem Link (…ohne, dass das Soziales Netzwerk besucht werden muss). Der Mehraufwand für den Redakteur ist gleich null; der Mehrwert für den Hörer aber enorm.

Schwachpunkte der Erhebung

Die absoluten Zahlen lesen sich immer spannend, die TOP-5-Werte faszinieren, aber die Relation zum Sendegebiet bzw. zur potentiellen Hörerreichweite fehlt. Ein Manko dieser Erhebung. Ebenfalls wäre eine regionale Aufschlüsselung interessant. Dieses Ergebnis wäre allerdings wieder durch die Tatsache verfälscht, als dass es auch zahlreiche überregionale Hörfunksender gibt. Nur selten gibt es deckungsgleiche Sendegebiete zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten, wie es z.B. in Berlin-Brandenburg der Fall ist. Darüber hinaus sind die Twitterzahlen problematisch: Denn im Gegensatz zu Facebook gibt es hier zahlreiche Spam-Follower, die -teils automatisiert- dem Sender folgen, obwohl dahinter aber gar kein Hörer (genauer gesagt: Mensch) steckt. Genaue Zahlen oder prozentuale Anteile -wer echt ist und wer nicht- gibt es bei Twitter nicht. Dieses Problem hat Facebook nicht: Hinter jedem Fan steckt auch ein Mensch, der dem Sender ein „Gefällt mir“ verpasst hat. Des Weiteren kann man von den Zahlen nicht zwangsläufig auf die Qualität schließen: Bei der Auswertung fällt auf, dass die meisten Sender mit vielen Followern und Fans ein eher junges Publikum hat. Die Hörer der älteren Generation (und seien sie noch so gut in den MA-Zahlen vertreten) surfen seltener und (noch) deutlich weniger bei Facebook, und erst recht bei Twitter.

Gefällt mir: 1,5 Mio Deutsche folgen ihren Radiosendern

Ein Fazit zu ziehen – mit all den umfangreichen Daten und den unterschiedlichsten Radiokonstellationen in Deutschland – dürfte schwer werden. Es gibt noch viel Spielraum für weitere Interpretationen. So könnte man die einzelnen Radiogruppen zusammenfassen. Energy würde dann beispielsweise mit 102.779 Fans bei Facebook auf den dritten Platz in Deutschland rutschen. Oder was ist mit den Lokalradios im radioNRW-Verbund?

Letztendlich sprechen die Zahlen aber für sich und die verblüffen: Die 353 Radiosender haben 1.277.796 Fans bei Facebook und 169.426 Follower bei Twitter! In Deutschland gibt es also rund 1,5 Millionen Menschen, die bewusst und auf eigenen Wunsch hin ihrem Lieblingssender bei Twitter und Facebook folgen. [Update 22.02.2011] Bitte besuchen Sie meine neue Website unter radiocharts.rockbär.de – Die Facebook- und Twittercharts werden dort mehrfach täglich aktualisiert. Außerdem können Sie nach zahlreichen Filterkriterien suchen und die Werte als PDF- oder CSV-Datei herunterladen. [/UPDATE]