In diesen Tagen wird die zweite Millionen-Marke erreicht: 2 Mio Facebook-Fans folgen dann hierzulande einem Radiosender. Die aktuellen Statistiken und Diagramme aller deutschen Radiosender bei Twitter und Facebook finden Sie hier: http://radiocharts.rockbär.de – Trotzdem hat bekanntlich jede Medaille auch eine Kehrseite und auch bei den Fanzahlen kommt diese Redensart zur Geltung. Die Kehrseite sollte erwähnt werden, um die Grundproblematiken verstehen und deuten, auf der anderen Seite aber auch, um korrekte Schlussfolgerungen treffen zu können.

Qualitität ≠ Quantität

Grundsätzlich sagen die Fan- und Followerzahlen nichts über die Qualität eines Mediums oder die Intensität des Kontakts zwischen Fan und Medium aus. Es sind zunächst einmal rein quantitative Zahlen, die einer genaueren Begutachtung bedürfen. Die Facebook- und Twitter-Charts haben daher nur auf den ersten Blick eine Relevanz. Auf dieser Website gibt es deshalb auch zahlreiche weitere Statistiken, Diagramme und Filterkriterien, die zur genaueren Untersuchung eingesetzt werden. Da Sie alle Statistiken auch als Datei exportieren können, lohnt immer auch der Querverweis mit anderen Werten (z.b. Reichweiten, Einwohnern oder sonstigen Quoten).

Fanzahlen ≠ Nutzerzahlen

Sowohl bei Facebook als auch bei Twitter geben die offiziellen Zahlen nicht die aktiven Nutzer wieder. „Aktive“ Nutzer bei Facebook haben sich in den letzten 30 Tagen mindestens einmal eingeloggt; sie geben keine Karteileichen wieder. Facebook führt zwar über die Facebook-Werbeanzeigen eine solche Nutzerliste mit „Aktiven“. Allerdings gelten diese Angaben nicht für eine einzelne Page, sondern nur allgemein, ortsbezogen und sind auch noch geschätzte Werte. Nur Administratoren einer Facebook-Page haben in den Statistiken (Insights) genauere Einblicke. Sie sind nicht öffentlich zugänglich. Bei Twitter fehlt diese Information völlig.

Spam-Follower

Teils automatisiert, teils persönlich auf „Folgen“ geklickt: In den Follower-Zahlen tummeln sich bei nahezu jedem Twitter-Account SPAM-User herum. Twitter spricht hier offiziell von Follow Spam. Diese Nutzer haben kein Interesse, Ihre Tweets zu lesen, sondern wollen im Gegenteil Ihre Aufmerksamkeit erlangen. Sie können diese Nutzer blockieren und als Spam markieren; ab einer bestimmten Größenordnung ist dies aber ein immenser Aufwand, weshalb es viele einfach sein lassen. Facebook hat -zumindest theoretisch- kein Spam-Follower (siehe auch den Punkt „Fake-Friends“).

Fake-Friends

Zunächst einmal hat Facebook die SPAM-Problematik grundsätzlich besser im Griff als Twitter, was aber auch der unterschiedlichen (Registrierungs)Art der SocialNetworks geschuldet ist. Bei Facebook darf man z.B. nur ein einziges persönliches Profil pro Person erstellen (Nutzungsbedingungen Punkt 4.2). Allerdings liegt spätestens seit der Guttenberg-Unterstützerseite der Verdacht nahe, sich unlauterer Wege bedienen zu können. Das gilt für beide Sozialen Netzwerke. Dubiose Firmen bieten im Internet Fankäufe an. Hätten Sie gerne 200.000? Oder gleich eine Million? Mittels Tracking und anderer Schutzmechanismen kann Betrügern aber relativ schnell das Handwerk gelegt werden. Darüber hinaus untersagen die Nutzungsbedingungen von Facebook (sowohl für Betreiber als auch für Fankäufer) solche Verfahrensweisen. Experten schätzen, dass Fankäufe sogar ein „rechtswidriges Delikt“ darstellen, das Schadensersatzpflichten nach sich ziehen kann.

Pages liken Pages

Eine relativ neue Funktion von Facebook ist die Möglichkeit, unter der Verwendung des Pagenamens (und unabhängig vom persönlichen Profil) eine andere Page zu liken. Diese wird zwar relativ wenig genutzt, sollte aber erwähnt werden; schließlich fließt diese Fanzahl auch in die Gesamtstatistik mit ein.

„Gefällt mir“ (nicht)

Der Klick auf „Gefällt mir“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass einer Person zwangsläufig das Medium gefällt. Facebook erlaubt beispielsweise die Kommentarfunktion nur denjenigen, die vorher die Seite „geliked“ haben. Bei lebhaften Diskussionen (um noch einmal die Guttenberg-Seite zu erwähnen) heißt es also nicht automatisch, dass alle zahlenmäßigen Fans die Ansicht des Seiten-Titels teilen. Bei Medien dürfte dies eher selten der Fall sein. Gleiches gilt für die Kommentarfunktion, um eine Page zu markieren; auch hier muss der Kommentator (z.B. für sein privates Profil) vorher die Page „geliked“ haben.

Liste statt Follower

Bei Twitter kann man einem Account folgen, ohne offiziell sein Follower zu sein. Der Trick gelingt mit den Listen. Betrachten wir die Follower-Zahlen, wirkt sich diese Twitter-Funktion negativ aus, da die Liste nicht in der Gesamtstatistik des Accounts auftaucht.

Relativ lokal

Dass z.B. ein kleiner Lokalradiosender um ein Vielfaches weniger Followerzahlen haben muss als eine bundesweite Zeitung, liegt auf der Hand. Das heißt aber nicht, dass er in Relation schlechter ist oder schlechter abschneidet. Des Weiteren können überregionale Angebote die Gesamtstatistiken verzerren.

Junge Vorfahrt

Beachtet werden sollte auch, dass (noch) vor allem die junge Generation bei Facebook und Twitter ist. So ist es auch mehr als verständlich, dass YouFM und 1live zwangsweise mehr Fans in den SocialNetworks haben müssen, als beispielsweise NDR Kultur und WDR2, deren Klientel deutlich älter ist. Auch hier sagen die Statistiken nichts über die Qualität des Mediums aus.

Vermischtes Doppel

Einige Betreiber verwenden einen zusammengefassten Facebook- oder Twitter-Account für gleich mehrere ihrer Medien. Eine statistische Trennung ist dann logischerweise nicht nachvollziehbar. Außerdem lassen sich Vergleiche mit der Konkurrenz wegen möglicher Doppelungen nur schwer nachvollziehen: Sender 1 hat 50.000 Fans, Sender 2 hat 40.000 Fans… aber möglicherweise haben beide Sender 30.000 identische Fans. Das lässt sich technisch nicht herausfinden.

Ausgeblendet

Vor allem bei Facebook besteht die Möglichkeit, zwar Fan einer Page zu sein, aber gleichzeitig keine Meldungen im Nachrichtenstrom zu lesen. Mit nur drei Klicks kann ein Facebook-Nutzer alle Meldungen einer Page dauerhaft ausblenden. Abgesehen von externen Clients, die es separat anbieten, gibt es bei Twitter keine offizielle Funktion dafür. Bei Twitter liest man entweder alles oder gar nichts. Bei Facebook geht hingegen beides. Die Gefahr ist bei Facebook, aufgrund von internen Algorithmen (z.B. bei zu vielen Posts) oder durch manuelle Ausblendungen seitens der Nutzer, komplett von der Bildfläche zu verschwinden.

ABER…

es fällt auf: Medien, die einen regen Austausch mit ihren Usern pflegen (z.B. Radio Fritz, Antenne Bayern oder SWR3), kleine Lokalsender wie Antenne Düsseldorf, die präzise und aktuell ihre Hörer mit News beliefern, oder auch Sender wie radioeins, die mit Podcasts und Nachdenkpausen (dafür aber dezent eingesetzt) neugierig machen, haben deutlich mehr Follower und Fans als Karteileichen, die nur mit ihrem Namen hausieren gehen. Was offensichtlich noch viele Medien nicht erkannt haben: Facebook und Twitter sind kostenlos. Und letztendlich auch kostenlose Werbung. Der Aufwand, für die Stadt eine neue Plakatkampagne zu starten, ist (einschließlich Personalkosten) um ein Vielfaches teurer. Alte, aber auch potentiell neue Hörer erreicht man vor allem dort, wo sie sich aufhalten. Und das sind sie millionenfach bei den großen SocialNetworks wie Twitter und vor allem Facebook. Bereits heute folgen rund 2,2 Mio Twitter-Follower und Facebook-Fans einem Radiosender in Deutschland. Vor drei Monaten waren es noch 1,5 Millionen.