Oliver Kalkofe (46) bezeichnet sich selber als „Kritiker-Papst-Terminator-Gott“ des deutschen Fernsehens. Mit Kalkofes Mattscheibe (Adolf-Grimme-Preis) sorgt er seit rund 20 Jahren für erbarmungslose Schrecken – kein Medienmacher, kein Protagonist des vermeintlichen Qualitätsfernsehens ist vor ihm sicher. Aber auch als Filmemacher (Der Wixxer) und Synchronsprecher (Konferenz der Tiere, OSS 117, Monsters vs. Aliens) stellt er seine Qualitäten immer wieder unter Beweis. Sein Hang zur Parodie ist jedem offensichtlich, aber es steckt weit mehr dahinter: Er möchte die Leute wachrütteln und für neues, besseres Fernsehen begeistern.

Das ausführliche Gespräch mit Oliver Kalkofe habe ich im Rahmen der Deutschland-Premiere der BBC-Fernsehserie Come Fly with me aufgezeichnet. In der britischen Produktion schlüpfen die Comedy-Stars Matt Lucas und David Walliams (Little Britain) in 50 verschiedene Charakterrollen – der Austragungsort: ein fiktiver Flughafen. In Großbritannien sorgte die Pilotfolge mit 12,5 Mio Zuschauer für einen außerordentlich guten Start – kein Comedy-Programm wurde 2010 häufiger gesehen. Die deutsche Synchronisierung haben Oliver Kalkofe und Oliver Welke (heute show) übernommen. 3 der 6 Folgen sind bereits fertiggestellt, gab Welke bei der Premiere im Gernsehclub bekannt. „Come Fly with me“ startet in Deutschland am 31.07.2011 auf Comedy Central.

Im Interview gab Kalkofe einige bislang unbekannte Infos bekannt: So wird er nicht weiter über die Sozialen Netzwerke lästern, sondern stattdessen bald selber eine Facebook-Page präsentieren und dabei ordentlich mitschreiben. In den nächsten drei Wochen wird vermutlich die Mattscheibe eingetütet und es beteiligen sich wohl gleich zwei Sender an der Neuauflage. An Triple WixXx wird weiter gearbeitet und es wird dieses Jahr eine Audio-CD der Mattscheibe aus dem Frühstyxradio geben. Des Weiteren spricht sich Kalkofe für Kerkeling als Nachfolge von Gottschalk aus, findet die neue Wochenshow „ganz furchtbar“ und hat absolut „kein Mitleid“ mit dem Ende von 9 live („es war wirklich Betrug“).

Der Gernsehclub im Grünen Salon der Berliner Volksbühne hat sich in Berlin zu einer festen Marke etabliert. Es ist ja im Grunde genommen fast immer ausverkauft: heute 150, beim letzten Mal über 120. Was schätzt Du denn an dieser zweiwöchigen Veranstaltung?

Ich glaube, es zeigt in erster Linie, dass die Leute ein Bedürfnis danach haben, wieder mit Spaß fernzusehen. Und das wird einem zu Hause leider nicht mehr wirklich geboten. Was wir – oder viele von uns noch aus der Kindheit – kennen, dass man mit der Familie oder Freunden gesessen hat, und sich wirklich auf die Programme freute. Da konnte man dem Fernsehen noch in gewisser Weise vertrauen und hat gemeinsam gerne geguckt. Aber das fehlt irgendwie. Und jetzt ist es halt heute immer schwieriger, in den normal empfänglichen öffentlichen Programmen wirklich gute Sachen zu finden. Die alten Klassiker sieht man kaum noch, die wirklich tollen neuen Serien finden auch nicht statt, sondern nur auf kleinen Sendern, auf Pay-TV, nachts, versteckt oder irgendwo zwei Folgen und dann abgesetzt. Das Fernsehen als ein bewusstes Medium geht immer mehr zurück. Und deswegen ist das hier so schön, dass man das wieder zurückholt. Wir hätten niemals gedacht, dass das so ein Erfolg wird. Es spricht sich ‚rum und es macht einfach Spaß.

Trotz vollem Haus zieht der Gernsehclub aber auch keine Masse an…

Nee, es ist keine Masse! Ohnehin ist es so schlimm geworden, dass man immer denkt, Erfolg ist nur Masse. Also, alles unter Olympiastadion ist kein Erfolg. Und alles, was mal nicht ausverkauft ist, wo noch 20 Plätze frei sind, ist ein Misserfolg. Wenn Du bei der Eröffnung von einem großen Hollywood-Film 80 Mio Zuschauer am ersten Wochenende hast, aber man wollte gerne 100 haben, dann ist das schon ein Flop. Es ist nicht alles für die Masse! Und wenn wir damit anfangen, wirklich immer nur zu gucken, dass alles für jeden geht, dann hast du eben das Problem und hast nur die Programme, so wie sie jetzt momentan sind. Dann wird immer nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner geguckt, und immer geguckt, dass wir möglichst alle kriegen. Aber Du kriegst nicht alle! Leute, die Dinge bewusst sehen, werden immer weniger Menschen sein, als die, die den Apparat einfach laufen lassen und dabei das Gehirn ausschalten und irgendetwas nebenbei tun. Ich sag nicht, dass das Eine eben nicht existieren soll! Du brauchst die große Show und die banale Unterhaltung genauso wie aber auch die, wo Du Dich ein bisschen mehr rein finden kannst. Nur diese zweite Ebene, die geht immer mehr zurück. Und bei uns – gerade, was das Fernsehen angeht – ist sie im Gegensatz zu anderen Ländern noch viel, viel kleiner, was ich nicht verstehe und was wir nicht nötig hätten. Weil die Deutschen sind nicht blöder als die Engländer und Amerikaner.

Zu diesem Punkt möchte ich später noch ausführlicher zu sprechen kommen. Deswegen kurz zurück zum Gernsehclub: Ende August bist Du mit Bastian Pastewka auf Tour…

Ja, das hätten wir auch nicht gedacht, dass wir eine Gernsehclub-Tour machen. Zum Neustart der Pastewa-Staffel in diesem Jahr hatten wir das schon einmal. Da war auch Kessler dabei und wir haben Switch gezeigt und die Mattscheibe. Das hat so einen Spaß gemacht. Eine Mischung aus Live und Fernsehen. Man guckt gemeinsam Sachen, man beantwortet Fragen und ist mal auf so ’ne private Ebene da. Wir haben nicht irgendwelche eingeübten Nummern gemacht, bis auf so ein, zwei Kleinigkeiten. Es war ein wunderbarer Abend und alle hatten ganz viel Spaß. Weil’s so gut angekommen ist, machen wir jetzt ’ne kleine Tour mit Bastian. Ich mach auch noch ein paar Abende im Osten mit Achim, weil wir hier diesen Achim-Abend hatten. Mit Achim Menzel. Und das war eben auch so toll. Das ist ’ne wunderschöne Art! Es ist eine Mischung aus beidem und Du hast immer auch diesen privaten Touch.

Gernsehclub

Gernsehclub

Vor drei Jahren konnte man Dich das letzte Mal in Kalkofes Mattscheibe sehen. Seitdem hört man immer wieder, dass es weiter geht. Gibt’s schon Neuigkeiten, rück doch mal mit ein paar Neuigkeiten raus! ProSieben wird’s ja wohl nicht werden…

Es wird nicht ProSieben sein, es wird ein anderer Sender sein, vielleicht auch noch mit einem anderen als Partner dabei. Das Schwierige ist momentan wirklich, dass alle Sender immer kommen und sagen ‚ey, das finden wir alles ganz toll und das finden wir auch super und das ist auch richtig und Du hast doch ganz Recht, was Du sagst und so, aber hoffentlich macht das wer anders mal bald wieder.‚ Mit der Mattscheibe kriegst Du definitiv nie die ganz große Masse auf einen Schlag, sondern nur ein sehr, sehr treues Fanpublikum. Es kostet ein bisschen Geld, aber nicht viel, also nicht übermäßig viel. Aber für heute ist das schon zu viel. Deswegen dauert das ewig, momentan Leute ranzukriegen und das wieder auf die Beine zu stellen. Und wir sind jetzt – toi, toi, toi – wirklich sehr, sehr nah dran! Innerhalb der nächsten drei, vier Wochen sind Gespräche eben gerade dazu. Ich hoffe, dass ich jetzt ganz bald was sagen kann. Es ist nur so blöd: Ich kann jetzt noch nicht wirklich den Sender sagen, weil es eben noch nicht zu 100 Prozent fest steht – Das ist dann immer etwas bescheuert. Es nervt mich aber tierisch, dass ich quasi seit zwei, drei Jahren nichts anderes sagen kann. Genauso wie auch zum Thema Wixxer, wo wir wirklich da dran sind und arbeiten und schreiben und machen und es immer wieder an wirklichen Kleinigkeiten hakt…

…aber warum zieht sich das eigentlich immer so im Fernsehen? Man hat ja so den Eindruck, dass jede Gehirnburkasendung im Scripted-Reality-Format in ein paar Stunden hochgezogen wird, aber so für anspruchsvolles Fernsehen… fehlt es an Geld? Haben die Angst?

Geld und Angst, ja. Vor vier Jahren ungefähr, als die große Finanzkrise kam, brach das ganze System überall zusammen. Aber eben auch im Fernsehen, da die Werbemittel zurückgingen. Alle Sender mussten radikal kürzen und haben ihre kompletten Fiction-Formate auf 20 Prozent runtergezogen. Da haben RTL, ProSieben, Sat.1, eigentlich alle ihre geplanten Comedy-Filme- und Serien gekippt. Dann haben sie zwei, drei Jahre wirklich low, low, low Budget gemacht und nur noch irgendwie mit Bekannten bei Nachbarn gedreht. Ein Billig-Format nach dem anderen. Das wurde programmlich und inhaltlich immer schlimmer. Der Marktanteil blieb aber trotzdem und am Ende sahen sie: okay, selbst wenn Du keine überragenden Quotenmessungen am Ende hast, es war aber so billig… Wenn Du ein bisschen Werbung verkaufst, kommst Du immer noch auf ein Plus raus. Nach kurzer Zeit war aber nicht wie vorher versprochen ‚sobald uns es wieder besser geht, reden wir‚ – so war nämlich immer die Ansage an jeden. Dann sahen sie nämlich ‚oh, wir haben mit noch weniger Mühe und noch weniger Geld jetzt plötzlich ’nen Rekordumsatz eingefahren. Also machen wir doch noch mal weiter und dann kriegen wir nämlich einen Bonus und werden noch mehr gelobt.

Und jetzt haben wir das Schlimme, dass die Sender langsam wieder Geld haben und wieder Möglichkeiten hätten, aber es gar nicht wollen. Weil sie merken, es geht auch so, und wir verdienen damit noch mehr. Langsam ist allerdings ein ganz, ganz, ganz kleines Licht am Ende des Horizonts – aber nur wirklich minimal, so ein Glimmen – zu entdecken. Die Sender merken, wir können sie nicht ewig verscheißern. Aber mit Sendern zu reden ist momentan das Undankbarste und Unschönste, was man sich nur vorstellen kann. Das hat nichts mit Logik, mit Verstand, mit Ideen oder sonst was zu tun. Man muss eigentlich nur hingehen und sagen, ich hätte eine Idee, wie ich mit ’ner Webcam irgendwie im Swingerclub nebenan ’ne Dokusoap für 40 Teile mache. Scripted Reality – Ich kenn‘ noch so ein paar arbeitslose Pornostars, die machen mit. Da würdest Du definitiv sofort einen Sender kriegen. Aber alles andere leider momentan nicht. Und das ist absolut absurd.

Du sagtest mal, die Macher müsste man „zwingen, sich ihre eigenen Sendungen anzugucken“. Warum tun sie das denn Deiner Meinung nach nicht?

Das wäre das Einfachste! Ich glaube, das ist eine ganz einfache Lösung für ein besseres Programm. Wenn die sich wirklich mal hinsetzen würden und sich das ganz ansehen müssten, sie würden nie wieder versuchen, eine solche Scheiße zu machen. Sie würden sehen, was sie sich selber ihrem Hirn antun. Es ist eine so verschwendete Lebenszeit! Redakteure sind heutzutage Verwalter. Also das waren sie auch früher schon, aber es ist noch mehr so geworden. Sender wie ProSieben und Sat.1 haben inzwischen an der Wand zwei große Dateien hängen. Das eine ist das Content-Board, da sind die möglichen Inhalte, und darunter ist das Cash-Board mit den verteilenden Geldern. Und dann wird immer eine Kurve mit der anderen verglichen. Wie hoch geht die Kurve im Content-Board und wie tief geht sie da im Cash-Board. Es gibt nichts mehr von Leuten, die etwas gerne produzieren wollen, was sie auch gerne sehen würden. Die machen was und reden halt wirklich darüber, als wenn sie für Bekloppte halt Programme machen und lachen sich darüber tot. Und das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern das habe ich wirklich hundertfach erlebt. Die sitzen da und sagen sich: ‚Das ist doch der letzte Scheiß, aber wir haben Quote, das wird doch geschaut‚. Das sieht keiner von denen, das macht keiner.

…aber warum gucken die Zuschauer denn so was?

Das ist ja das Problem. Die Einschaltquote. Erstens: ewiges Thema. Sie existiert nicht! Es sind nur 5.000 Geräte, die sehr genau eine bestimmte Messung machen, die aber nichts mehr mit dem regulären Fernsehverhalten von heute zu tun haben. Weil Internet, Mediathek, aufgezeichnete Sendung etc. wird alles nicht gemessen, sondern nur quasi das Wohnzimmer-Fernsehen, so wie es in den 80ern noch üblich war. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was heute ist. Zweitens: Der Marktanteil um den es geht, ist immer von den angeschalteten Geräten. Die großen Fünf werden als Erste angeschaltet. So wird’s auch immer sein. Und Du hast ja am Nachmittag gar keine Entscheidung. Also da läuft auf RTL Verdachtsfälle, Betrugsfälle, Durchfälle. Dann läuft Richterin Salesch, Richter Hold. In den ARD/ZDF laufen irgendwelche Kaffeeklatsch-Sendungen und Telenovelas, die Du nicht mehr auseinanderhalten kannst. Da ist keines besser oder schlechter als das andere Programm. Alles der gleiche Scheiß, nur mit minimaler Änderung. Natürlich wird das dann geguckt! Es gibt gar keine Auswahlmöglichkeit. Und die Öffentlich-Rechtlichen, die sich dann immer da hinstellen und sagen ‚ja, diesen Scheiß machen wir ja nicht‚, machen halt den anderen Scheiß, aber setzen nichts Vernünftiges dagegen. Sie versuchen nicht, dem Trend entgegenzusteuern, sondern hängen sich da genau so ran. Deswegen heißt’s ja auch immer ‚es wird ja geguckt‚ – ja, klar, aber es wird nur das geguckt, was auch angeboten wird, nicht das, was Du gerne sehen würdest.

Kalkofe im Gernsehclub

Kalkofe im Gernsehclub

Du hattest die erste Show der Neuauflage von Zapping moderiert. Die schauten sich nur 30.000 Zuschauer an.

Nein, also wenn SKY und wenn Pay-TV-Sender anfangen, Quoten zu messen und danach alles zu entscheiden, dann ist sowieso alles verloren. Dann können die auch dichtmachen. Denn ein Sender wie Premiere geht ja nicht danach, dass Du das live guckst. Darum hast Du ja Pay-TV, dass Du das dann gucken kannst, wann Du willst. Oder Du guckst es Dir über die Mediathek an. Ein Sender wie SKY hat niemals mehr als ein paar Tausend Zuschauer. Du kannst hochrechnen, wie viele von den 5.000 überhaupt dieses Gerät haben. Also die Chance, das zu messen, ist noch geringer als bei anderen kleinen Sendern. Warum Du Dir Pay-TV kaufst, ist, damit Du nicht quotenabhängige Entscheidungen des Programms hast. Die Quote gilt hier nicht. Jeder Film läuft da 20- oder 50-mal und dann kannst Du nicht die Erstausstrahlung und sagen ‚das waren ja nur so viel‚. Wenn die damit anfangen, das überhaupt zu veröffentlichen, finde ich, ist das absoluter Schwachsinn. Es geht gegen die Idee des Pay-TV und gegen den Irrsinn.

Warum tut sich Deutschland generell so schwer mit neuem Stoff. Die Amis und Briten kriegen es offensichtlich besser hin, produzieren zwar auch viel Schrott, aber woran liegt’s? Wagen die mehr?

Die Amerikaner und Engländer haben einfach von ihrer Struktur des Fernsehens her ein sehr, sehr großes Konkurrenzdenken. Seit Jahrzehnten! Jedes Jahr muss jeder große Sender ein Dutzend neue Ideen präsentieren. Und zwar neue Ideen, um den anderen auszustechen. Bei uns nie. Bei uns ging’s immer: Gucken, was haben denn die anderen gemacht. Was läuft denn im Ausland, dann kopieren wir das. Aber der wichtige Konkurrenzdruck war hier nie, um eigene Ideen zu entwickeln. Deswegen ist das hier nie entstanden und wird auch nie entstehen. Hier wird nur geguckt, was die anderen machen: ‚Das kopieren wir oder kaufen ein.‘ Wenn wir hier mal was Fictionmäßiges ist, sind es zu 90 Prozent Adaptionen, die Du schon woanders gesehen hast. Wenn Du mit einem Sender sprichst, musst Du immer den Satz ‚Das ist ungefähr wie…‚ haben – wenn Du den nicht hast, kannst Du gehen. Hier ist halt nie auf Innovationen gesetzt worden, und das ist das Problem. In England und Amerika ist das immer ein Teil gewesen. Die machen genau so viel Mist, die machen genau so viel Müll. BBC hat nicht mehr Geld als die ARD und ist nicht cooler drauf, haben auch ganz viel Schrott und teilweise langweilige Programme, die aussehen wie vor 20 Jahren. Aber die haben dazwischen dann echt so solche Perlen, die Weltruhm erlangen und die einfach wirklich neue Maßstäbe setzen. Egal ob im Comedy, im Thriller oder Fiction.

Achim Mentzel ist ja mittlerweile ein guter Freund von Dir. Dabei war er in Kalkofes Mattscheibe immer der lächerlich und zottelig wirkende Xylophon-Kerl aus dem Osten.

Nee, das war eben nicht! Ein oft gehörtes Versehen. Der Xylophon-Mann ist nicht Achim Mentzel. Es gibt Menschen, die ähnlich aussehen wie Achim Mentzel – wie schlimm es für sie auch sein mag. Es ist nicht nur Achim, der so furchtbar aussieht. Viele denken immer, das wäre Achim gewesen. Aber da tun wir ihm auch zu viel Gutes: Er kann nicht Xylophon spielen. Das ist ein anderer, der nur leider mit einer ähnlich schlimmen Frisur gestraft wurde von Gott.

Hat es neben Mentzel noch ähnliche Fälle gegeben? Leute, die Du in der Mattscheibe verunstaltet hast und mit denen sich auch freundschaftliche Beziehungen entwickelten?

Also so eng wie mit Achim und auch so spontan, wie es bei ihm damals war, nicht. Es gibt inzwischen viele, die ich wirklich viel in der Mattscheibe hatte, mit denen ich sehr gut befreundet bin, die ich sehr mag und die mir das überhaupt nicht übel genommen haben, sondern auch darüber lachen. Ich glaube, sie haben auch nicht alles gesehen und nicht alles gehört. Manchmal wundert mich das schon, wenn ich selber alte Sachen dann mal wieder sehe und höre. Aber, nee, Achim war wirklich herausragend in der ganzen Geschichte. In einer Zeit, als das keiner irgendwie cool fand oder das nicht alltäglich war, bei so etwas mitzuspielen, hat er das halt gemacht. Und zwar einfach so. Er hat mich im Fernsehen über seine Sendungen gegrüßt. Lange, lange, lange vor Raab und anderen, bei denen das zu einer Pflichtübung wurde. Jeder hat das mitgemacht, weil man dann wusste, anders komm‘ ich gar nicht mehr ins Fernsehen. Achim hat’s einfach so spontan gemacht, weil er das lustig fand. Das ist wirklich etwas, was ihn über alle anderen stellt und ihn viel cooler macht.

Michael Kessler hatte mal in einem Interview erwähnt, dass er es gar nicht so toll findet, dass ihn Peter Kloeppel und andere, die er in Switch ordentlich auf die Schippe nimmt, schätzen und das auch öffentlich so kommunizieren.

Es ist auch schwierig! Also ich muss auch ehrlich zugeben, dass es die Arbeit nicht leichter macht, wenn man die Leute persönlich kennt. Und dann siehst Du vielleicht etwas, findest es ganz furchtbar, möchtest dazu was machen, weißt aber, dass das im Grunde ein netter Mensch ist, dann hast Du natürlich eine Bisshemmung. Das ist logisch, das ist auch ganz klar. Aber das hat sich ohnehin bei mir im Laufe der Jahre verändert. Alleine schon deswegen, weil ich viel mehr die Hintergründe verstanden habe. Ich hab gerade angefangen, die ganz alten Mattscheiben zu hören, mit denen ich im Frühstyxradio anfing. Dieses Jahr bringen wir nämlich die CD endlich raus. Vieles von damals habe ich komplett vergessen. Das ist 20 Jahre her! Die habe ich gehört und bin manchmal selber schockiert gewesen, was ich alles gesagt und gemacht habe. Auch was es für Sendungen gab. Das hat mein Gehirn aus Selbstschutz wirklich gelöscht gehabt.

Ich weiß auch, dass ich viele andere Dinge so nicht mehr sagen würde, sondern auf eine andere Art. Ich weiß erst jetzt bei vielen Dingen, warum sie entstanden sind, wer der Schuldige ist. Nicht unbedingt derjenige vor der Kamera, sondern oft eben auch der hinter der Kamera. Es ist ein Segen und ein Fluch, beides. Je mehr Du weißt – immer im Leben – desto weniger kannst Du einfach rausgehen und sagen ‚das ist doch alles scheiße und blöd‚. Je mehr Du die Hintergründe verstehst, desto mehr weißt Du, wie kompliziert die Wahrheit ist. Das macht dann das Leben aber auch schwieriger, und manchmal weniger lustig, weil die Mattscheibe in ihrer Urform ganz am Anfang schon davon lebte, ohne irgendein Blatt vor den Mund alles rauszurotzen, was genervt hat. Gut, später machst Du’s vielleicht inhaltlich richtiger, aber dafür dann auch anders, und zwar so, dass die Leute sagen ‚oh, warum ist er da jetzt weich geworden oder macht den nicht fertig?‚.

Findest Du überhaupt noch gute Sendungen, für die Du den Fernseher anschaltest?

Also ich gucke wirklich kaum noch was live. Also live fernsehen anmachen, privat alleine, ich, nein.

…schon die neue Wochenshow gesehen?

Find ich furchtbar. Find ich ganz furchtbar! Und ich sage wirklich selten was zu Kollegen. Es geht mir auch nicht um die, denn die meisten, die da drin sind, schätze ich sehr und die sind wirklich gut. Aber das, was da gerade gemacht wird, ist Leichenfledderei. Das ist wirklich furchtbarste billige Sketch-Comedy. Da gehört nichts zusammen. Du weißt nicht, was das sein soll und es wird mit einem großen Namen von einst beworben und hat nichts mehr damit zu tun. Das tut mir weh. Das ist echt etwas, was ich gar nicht schätze. Wenn man eine eigene, neue Sache macht, ist das gut. Aber nicht mit diesem Namen und wenn man wirklich so ein schlechtes Produkt abliefert. Das nicht. Ich finde Stromberg, Pastewka und auch Switch Reloaded sind Sachen, die ich sehr gerne gucke, aber auch lieber dann später auf DVD als live im Fernsehen. Die finde ich immer noch gut. Wenn Du jetzt mal Wer wird Millionär? einschaltest, das tut nicht weh und ist ’ne absolut akzeptable, schöne Unterhaltung – dafür schalte ich aber nicht ein.

Du hattest mal vor rund 10 Jahren in einer NDR-Talkshow gesagt, dass Du Futurama total gerne schaust. Vor ziemlich genau einem Jahr ist in den USA schon die 6. Staffel gestartet. Weißt Du zufälligerweise, wann die neuen Folgen im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden?

Nee, weiß ich auch nicht. Freu mich drauf und bin ganz gespannt.

Fotosession nach dem Gernsehclub

Fotosession nach dem Gernsehclub

Ein kurzer Schwenk zu 9live. Seit Anfang Juni gehört das Gameshow-Format der Vergangenheit an. Hast Du da mal angerufen?

Nein, also weder um mitzumachen, noch um ihnen Glück zu wünschen, dass es endlich vorbei ist. Ein Sender, der wirklich viel zu spät das Zeitliche gesegnet hat und viel zu lange auf Sendung war. Das war ein Auswuchs des modernen Fernsehens, was ganz deutlich gezeigt hat, wie in Deutschland momentan gedacht wird: Du machst etwas, das billig ist und was Kohle bringt. Das ist Betrug – wir können es nicht schön reden. Sie können es noch so versuchen, aber es war wirklich Betrug. Es war einfach der Beschiss. Das war der Hütchenspieler auf der Straße, der halt mit einem Trick arbeitet und die Doofen abzockt. Und das ist da auch geschehen. Und der Sender hat ja nicht aus moralischen Gründen irgendwann gesagt ‚okay, jetzt nach 10 Jahren sehen wir, wir kommen sonst in die Hölle, deshalb hören wir auf‚. Sondern, es haben nicht mehr genug Doofe angerufen. Und da habe ich überhaupt kein Mitleid mit. Ich finde, man hätte ihn viel früher in die Luft sprengen müssen und jede Wiederholung ist hundert Mal besser als das, was vorher lief.

Wie bewertest Du in diesem Zusammenhang eigentlich FernsehkritikTV und die Arbeit von Holger Kreymeier. Hat er möglicherweise auch zum Untergang von 9live beigetragen?

Es gibt medienkritisch momentan wenig, was in dieser Form überhaupt passiert. Man denkt, es gibt mehr. Es ist aber nicht wirklich so. Zu der Zeit, als ich mit der Mattscheibe anfing, gab es gar nichts. Dann kam die Mattscheibe mit der Humor-Art, als satirische Medienkritik. Das war dann immerhin mal etwas. Dann gab’s dann aber noch Formate wie Canal Grande von Dieter Moor. Das war super, da wurde sich eine Zeitlang damit auseinandergesetzt. Dann hat man gesehen ‚hey, man kann auch Geld machen, indem Du lustig auf den Fernseher rumkloppst‚. Dann kam irgendwann Raab, der nach kurzer Zeit eben genau so mainstreaming wurde und nichts mehr mit ernster oder überhaupt mit irgendeinem Hintergrund oder irgendeiner Aussage zu tun hatte. Deswegen sind solche Sachen sehr, sehr wichtig. Und was Fernsehkritik gemacht hat, ist hervorragend und ist wirklich klasse, weil das so eine der wenigen Foren überhaupt war, in denen sowohl auf satirisch als auch inhaltlich genau und gut recherchierte Art der Wahnsinn des Fernsehens eben mal so angeprangert wurde. Es ist allerdings auch klein, und auch das Internet wird halt häufig überschätzt. Selbst wenn es noch so viele Foren gibt, das hat 9live nicht wirklich in die Knie gezwungen. Das hat aber trotzdem dafür gesorgt, dass endlich ’ne Aufmerksamkeit da war und dass irgendwann darüber gesprochen wurde. Also: Es hat sehr, sehr viel geholfen. Sie haben nicht deswegen Schluss gemacht. Das wäre ihnen voll am Arsch vorbeigegangen, wenn die Kohle noch reingekommen wäre. Aber ich glaube, sie haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass es mit der Zeit ganz langsam so in die Knie ging.

Vor einem Monat hat ZDF-Intendant Markus Schächter gesagt, er hätte „drei Varianten im Kopf“ für eine Nachfolge von Thomas Gottschalk. Es gibt derzeit einige Spekulationen, man hört Namen wie Jörg Pilawa und noch häufiger Hape Kerkeling. Wen würdest Du Dir denn wünschen?

Ich würde mir als Erstes wünschen, dass sie das Konzept überdenken. Das ist das Allerwichtigste. Ich glaube, dass es nicht wirklich um Gottschalk geht, der in seiner eigenen Hölle mehr oder weniger gefangen war. Du hast dieses Format aus den 80ern, was niemals irgendwie renoviert wurde. Fernsehen wie vor 20 oder 30 Jahren. Mit allen guten wie auch allen schlechten Sachen. Es ist jetzt nicht alles Scheiße, aber es war einfach aus dieser Zeit gerissen. Es passte nicht mehr zum heutigen Fernsehverhalten. Man müsste also daher das Konzept überdenken. Und wenn es aber überhaupt noch in diese Richtung gehen soll, wie vorher, dann wäre für mich persönlich Kerkeling Nummer 1. Er ist der Einzige, den ich mir vorstellen kann, der sowohl witzig daran geht, ihn auch Jüngere noch lustig finden, aber auch die Alten nicht abschalten. Nichts gegen Pilawa, aber den bei „Wetten, dass…„, das wäre das Todesurteil, weil der natürlich überhaupt kein Humor oder Spontanität hat. Das ist ein Quizmoderator, Talkmaster und alles, aber …

…aber dann gäbe es vielleicht einen richtigen Relaunch, wie Du ihn erhoffst.

Das ZDF macht keinen richtigen… nicht beim ZDF! Wenn’s bei Tele5 läuft, in irgendeinem kleinen Minisender wie ZDFneo, dann ja. Aber niemals das ZDF. Die werden sich halt niemals trauen, da wirklich radikal ran zu gehen. Und wenn sie jetzt überhaupt ernsthaft sagen, dass zwischen den Momentanen die einzigen echten Alternativen Kerkeling und Pilawa sind, da gibt es keine Schnittmenge zwischen den beiden. Da muss man sich schon alleine über diese Aussage an den Kopp hauen, weil man denkt ‚Leute, für das Geld, was Ihr bekommt und für so wichtig, wie Ihr tut, das kann doch nicht Euer ernst sein.‚ Aber, naja, deswegen ich will mich an dieser Diskussion da gar nicht weiter beteiligen. So wie ich das ZDF kenne, könnte ich mir vorstellen, dass es Pilawa wird. Wenn überhaupt, wenn sie nicht noch ’ne Nummer kleiner gehen.

Nach dem Eurovision Songcontest brachten ja viele auch Anke Engelke mit ins Spiel.

Ich liebe Anke. Ich finde, dass sie ganz toll ist, und hab ihre Moderationen bei der Berlinale und beim Eurovision gesehen. Das war ganz klasse, das war super! Ich weiß nur nicht, ob sie auf so etwas wirklich Lust hätte und ob das so ihr Ding wäre. Kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, diese Alternative ist für’s ZDF einfach viel zu weit weg. Weil Anke – egal, was sie inzwischen gemacht hat – ist für’s ZDF in Gedanken immer noch Privatsender und das ist immer noch Sat.1. – Kerkeling hat halt auch Filme für ARD und ZDF zwischendurch gemacht und kommt eigentlich von der ARD. Deswegen ist das noch in deren Gedanken ein Guter und den man auch nehmen kann. Pilawa ist inzwischen transformiert, der ist durch die Cyborg-Maschine gegangen, der ist jetzt ein Borg. Und das ist das jetzt kein Problem mehr, den kann man auch nehmen. Aber Anke ist für die noch – glaube ich – nicht real auf dem Schirm. Deswegen braucht man da gar nicht zu diskutieren. Das wird beim ZDF nicht passieren.

Warum änderst Du eigentlich nicht Deine Meinung zu Twitter und Facebook? Jeder Promi twittert mittlerweile dort seinen Kaffee, doch Du hältst Dich weiter raus. Wären diese Sozialen Netzwerke nicht eine gute Möglichkeit, weitere Leute wach zu rütteln, die ja auch noch ideale Multiplikatoren wären?

Ja, ja, ja. Aber ich gebe ja auch zu, ich werde meine Meinung ändern! Ich werde jetzt was bei Facebook machen, da ich auch gesehen habe, wie viel da passiert. Ich hab mich aus Selbstschutz auch davon weggehalten! Wenn ich so ‚was mache, habe ich das Problem, dass ich dann andauernd reingucke. Und ich hab schon so absolut keine Zeit. Und ich weiß, wie viel Zeit ich verplempern werde durch Facebook. Für andere Leute ist das ’ne nette Sache, aber ich habe in der realen Welt immer noch zu viel zu tun, als dass ich mich jetzt noch virtuelle reinknie. Und deswegen wollte ich nicht noch ins Paralleluniversum einsteigen, werde es jetzt aber tun, was Facebook angeht. Es wird da etwas Offizielles geben. Twitter allerdings nicht, ich hasse Simsen. Schon immer! Egal wie modern und wie toll das ist. Ich finde Simsen einfach scheiße und ich mache das nicht gerne und deswegen will ich auch nicht twittern. Und ehrlich, wenn ich mir vorstelle, dass ich jetzt auch noch meiner Fanbase irgendwie sagen muss, wann ich kacken gehe und wo ich jetzt gerade im Kino bin… Das geht echt keinen was an. Also irgendwo ist eine Grenze und die will ich einfach einhalten. Deswegen habe ich jetzt noch nicht vor zu twittern. Aber frag mich in einem Jahr, dann habe ich bestimmt auch einen eigenen Account.

Wirst Du denn Deine neue Facebook-Page ähnlich wie Kessler bei Twitter auch selber betreuen? Oder das Deiner Agentur überlassen?

Ich würde Halbe-Halbe machen und das aber auch erkennbar machen. Ich habe ganz klar gesagt, es soll jemand geben. So ein Admin, der das dann führt, und der immer die offiziellen Sachen reinbringt. Und wenn ich Lust habe und wenn mir danach ist, antworte ich selber, aber das muss erkennbar sein. Wenn das einfach geht und ich da irgendwie drin bin und man schnell ‚mal irgendwie zwei, drei Zeilen reinschreiben kann, dann finde ich das gut, dann ist das okay, dann werde ich das auch machen.