Es traf mich wie ein Blitz, so überrascht war ich über eine Meldung eines Programmes, das ich bereits seit Jahren im Einsatz hatte: TuneUp Utilities. Ein Programm, das die Festplatte aufräumt, das System optimiert und in der Version „2010“ gute bis sehr gute Noten in zahlreichen Tests bekam. Ich nutzte „TuneUp Utilities“ tatsächlich schon seit vielen Jahren, da es die Windows-Systeme spürbar verbesserte. Gewiss, es gab auch Zeiten, in denen ich per Hand mit Regedit die Registrierungsschlüssel von Windows 95, 98 und 2000 änderte und dank der Tipps aus der c’t auch immer gut damit fuhr. Aber irgendwann kam der Zeitpunkt: Solche Optimierungsprogramme sind einfach praktischer! Neben den Einstellungen übernehmen diese Tools auch die Wartungen, löschen mit einem Klick überflüssige Registry-Einträge, Cache-Dateien und sonstige Überbleibsel, die den Computer verlangsamen. Eine Kombination aus gemütlicher Bequemlichkeit und legitimierter Faulheit.

Der Heilige Abend – ein Highlight

Wie auch jedes Jahr gibt es beim Online-Ableger der CHIP einen Adventskalender: jeden Tag mehr oder weniger nützliche und exklusive Downloads. Das Highlight ist natürlich der Heilige Abend; am 24. Dezember 2010 gab es TuneUp Utilities 2010. Wow, dachte ich mir! Bislang hatte ich für mein Vista 64bit-System die Vorgängerversion zwei Jahre ohne Probleme im Einsatz. Und jetzt kostenlos eine neue Vollversion? Klasse. Gut, die Nachfolgeversion 2011 stand schon in den Startlöchern, aber große Veränderungen zwischen den jährlich erscheinenden Versionen gibt es kaum, die allermeisten bewährten Funktionen bleiben identisch. Die Ernüchterung kam sehr spät, nämlich erst 11 Monate später, trotzdem ist dieser Vorgang für mich nicht nachvollziehbar. Auf einmal…

TuneUp Utilities - Keine Vollversion?

TuneUp Utilities – Keine Vollversion?

Was für ein Reinfall! Die vermeintliche Vollversion von TuneUp Utilities 2010 war also nur eine zeitlich beschränkte, wie man sie von Shareware-Versionen her kennt. Denn auf einmal war das Programm „leider abgelaufen“. Ich war verärgert und echauffierte mich bei Facebook, Twitter und Google+. Bei Letzterem erhielt ich heute sogar eine Rückmeldung — von TuneUp Utilities, das dort eine Unternehmensseite mit knapp 30 Followern betreibt.

TuneUp Utilities - Keine Vollversion?

TuneUp Utilities – Keine Vollversion?

Zunächst wollte ich einen Kommentar beginnen mit: „Danke für diese ungewöhnliche Rückmeldung!“ Aber dieser würde im digitalen Wust der Sozialen Netzwerke kaum Beachtung finden, zumal meine Rockbär-Seite bei Google+ im Vergleich zu Twitter oder Facebook nur wenige Fans hat. Daher dieser Artikel, der möglicherweise Beachtung von ähnlichen Geschädigten findet und die sich ebenfalls über diesen Vorfall wundern.

Vier maßgebliche Punkte

1. Ich finde es einfach ungeheuerlich, dass eine „Vollversion“ zeitlich beschränkt sein soll. Das ist meines Erachtens eine etwas längere Shareware, mehr nicht. Das gibt es praktisch nirgends. Es verlangt ja keiner einen kostenfreien Versionssprung, aber der Name „Vollversion“ wird dem nicht gerecht. Den Vorgänger“ TuneUp Utilities 2009″ hatte ich über zwei Jahre erfolgreich im Einsatz; ohne zeitliche Befristung.

2. Ich schaute mir die Lizenzvereinbarung bei der Installation an. Kein Hinweis, dass die vermeintliche Vollversion zeitlich beschränkt ist. Aber dann fand ich im alten Chip-Adventskalender (die Seite ist noch immer online) den Hinweis, dass die Version „mit einem Jahr Laufzeit“ versehen ist. Okay, ich gebe mich geschlagen, daran konnte ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern. Aber ein Jahr sind nach unserer Zeitrechnung 12 Monate, oder? Wenn der exklusive Download am frühestmöglichen Zeitpunkt – nämlich am 24. Dezember 2010 – installiert worden wäre, müsste das Programm bis zum 23. Dezember 2011 gültig sein, oder? Das Programm deaktivierte sich allerdings am 22. November, rein rechnerisch fehlen der Lizenz also noch 31 Tage Laufzeit. Deswegen frage ich mich, weshalb es dem Unternehmen jetzt „leid“ täte und die Bedingungen nicht eingehalten wurden?

3. Keine Vorwarnung! Man könnte ja wenigstens 4 Wochen vorher Bescheid geben; eine Erinnerung wäre angebracht. Der Kunde bekommt so die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder zahlen Sie für das Upgrade oder Sie können das Programm sofort deinstallieren.

4. Es profitiert keiner von dem „vergünstigten Upgrade-Preis“, wie der Kommentar suggeriert. Auf der Website steht Folgendes zum Upgrade:

TuneUp Utilities - Keine Vollversion?

TuneUp Utilities – Keine Vollversion?

Ein Rabatt von 15 Euro – eine Ersparnis von über einem Drittel klingt gut. Nur gibt es sogar die Vollversion zum nahezu gleichen Preis bei zahlreichen Online-Händlern:

TuneUp Utilities - Keine Vollversion?

TuneUp Utilities – Keine Vollversion?

Vier Punkte, die für ein derartiges Unternehmen einfach unprofessionell sind und aus meiner Sicht auch nicht zu rechtfertigen sind. Ich habe das Unternehmen um Stellungnahme gebeten und verlange zumindest weitere 31 Tage, wie es versprochen wurde. Bis dahin verwende ich übrigens Glary Utilities, das Tool erfüllt ähnliche Zwecke und es ist Freeware. Und bleibt es vermutlich auch.

[Update 24.11.2011, 22.30 Uhr]

Alexandra Lawrenz, die PR-Managerin der TuneUp Software GmbH, hat inzwischen auf meine Anfrage reagiert:

Wir möchten uns für Ihre Unannehmlichkeiten entschuldigen und bitte um Verständnis, dass wir die Kommunikation unserer Kooperationspartner nicht steuern und damit nur bedingt beeinflussen können. Anbei sende ich Ihnen einen Lizenz-Schlüssel für die aktuelle Version TuneUp Utilities 2012, der eine Trial-Version (die Sie einfach von der Webseite runterladen können (www.tuneup.de/download) zeitlich uneingeschränkt mit vollem Funktionsumfang freischaltet.

Ich freue mich natürlich über ein komplett neues Programm, und zwar als Vollversion, die nicht befristet ist. Ich bin zugleich aber auch beunruhigt. Erhalte ich das Geschenk, weil ich als Journalist energisch nachgefragt habe? Wenn nicht, müssten schlussfolgernd alle Kunden mit ähnlichem Vorfall ebenfalls die 2012er Version kostenlos erhalten. Das Unternehmen könnte leicht überprüfen, ob der Kunde tatsächlich eine legale CHIP-Version besitzt: Über den CHIP-Adventskalender wurden die Besucher damals auf eine Seite weitergeleitet, auf der die e-mail Adresse eingegeben werden musste. Daraufhin erhielt man eine e-mail von TuneUp mit dem Lizenz-Schlüssel. Die e-mail Adresse und der Key sind also vermutlich beim Unternehmen in einer Datenbank hinterlegt. Sind auch Sie betroffen? Fragen Sie doch mal nach einer kostenlosen 2012er Version und verweisen Sie auf diesen Artikel. Hier gibt es ein Kontaktformular. Schreiben Sie mir Ihre Erfahrungen!

Ungeachtet dessen finde ich die Antwort der PR-Managerin schade: Denn Frau Lawrenz geht nicht auf meine Fragen ein. Sie schafft vielmehr weitere Verwirrung: Sie könne „die Kommunikation“ ihrer Partner „nicht steuern“ und „nur bedingt beeinflussen“. Bedeutet das, die Lizenz sei von vornherein nur 11 Monate gültig gewesen und der Fehler läge nun beim Magazin CHIP? Ich habe auch die Computerzeitschrift um eine Stellungnahme gebeten und halte Sie auf dem Laufenden.

[Update 25.11.2011, 11.10 Uhr]

Link zum Kontaktformular aktualisiert. Dank an David für den Hinweis!

[Update 28.11.2011, 17.40 Uhr]

Zwar hat das Magazin CHIP bisher noch keine Stellungnahme abgegeben, dafür erreichte mich heute die zweite Antwort von Frau Lawrenz. Lesen Sie selbst:

Den Produktschlüssel für TuneUp Utilities 2012 ließ ich Ihnen aufgrund des berechtigten Hinweises auf die schlechte Kundenkommunikation zukommen. Ihr schneller Hinweis gibt uns die Möglichkeit, bei zukünftigen Angeboten mit begrenzter Lizenzlaufzeit weniger Spielraum in der Kundenkommunikation zu lassen und so einen neuen Vorfall dieser Art zu vermeiden. Eine allgemeine Kulanzregelung wird es nicht geben. Zum Upgradepreis möchte ich hinzufügen, dass nur Personen, die eine Vollversion besitzen (egal ob mit oder ohne Laufzeitbegrenzung), berechtigt sind, von diesem vergünstigten Angebot zu Gebrauch zu machen. Die Preise anderer Anbieter sind im Rahmen der freien Marktwirtschaft von diesen wählbar.

Der Kernsatz ist wohl, dass es keine „allgemeine Kulanzregelung“ geben wird, oder anders ausgedrückt, dass die betroffenen Kunden einfach Pech gehabt haben.

[Update 29.11.2011, 19.20 Uhr]

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