Die Methodik, mit der die Radioquote erstellt wird, geht an der Wirklichkeit vorbei und ist noch immer höchst fragwürdig. Doch kaum jemand traut sich, sie ernsthaft und vor allem öffentlich infrage zu stellen: ein Stockholm-Syndrom at its best. Besitzstandswahrung im Jahr 2015 auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Lösungsvorschläge gibt es, doch die agma zögert Innovationen immer wieder hinaus.

Mit der neuen Quote der Hörfunksender kommen auch wieder alte Lobeshymnen auf: In den Pressemitteilungen sehen sich zwei Mal jährlich alle beteiligten Radiosender als klare Gewinner oder sie lassen sich gekonnt in Szene setzen, wenn es ‚mal einen brutalen Absturz gibt, und sprechen dabei gerne und tief betrübt von schmerzhaften Einschnitten. Bei letzterem Fall rollen zwar meist irgendwelche Köpfe, der Chefredakteur oder ein Ressortleiter muss sich verabschieden, der Moderator darf sich nun ganz auf seine Karriere als Comedian konzentrieren oder man vergrault die Hörer nicht mehr mit lästigen Nachrichten und outsourct die Redaktion – oder bringt die „News“ nur noch in der Frühe. Allerdings ist das wie mit dem Auswechseln von Fußball-Trainern: Statistisch gesehen bringen sie meist nichts, man befriedigt höchstens die Gemüter von Vorstand (Geschäftsführer) und Zuschauer (Gesellschafter). Gewiss, Geld wird man dadurch sparen, Qualität nur selten steigern können.

Egal, die Hauptsache ist, dass die Außenwahrnehmung bei so einer Pressemitteilung stimmt. Und vom Führungswechsel kriegt der Hörer ja kaum was mit. Allenfalls, wenn ein bekannter Moderator gehen muss, gibt es für ein paar Wochen Unruhe. Bei solchen Pressemitteilungen stelle ich mir zwei Fragen: Wer liest sie und welches Medium würde sie unter journalistischen Gesichtspunkten 1 zu 1 übernehmen? Wenn es eine Randnotiz in der Zeitung gibt, dann sind die Zahlen neutral. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: „Ja, okay, wir haben x tausend Hörer verloren, das ist schade, aber wir stehen zu unserem Programm, wir stehen zu unserer Qualität – und bleiben dabei“? Die Realität sieht anders aus, denn Radiosender – und da nehmen sich private und öffentlich-rechtliche Hörfunkstationen nichts – messen ihre Qualität an der Quote. Die „ma“ gilt paradoxerweise als „Zeugnisausgabe“, also als Nachweis eines vermeintlichen Erfolgs. Das ist fatal. Das ist nicht neu.

4 Stunden Radio – jeden Tag

Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (agma) behauptet in der ma 2015 radio I, dass angeblich „mehr als 4 Stunden“ lang täglich Radio gehört wird. Die Hördauer des Wochendurchschnitts beträgt 178 Minuten, die Verweildauer 233 Minuten. Aha. Wenn ich nicht-repräsentativ in meinen aufgeweckten Freundes-, Verwandten- und Kollegenkreis blicke und ich mich mit ihnen unterhalte, gehört meine wissenschaftlich als Anekdote gesehene Meute wohl eher zu denen, die deutlich unter diesem Stundensatz liegt. Da es sich hier um eine Durchschnittszahl handelt, muss es schlussfolgernd wohl auch einen Anteil geben, der etwa 30 Stunden täglich Radio hört. Oder sogar noch mehr.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die Verweildauer je deutlich gefallen war. Scherzhaft sagen nicht wenige Radiokollegen: Irgendwann gibt es mehr Hörer als Deutschland Einwohner hat. Laut neuester ma 2015 radio I liegt der Weiteste Hörerkreis (WHK) bei 92,7 Prozent in Bezug zur deutschsprachigen Gesamtbevölkerung ab 10 Jahren. Sage und schreibe 99,0 Prozent und damit 72,8 Mio Hörer haben einen Radiosender „schon gehört“. Da muss sich die agma mal was einfallen lassen. So geht das doch nicht weiter; besonders nüchtern, fernab polemischer Sichtweisen betrachtet.

Mit 100 ausgewerteten Radiosendern werden zwar viele, aber bei Weitem nicht alle Hörfunkstationen in Deutschland aufgeführt. Streng genommen entspricht die Analyse nur rund einem Viertel der etwa 360 terrestrischen Radios in Deutschland; von den etwa 1.200 bei der GEMA lizenzierten Webradios ganz abgesehen. Manche Gebiete fallen zudem völlig raus: In Nordrhein-Westfalen werden die eigentlich unabhängigen 45 privaten Lokalsender von der agma nicht berechnet. Es gibt nur gigantische Hörerzahlen für das Mantelprogramm von Radio NRW mit rund 1,6 Mio in der Durchschnittsstunde – für einen Sender, den es nicht gibt. Zwar existieren auch Quoten für die einzelnen NRW-Privatradios, die von der E.M.A. NRW und damit unabhängig von der bundesweiten ma radio analysiert werden; diese sind jedoch nicht öffentlich. Ähnliches gibt es in Bayern mit der Funkanalyse.

Radioquote: nichts Valides

Die Radioquote ist ein zweimal jährlich stattfindendes Trauerspiel, das Hörer und Werbekunden echte, zumindest verlässliche Zahlen vorgaukeln soll. Die agma macht das durchaus geschickt und hochprofessionell. Kurios: Anders als bei Wahlumfragen vor einer Bundestagswahl ist bei der ma radio nicht herauszufinden, ob die durch Telefonumfragen erstellte Prognose auch tatsächlich stimmt. Nach einer Wahl sieht man hingegen das amtliche Ergebnis, alle Stimmen wurden (aus)gezählt. Bei der Radioquote kann man allenfalls schätzen, aber selbst das Schätzen ist eher ein Vermuten. Die Radiowelt schätzt, dass die Vermutung der agma stimmt. Großartig! Da verhält es sich ähnlich wie mit der TV-Einschaltquote, bei der die GfK aus lächerlichen 5.500 Messboxen ein vermeintliches Millionenpublikum hochrechnet. Immerhin ein Nachweis! Am Telefon kann viel erzählt werden: Ob die Aussagen und das Erinnerungsvermögen der Probanden stimmen, ist eine ganz andere Frage. Allerdings ist eine vollständige Berechnung technisch nicht möglich.

Fernseh- und Radiogeräte sind bekanntlich Empfangsgeräte und haben nur selten einen Rückkanal. Beim Fernsehen hat sich dies gewiss deutlich gewandelt in den letzten Jahren: Rund die Hälfte der Zuschauer nutzt mittlerweile Kabel als Fernsehempfangsmöglichkeit, die meisten von ihnen DVB-C mit der Fähigkeit eines Rückkanals. Damit kann der Kabelanbieter Zuschauerzahlen erfassen – und wird es intern vermutlich auch. Zwar gibt es mit Satellit und DVB-T noch TV-Verbreitungen, die eine Messung nicht zulassen und ebenfalls rund die Hälfte ausmachen. Aber immerhin die Hälfte! 50 Prozent aller Deutschen könnte man so technisch nachweisen und die wären repräsentativer als die wenigen Tausend Messstationen – das tut absurderweise nur keiner. Man hält krampfhaft am alten System fest.

Beim Blick auf die Radiogeräte sieht es noch schlechter aus: Die meisten empfangen Radio per Antenne (z.B. per UKW oder DAB+) und haben entsprechend keinen Rückkanal. Messbar wären hingegen Livestreams über das Internet und dieses Thema betrifft beide: sowohl TV als auch Radio. Doch bleiben wir beim Hörfunk: Wieso fließen die Zahlen der Sender, die ihren Stream über die Website, per App oder sonstigem Player zur Verfügung stellen, nicht in die Radioquote mit ein? Missbrauch gibt es theoretisch überall, doch mit Hilfe von Techniken, die die IVW auch für Internetseiten verwendet, könnte eine einigermaßen verlässliche Radioquote erstellt werden. Auch Publisher wie Radio.de oder Phonostar.de, die gesammelt die Radio-Livestreams anbieten, präsentieren eigene Charts und (teils) Gesamthörerzahlen. 40,1 Mio Webradio-Hörer gibt es in Deutschland. Aber keine Sorge, liebe Kollegen, ihr werdet nicht überrannt mit reinen Webradios: Die Charts führen allesamt die etablierten UKW-Sender an. Was viele noch immer nicht verstehen: Internet ist kein Medium, sondern nur eine weitere Publikations- und Distributionsmöglichkeit. Weitere spannende Statistiken Sie zu diesen Themen finden Sie übrigens im neuesten Webradiomonitor.

Internet & Mobilfunk

Immerhin ist die agma endlich mal auf den Trichter gekommen, die Webradios zu messen. Hinter der etwas kryptischen Bezeichnung der „logfile-basierten Webradio-Messung“ steckt die ma IP Audio, deren erste Testergebnisse vor einem Jahr erschienen sind und zum fünften Mal überhaupt in der kommenden Woche am 11. März veröffentlicht werden sollen. Zum Start nahmen 25 Publisher und 160 Radiokanäle teil, mittlerweile (ma 2015 IP Audio I) ist die Zahl der Webradio-Anbieter auf 42 und die der Channels auf 228 angestiegen. Ziel ist nach Angaben der agma, die Webradios und die Radioquote zu einer „Konvergenzdatei zu verknüpfen“. Das klang vor einem Jahr zwar erstmal ganz hübsch, doch alles noch sehr nach Zukunftsmusik. Inhaltlich und technisch muss sich das System noch beweisen, weshalb diese Verküpfung immer und immer wieder verschoben wurde und nun erst anderthalb Jahre veröffentlich werden soll. Das sagt zumindest Dieter K. Müller, Vorstand Radio der agma, in einer neuen Pressemitteilung: „Ab Herbst dieses Jahres werden Unternehmen ihre Werbeinvestitionen in Radio übergreifend bewerten können: sowohl die Leistungsbeiträge der klassischen Radioangebote wie auch von Online-Audio Angeboten innerhalb einer konvergenten Planung – und dies auf der Basis valider Daten der Media-Analyse.“ Bei den rund 40 Mio Livestream-Hörern dürfte das den Markt durchaus wieder aufmischen. Kurioserweise könnte diese neue Messung sogar mehr Gewichtung bekommen als die herkömmliche Radioquote.

Denn für die aktuelle Radioquote wurden gerade mal knapp 70.000 CATI-Interviews, also telefonische Befragungen durchgeführt. Wie seit 15 Jahren analysiert wird, kann hier nachgelesen werden. Die Zahl wirkt erst mal viel; auch im direkten Vergleich zu den wenigen TV-Boxen. In Relation zu den 73,5 Mio Bundesbürgern, die als Basis dienen, allerdings auch putzig wenig, schließlich spräche jeder einzelne Befragte für 1.000 Hörer. Um das ‚mal auf die reale Radiowelt herunterzubrechen: Gerade mal 10 Befragte können über den Verlust eines Arbeitsplatzes im Sender oder über eine essenzielle Programmänderung entscheiden. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen! Und selbst wenn es lächerliche 50 Interviews sind, sie stehen für im Schnitt 50.000 Hörer. Das sind Zahlen, die Existenzen ruinieren können. Dramatischer ist es sogar in dünn besiedelten Regionen oder in einwohnerschwächeren Bundesländern, da dort die Proportionen noch schlechter aussehen und ein einzelner Befragter für deutlich mehr Hörer steht. Oder anders ausgedrückt: Eine Handvoll kann über Fortsetzung oder Bankrott eines kleinen Senders entscheiden. Bei einer tatsächlichen Reichweite von 50.000 Hörern pro Durchschnittsstunde ist „auch ein Wert von 20.000 oder 65.000 korrekt“, wurde ‚mal ein MA-Vertreter zitiert. Absurd!

Kritikpunkt kann, muss aber nicht zwingend die Anzahl der CATI-Interviews oder der TV-Boxen sein; viel wichtiger ist die Frage, ob die Verteilung der Stichproben repräsentativ ist. Nicht umsonst geben Radiosender, die es sich finanziell leisten können und qualitativ haben wollen, eigene Marktforschungsstudien in Auftrag und stellen hierbei ohnehin deutliche Unterschiede zu den ma-Ergebnissen fest. Der Spagat zwischen Präzision und Wirtschaftlichkeit ist mit Sicherheit schwierig, die Zahl der Interviews in Bezug zur Gesamthörerschaft aber auch nicht vollends irrelevant. Stark zu kritisieren sind weitere Aspekte, die das Repräsentative in Frage stellen: Nichtdeutschsprachige (Ausländer) fallen grundsätzlich aus der Stichprobe. Damit sind sowohl hier lebende und arbeitende Bürger als auch ausländische Touristen gemeint. Viele Millionen Menschen tauchen so in der Statistik nicht auf. Das Analysebild von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist ebenfalls verzerrt, da viele gar keinen Festnetzanschluss besitzen, sondern nur ein Handy: Zweidrittel der 14-29-Jährigen nutzt ein Smartphone, 90 Prozent sind mobil per Handy, aber nur die Wenigsten bis zum 30. Lebensjahr mit einem (eigenen) Festnetzanschluss erreichbar; von den noch zu Hause lebenden Kindern mal abgesehen. Sender mit dieser besonderen Zielgruppe haben das große Nachsehen – und das sind nicht nur die typischen Jugendsender, sondern auch großartige UKW-Sender wie FluxFM. Zudem fällt ungeachtet dessen grundsätzlich etwa jeder 8. Haushalt in Deutschland raus, da dieser ausschließlich per Handy und nicht mehr per Festnetz erreichbar ist.

Trotzdem findet die Befragung bislang nur per Festnetz statt. Wegen der „regionalen Verortung“ und den „soziodemografischen Angaben“, argumentiert die agma und verkommt damit zu einem Stand aus dem letzten Jahrtausend. Immerhin wird die ma radio nicht per Fax verschickt. Wobei, da bin ich mir gar nicht so sicher. Diesen Kritikpunkt gibt es schon lange und die agma ist in etwa genau so lange an einer Lösung dran. Nach jüngsten Aussagen soll es in diesem Sommer den ersten „Dual-Frame-Ansatz“ geben, bei der neben den Festnetzanschlüssen auch Mobilfunkgeräte für die CATI-Interviews angeklingelt werden sollen. Vorsorglich weist die agma darauf hin, dass Dual Frame erst „vorbehaltlich eines positiven Probelaufs“ erscheinen wird. Rechnen wir mal mit 2016 für valide Zahlen. Oder 2018. Immerhin: „Damit werden Menschen, die überwiegend mobil erreichbar sind, besser abgebildet.“ Ach, was! Tatsächlich?

Fazit

Die Methodik, mit der die Radioquote erstellt wird, geht weiter an der Wirklichkeit vorbei und ist noch immer höchst fragwürdig, doch kaum jemand traut sich, sie ernsthaft und vor allem öffentlich infrage zu stellen: ein Stockholm-Syndrom at its best. Besitzstandswahrung im Jahr 2015 auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Gewiss: DIE perfekte Lösung für eine neue Radiowährung gibt es nicht. Ansätze zur Verbesserung sind aber vorhanden: Vor allem eine Aufnahme der Livestreams in die Reichweiten und eine realitätsnahe Befragung der Zielgruppe ohne Festnetz wären erste wichtige, aber noch lange nicht die letzten Schritte. Die Radioquote ist die einzige Währung, die zählt, um Geld zu drucken. Dass es eine Währung für Werbegelder geben muss, steht völlig außer Frage. Doch bitte anders!

Weiterführende Links

Dieser Text ist eine aktualisierte und stark veränderte Fassung des am 04.03.2014 erschienenen, viel beachteten Artikels.