Still und heimlich hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ein hochinteressantes Feature online gestellt: eine Live-Karte, die in Echtzeit Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und die S-Bahnen anzeigt. Einmal geöffnet könnte man meinen, sich in der Leitstelle der Verkehrsbetriebe zu befinden. Das Tool für den ÖPNV verblüfft und überrascht positiv, ganz ausgereizt ist es allerdings nicht.

Die Live-Karte des VBB dürfte nicht nur Nerds, Geeks und Fans von Datenjournalismus begeistern: Auf Grundlage von OpenStreetMap, das technisch und inhaltlich schon länger der Datenkrake Google Maps überlegen ist, kann der Besucher zunächst die Berliner Straßenkarte sowie als POI-Symbole die Haltestellen und Bahnhöfe einsehen. Spannender wird der Einsatz der sogenannten „Fahrten“, die Sie im Menü oben rechts aktivieren können. Klicken Sie z.B. bei „Bus“ auf „Fahrten“, werden alle aktuellen Busverbindungen auf der Karte angezeigt. Besonders beeindruckt hierbei die Bewegung, es fühlt sich sehr real an, als ob man in der BVG-Leitstelle sitzen würde. Auch wenn keine Interaktion möglich ist, die Live-Karte erinnert zwangsläufig an die Kindheit, als man Herr, ja Herrscher der Märklin-Eisenbahn war.

Sind alle „Fahrten“ markiert und ist die Karte weiter herausgezoomt, wird’s ganz schön voll – wie bei einem Blick auf einen Ameisenhügel (siehe Screenshot unter diesem Absatz). Das sieht zwar ganz faszinierend aus, doch der praktische Nutzen liegt wohl eher in einem kleineren Vektor. Zoomen Sie weiter hinein und klicken Sie schließlich auf ein gewünschtes Verkehrsmittel, erhalten Sie als PopUp weitere Informationen, können den Bus oder die Bahn live weiter verfolgen, sich den gesamten Fahrtverlauf oder die Route auf der Karte anzeigen lassen. Die Funktionen sind auf das Nötigste reduziert. Die Website ist nebenbei komplett werbefrei.

Berliner Öffis mit Live-Karte

Beim Herauszoomen ganz schön unübersichtlich: die Live-Karte

Die Live-Karte wurde vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) entworfen, zu dessen Mitgliedern u.a. die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Berliner S-Bahn gehören. Neben dem ÖPNV wird auch der Regional- und Fernverkehr angezeigt, also inklusive der ICEs der Deutschen Bahn! Vollends ausgereift ist die Karte allerdings nicht: Offensichtlich werden nicht alle Verkehrsmittel in Echtzeit angezeigt, sondern nur anhand ihres regulären Fahrplans simuliert. In live werden wohl nur diejenigen angezeigt, die hinter der Linienbezeichnung ein + (plus = für zu früh) oder – (minus = zu spät) besitzen, zum Beispiel „U6 +1“. Ist eine Linie pünktlich, wird +0 angezeigt. Verkehrsmittel mit einem einfachen Bindestrich hinter der Linienbezeichnung (z.B. U9-) werden offenbar nicht live getrackt und dagegen nur simuliert.

Da auch die Busse, U-Bahnen und anderen Verkehrsmittel des Berliner ÖPNV mit relativ konstanter Geschwindigkeit durch Berlin tingeln, an Kreuzungen nie haltmachen, selbst wenn von rechts ein anderer Bus hineinkracht, sondern sie nur an der Haltestelle oder am Bahnhof zum Stehen kommen, kann hier ebenfalls die Vermutung aufgestellt werden, dass die Symbole nur einen gewissen Anhalt zwischen den Stationen geben. Diese Vermutung hat der VBB bestätigt: Die Karte zeigt nach Unternehmensangaben nicht immer die tatsächliche Position an. Damit dürfte es schwerfallen, einen Bus, der im Stau steckt, tatsächlich zu orten und für sich selber eine alternative Route zu überlegen. Das ist schade und trübt das Gesamtergebnis.

Berliner Öffis mit Live-Karte

Liegen Verspätungen vor? Dann werden sie beim Klick auf das Verkehrsmittel angezeigt.

Teils ist die Positionsangabe auch nicht genau, fährt der 100er Bus nach meinem Kenntnisstand als Ur-Berliner nicht bei den Gorillas im Zoologischen Garten vorbei. Oder doch? Das würde zumindest die 10-minütige Verspätung erklären, die der Bus beim Testen der Website hatte. Ob die GPS-Daten falsch sind oder der simulierte Fahrtenverlauf gelegentlich ungenau ist, lässt sich nicht feststellen. Meist passen aber die Standorte.

Wünschenswert wäre auch die Einbindung der Live-Karte in die mobilen Apps der beiden konkurrierenden und trotzdem offiziellen Apps von VBB und BVG. Hier wird lediglich Google Maps mit den Haltestellen angeboten. Die Internetseite vbb.de/livekarte lässt sich zwar auch über den Webbrowser des Smartphones oder Tablets aufrufen, sie ist aber nicht für den mobilen Einsatz optimiert: So gestalten sich beispielsweise die Klicks auf die „Fahrten“ als echte Herausforderung; auch die ressourcenhungrige Seite überfordert schnell das mobile Gerät. Schade, denn gerade das macht das Werkzeug so spannend, möchte ich doch unterwegs an der Haltestelle wissen, wo der verdammte Bus steckt und ob ich vielleicht anders fahren sollte. Oder wenn ich im Bus sitze, wie weit es noch anhand der Live-Karte ist – und wo befinde ich mich gerade?

Berliner Öffis mit Live-Karte

Welche Fahrten „live“ angezeigt werden sollen, diese Einstellungen finden Sie rechts oben im Menü.

Es gäbe es noch einige denkbare Entwicklungsmöglichkeiten: Ich möchte jemanden vom Bahnhof abholen und weiß ganz genau, in welchem Zug er sitzt. So könnte ich haargenau wissen, wann er oder sie ankommt und mich erst später auf die Socken machen. In Zeiten des Informationswahns zumindest eine denkbare Zeitoptimierung. Oder: Wenn die Busse tatsächlich live getrackt werden, könnten Touristen per App über Sehenswürdigkeiten oder wichtige Orte informiert werden („Schauen Sie bitte nach links, dort sehen Sie das Schloss Bellevue“ inklusive weiterer Informationen und Verlinkungen). Ein bisschen Augmented Reality wäre toll, ein bisschen 2014 wäre toll.

Fazit

Die VBB-Livekarte ist ein tolles Spielzeug, wirkt für den ersten Start sehr solide, ist auch aufgrund der minimalistisch gehaltenen Funktionen nett anzusehen und erfüllt ihren Zweck. Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Schritte folgen (wie wär’s mit einer API?), die Bugs ausgemerzt werden, tatsächlich alle Verkehrsmittel live angezeigt werden und das Potenzial weiter ausgeschöpft wird. Berlin kann zwar keinen Hauptstadtflughafen bauen, aber vielleicht ‚mal mit dieser Live-Karte Maßstäbe in Deutschland setzen.