Als Volunteer der weltweiten und von den Vereinten Nationen als „Peace Messenger“ ausgezeichneten Organisation ICYE (International Cultural Youth Exchange) arbeite ich -wie der Name schon verlauten lässt- als Freiwilliger in einem sozialen Projekt in Frankreich für die Dauer eines Jahres. Für das Freiwilligenjahr 2005-2006 kamen mit mir noch 24 weitere Volunteers nach Frankreich, die bei der nationalen Organisation „Jeunesse et Reconstruction“ (quasi der ICYE France) betreut werden. Junge Erwachsene zwischen 18 und 34 Jahren aus Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Deutschland, Ghana, Honduras, Kenia, Kolumbien, Mexiko, Russland, Taiwan und Uganda.

Die Projekte, in denen die Volunteers generell hier arbeiten, sind sehr unterschiedlich, kann man aber durchaus in drei grobe Kategorien einteilen. Zum einen im Tourismus, zu dem Jugendherbergen (Auberge de Jeunesse) gehören. Zweitens: die Arbeit in Projekten mit größtenteils körperlicher Arbeit, wie bei der Emmaüs Community. Drittens: „richtige“ soziale Arbeit u.a. mit Kindern, Jugendlichen, Obdachlosen, Behinderten, Flüchtlingen und/oder Straftätern.

140 Jahre Fondation d’Auteuil

Aufgrund meiner -immerhin laienhaften, aber dennoch jahrelangen- Erfahrung als Ehrenamtlicher in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit und offenbar auch meiner Vorliebe für Musik, hat mich der ICYE France in den Südwesten Frankreichs zur „Maison St. Roch“ geschickt. Sie gehört zur christlichen Stiftung „Les Orphelins Apprentis d’Auteuil“ (kurz: Fondation d’Auteuil), die 1866 von Abbé Louis Roussel gegründet wurde und heute über 150 Etablissements in Frankreich für 7700 Kinder und Jugendliche (zwischen 2 und 23 Jahren) bei 3600 Beschäftigten (19% Lehrer, 41% Erzieher, 21% Administration sowie 19% sonstiges Personal) unterhält.

Die Maison St. Roch ist kurz gesagt eine Art Internat für „schwierige“ Jugendliche. Allerdings kann man sich das nicht wie ein deutsches Internat vorstellen. Die größten Unterschiede liegen wohl darin, dass die Kids am Wochenende und in den Ferien zu ihren Familien zurückkehren und dass man Internate in Frankreich weitaus häufiger vorfindet als in Deutschland. Gerade in ländlicher Gegend, gehört es fast schon zum Standard, dass die Kinder innerhalb der Woche in der zumeist privaten Schule bleiben. So gibt es in St. Roch (ausgesprochen: Szähng Rock) zum einen das schulische System und zum anderen die „Unterkunft“ (verteilt in 7 Foyers).

Ein Zuhause für Problemkinder

Die 109 Kinder zwischen 11 und 19 Jahren sind in drei Gruppen unterteilt: Da wäre z.B. die größte Gruppe: Das IES-System mit drei Foyers (Arcanel, Ostalet und Cambras). Um es zu pauschalisieren befinden sich dort französische Kiddies, die aus sehr schlimmen Verhältnissen stammen (08/15-Beispiel: Mutter ist Alkoholikerin, Vater existiert nicht und die Frau Mama kriegt nichts gebacken… wobei das noch das harmloseste Beispiel ist! Die meisten anderen sind weniger erfreulich). In den meisten Fällen entschied ein Familiengericht, dass das Kind zumindest innerhalb der Woche von Elternhaus oder Familie getrennt bleibt.

MECS ist ein weiteres System mit zwei Foyers (Lou Cantou und Alba), dessen französische und ausländische Insassen ich gelegentlich Knastis nenne. Leider zu Recht. Dort leben vorbestrafte minderjährige Jugendliche, die vom Gericht die allerletzte Wahl bekamen: Jugendgefängnis oder die Maison St. Roch mit der Möglichkeit auf Schulausbildung und der Hoffnung auf eine neue und bessere Zukunft.

Immigration statt Ausgrenzung

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Das dritte System, JEI, gibt es in der gesamten Stiftung „Fondation d’Auteuil“ erst seit wenigen Jahren und deren Foyers kann man wohl an wenigen Fingern abzählen. In ihnen leben minderjährige Immigranten, die z.B. aus Rumänien, Marokko, China und Kongo nach Frankreich geflüchtet sind. Aufgrund der französischen Gesetzeslage dürfen diese Kinder nicht abgeschoben werden und die „Regierung“ muss dafür Sorge tragen, dass sie eine Chance bekommen (fürchterlich abgekürztes Thema, sorry!). In St. Roch gibt es das Foyer „La Casèla“ sowie extern „FJT Montauban“. Zur Zeit leben in Casèla 15 Jugendliche. Während (wie beim MECS-Sytem auch) neben Unterkunft, Verpflegung auch Französisch- und der sonstige Schulunterricht gewährleistet wird, arbeiten sie in St. Roch in der Metallerie und erhalten nach 2 1/2 Jahren Ausbildung ein Examen sowie (damit verbunden) die Chance, eine Arbeitserlaubnis in Frankreich zu erwerben. Diese Jugendlichen dieser drei Foyers haben keine Familie oder Heimat in Frankreich und bleiben deshalb (und logischer Weise) auch an Wochenenden und in den Ferien hier. St. Roch ist ihre Heimat.

Die Ausbildungen sehen allerdings von Maison zu Maison unterschiedlich aus: In anderen Häusern wird z.B. zum Hotelfachmann, Koch, Mediengestalter, Elektriker, Tischler, Bibliothekar, Sanitäter oder Landwirt ausgebildet. Die beruflichen Wege danach sind dennoch nicht vorhersehbar: So war mein Fahrschullehrer, der zwei „Auto écoles“ besitzt, in den 70er Jahren auch in St. Roch. Und in dem aktuellen hauseigenen Magazin „A L’ECOUTE“ der Fondation d’Auteuil erzählt Betrand Jazet, der 1973 (ebenfalls in St. Roch) im zarten Alter von 12 Jahren startete, von seinem erfolgreichen Lebensweg von St. Roch, über Paris bis hin zum traumhaften Nice am Mittelmeer als hoher Polizeibeamter mit Kind und Kegel.

Der Weg in ein normales Leben

Nachdem die Jungs von Casèla ihr Zertifikat erhalten und sich durch Leistung bewiesen haben, wechseln sie i.d.R. das Foyer. Im „FJT Montauban“ sind die meisten zwar schon volljährig, unterstehen aber dennoch der Kontrolle der Erzieher sowie der Maison St. Roch. Montauban ist -nur mal so nebenbei- der nächstgrößere Ort mit ca. 50.000 Einwohnern und befindet sich rund 30 Kilometer von dieser Maison entfernt. Dort leben die jungen Erwachsenen in betreuten Wohnungen, aber alleine. Bis sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, erhalten sie Unterkunft und Verpflegung kostenlos, aber gewiss nicht umsonst. Gegen ein geringfügiges Entgelt arbeiten sie häufig in St. Roch (fahren dementsprechend jeden Morgen hierher) oder als Tagelöhner auf irgendwelchen Baustellen oder in Werkstätten.

Apropos Jungs: Bis zu den 90er Jahren waren sämtliche Foyers in Frankreich nur Kerlen vorbehalten. Diese Regel änderte sich vor wenigen Jahren. Aber dennoch ist es noch nicht Gang und Gebe: Während man bei der Nachbarschule St. Jean in St. Sulpice (so 90 Km entfernt und ebenfalls zur Stiftung gehörend) behaupten kann, es wäre eine ausgewogene Mischung, so leben hier in St. Roch vielleicht nur 6 oder 7 Mädchen.

Meinen Job kann man nicht erlernen

Ich arbeite in St. Roch primär als Erzieher im Foyer „La Casèla“ sowie als Musiklehrer. Als Educateur verbringe ich die schulfreie Zeit mit den Jugendlichen. Werktags kann man das auf die Mahlzeiten und das Abendprogramm reduzieren. Anders als in Deutschland gibt es nämlich in Frankreich eine andere Esskultur (Nein, keine Schnecken und Froschschenkel. Bitte erlöst mich von diesen mittlerweile nervenden, wenn auch gut oder witzig gemeinten Nachfragen!). Das Essen -selbst hier in der Kantine, die Mittags und Abends für knapp 200 Leute kocht- ist einfach gut und lecker. Nicht ein einziges Mal musste ich ablehnen und mich an den Bund zurück erinnern. Nichtsdestotrotz gibt es für Schüler eine 1 1/2 stündige Mittagspause; dafür geht die Schule bis 16.45 Uhr. Danach haben sie alle Pause bis 18.15 Uhr und müssen dann eine Stunde Hausaufgaben machen. Gelegentlich helfe ich ihnen dabei, wenn zu wenig Erzieher da sind, z.B. in Mathe oder Englisch. Eine Stunde später wird das gemeinsame Abendessen um 19.30 Uhr vorbereitet. Am Mittwochnachmittag findet (überall in Frankreich) keine Schule statt, so dass dann -sowie an den Abendstunden nach dem „Dîner“- Aktivitäten stattfinden. Die Aktivitäten innerhalb der Woche sind vor allem sportlicher Natur oder sind Teil des Musikprojektes, bei dem ich der Verantwortliche bin.

An Wochenenden sind die Casela-Boys (wie schon angesprochen) ebenfalls vor Ort, so dass es Aktivitäten auch in den Ferien oder an Wochenenden gibt. Die Weekends (Anmerkung der Redaktion: obwohl Anglizismen wahnsinnig verpöhnt sind bei den Franzosen, haben sie in den letzten Jahren einige Worte in den normalen Sprachgebrauch übernommen, so z.B. auch Feelings)… die Wochenenden jedenfalls sehen relativ relaxt mit selber Kochen und dem Kino- und Bowling/Billard-Programm in der nächstgrößeren Kleinstadt Montauban aus. Bei Ausflügen war ich mit ihnen aber schon in Bordeaux, Montpellier, Carcasonne, Toulouse und der Normandie. In den zweiten Osterferien-Woche (hier Anfang Mai) fahren wir für eine Woche nach Paris. Eher mehr stressige Arbeit als privates Vergnügen.

Wenn das Messer die Diskussionsführung übernimmt

Wer jetzt aber meint, bei meiner Arbeit handelt sich um reines Zuckerschlecken, der irrt sich. Wer sich den vorherigen Text über das Klientel gründlich durchgelesen hat, wird wahrscheinlich ahnen, was hier so abgeht. Und damit meine ich nicht nur das Kommunikationsproblem. Vielleicht nur wenige Beispiele der letzten Zeit… Vor zwei Monaten haben Jugendliche einen Rechner aus dem Informatikraum geklaut. Vor vier Wochen sind welche in das Schlafzimmer für die Erzieher meines Foyers in einer Nacht- und Nebelaktion eingebrochen (als die komplette Casela-Trupp in Nice war), in der Hoffnung die Geldkassette vorzufinden. Der Versuch blieb allerdings erfolglos. Nicht nur einmal musste ich zwischen einem Jugendlichen (Klischeetyp: schwarz, groß, laut und aggressiv) und eine Erzieherin gehen, weil er meinte, mit einem Messer auf sie loszulaufen zu müssen.

Am vergangenen Samstag saß ich hier im Lehrerzimmer und hörte erst ein Geräusch vom verschlossenen Hausflur der Administration und dann eine klirrende Fensterscheibe. Ich schlich mich leise zur Tür heran, schloss sie schnell auf und entdeckte zwei Jungen um die 16 Jahre aus dem Foyer „Lou Cantou“ (vom MECS-System), die bereits auf der Fensterbank standen und eindringen wollten. Nachdem sie mich sahen, versuchten sie in Windeseile wegzurennen. Ich hinterher. Bis zum separaten Haus von Lou Cantou, dass ungefähr 150 Meter entfernt liegt. Sie schlossen sich intelligenter Weise in der Toilette ein. Mit Hilfe des Erziehers dieses Foyers war die Sache natürlich schnell geklärt. Zumindest für diesen Tag. Am Sonntag fanden sie einen anderen Weg in den Hausflur und traten offenbar die Tür zum Lehrerzimmer ein. Ein Computer wurde entwendet.

Das Lächeln der Tränen

Auf der anderen Seite gibt es auch viele schöne Momente in der Arbeit. Generell kann ich sagen, dass ich einfach gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeite, und weder Vorurteile noch Ängste kenne. Und genau DAS spüren sie; davon bin ich fest überzeugt. Auf der anderen Seite sollte keiner hier arbeiten, der solche Ängste oder Vorbehalte schon mitbringt; die können schon gleich einpacken. Denn ich kenne mittlerweile sieben Erzieher (alleine im Foyer Casèla) seitdem ich hier bin, die gekündigt haben oder gekündigt wurden, weil sie diesen Job nicht auf die Reihe kriegten. Fünf von ihnen sind ausgebildete Diplom-Sozialpädagogen; fünf von den insgesamt sieben waren Frauen. Ich bin froh und fühle mich auch glücklich, dass ich durch meine Art -und da bedarf es zunächst keiner Sprache und keinem Zertifikat, sondern die Befähigung- einen Bezug zu den Jugendlichen herstellen konnten.

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Danach folgt die mühsame Anerkennung, der Respekt. Ich war mir zu Beginn nicht ganz sicher, gerade bei dem teilweise sehr agressiven Verhalten der Kerle in meinem Foyer, aber war mir bewusst, dass es das Falscheste wäre, sich zu verstellen… sich eine Maske aufzusetzen, um ein Make-Up zu präsentieren. Denn das kriegen sie mit. Ich bin ebenfalls der festen Überzeugung, dass Kinder dies noch eher spüren als Erwachsene. Ich blieb, so wie ich bin. Offenbar fand dies Anklang, trotz des Sprachdefizits.

Es ist einfach ein schönes Gefühl. Ein schönes Gefühl, das verlorengeglaubte Lächeln eines Kindes zu entlocken, das im Leben verdammt viel Scheiße gesehen und erlebt hat, und das sonst mit einem tristen Gesicht umherläuft. Kinder, die von ihren Eltern malträtiert wurden, oder die in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand sahen, wie ihre Eltern von „Kindersoldaten“ erschossen wurden und die keinen Sinn mehr im Weiterleben erahnen können. Es ist ein gutes Gefühl, zu verstehen, dass man durch seine natürliche Art Richtiges bewegen kann. Genau das ist es, was mich nach vorne bringt. Wo man sagen kann, hey, es ist gute Arbeit. Es ist gewiss auch etwas ambivalent, denn egoistisch. Nur da, wo man eine Rückmeldung erhält, fühlt man sich wohl.

Es ist etwas sehr menschliches, vielleicht nicht nur richtiges und dennoch fühle ich mich gut dabei. Allerdings erwarte ich keinen Dank, ich erhalte etwas viel wichtigeres: Die Rückkehr der Lebensfreude der Kinder. Es gibt hier gewiss sehr viele schwierige Fälle, ja auch Vorfälle, bei denen durchaus einige distanziert fordern könnten: „Sperrt sie weg ins Gefängnis!“ Doch was ist das für eine Lösung, frage ich mich? Egal, wieviel Mist die Jungen und Mädels gebaut haben, versuche ich mich immer, in die Leute hineinzuversetzen. Denn hinter jeder noch so hohen und scheinbar unendlich wachsenen Mauer wartet ein Herz, das gesucht, gefunden und geliebt werden möchte. Angefangen mit diesen Basics verbringe ich die Zeit mit den Jugendlichen. Es war und ist natürlich nicht möglich, zu allen einen Bezug herstellen zu können. Bei manchen wird man noch viele Jahre benötigen. Mein Vorgängerin Mariana verließ nach 5 Monaten diese Maison, weil ihr das zu hart wurde. Dennoch schrieb sie mir in einem Brief etwas sehr Elementares: Be patienced! Sei geduldig!

Gib mir Musik

Darüber hinaus, und das ist wahrscheinlich meine wichtigste Aufgabe, bin ich in der Maison St. Roch der Verantwortliche für die Musik. Doch es dauerte unwahrscheinlich lange, bis ich hier etwas auf die Beine stellen konnte. Und ich wurde dabei fast irre, wie verdammt lahma****ig es hier teilweise zugeht. Doch was nützt das dämliche Rückbesinnen, wenn ich doch tatsächlich alles bekam, was ich wollte und letztendlich sehr gut für die Jugendlichen ist. Um es kurz zu machen, habe ich im Oktober verganenen Jahres ein Musik-Konzept und eine Liste zum Kauf von Musikinstrumenten und -accessoires für 10.000 Euro erstellt. Verschiedenste Gitarren, Bässe, Schlagzeug, Percussions, Verstärker, Mixer und sonstiges Equipment zum Üben und für Auftritte bis zu 500 Zuhörern. Da dies gewiss ein Batzen Geld ist und dieses erst von der Regionaldirektion „Midi et Pyénées“ genehmigt werden musste, dauerte es viele, viele Wochen. Im Dezember bekam ich dann endlich das Go.

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Doch obwohl ich vom ersten Tag an die Verantwortlichkeit vom Direktor persönlich übergeben bekam (eigentlich sehr erstaunlich für einen Volunteer), zog sich nicht nur der Kauf der Instrumente in die Länge. Auch der Raum war ein großes Problem. Bis letzte Woche. Ein alter Weinkeller mit Gewölbe und den perfekten Ausmaßen 6 x 12 Meter. Allerdings feucht wie in einer Saune. Gut es war zwar kühl, aber Luftfeuchtigkeiten bei 80% sind nicht nur aufgrund des Wassergehaltes in der Luft für die Instrumente und die eigene Gesundheit schädlich. Auch bieten diese Bedingungen ideale Voraussetzungen für Schimmelpilz-Befall, welches die Sache noch schlimmer macht. Was tun? Nach Desinfektion der Wände den Raum Trockenlegen. Mit Hilfe von Luftentfeuchtigkeitsboxen, dem Einbau einer Tür am Ende der Treppe (komplett hergestellt von meinen Casela-Boys), der sonstigen Abdichtung, der Verlegung eines Teppichs und einer neuen Heizung mit Frischluft-Gebläse.

Ich brauchte einige Monate, bis ich den Direktor von diesen Notwendigkeiten überzeugen konnte. Ich schätze mal, dass ich mit diesem Raum der teuerste Mann im Umkreis von mehreren Kilometern bin und kann mittlerweile stolz auf mich sein, dass seit dieser Woche der Raum offiziell fertig ist und was ich damit erreichen konnte (Bilder folgen). Bereits seit über einem Monat unterrichten Mario (der zweite ICYE-Volunteer hier und aus Mexiko stammend) und ich jeweils 4 Gruppen pro Woche. Er spielt Schlagzeug und Percussions, ich primär Gitarre. Nun ist allerdings der Raum fertig, und wir können richtig und mit mehr Gruppen starten; alles zuvor war ein Provisorium. Angedacht sind (neben dem alltäglichen Musikunterricht) z.B. Events innerhalb der Maison sowie Radio- und sonstige öffentliche Auftritte. Flexibilität und Spontanität sind gefragt und gefordert.

Code de la Route

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Über die grandiosen Konditionen, wenn man es denn so ausdrücken möchte, für mich als Freiwilliger erzählte ich euch bereits im BLOG-Beitrag über mein Luxus-Studio. Darüber hinaus kann ich hier meine Führerscheinerlaubnis für Lau erwerben. Lediglich die Kosten für Anmeldung und die Bücher zur Straßenverkehrsordnung musste ich bei Monsieur Raguno, der zwei Fahrschulen in dieser Umgebung besitzt, selber übernehmen. Den Rest (knapp 1000 Euro) bezahlt der Direktor. Total klasse! Ähnlich wie mit der Musik dauerte aber auch dies an, bis ich das endgültige Go bekam. Nun konnte ich mich endlich anmelden, bin fleißig am Lesen und Übersetzen der seltsamen Begriffe (Blinker = Indicateur de changement de direction) und die Kurse starteten.

Der alltägliche Wahnsinn

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Dennoch ist gewiss nicht alles perfekt, und wie das bei jedem Volunteer so ist, gibt es diverse Macken und Hürden, die man teilweise gar nicht ändern oder beeinflussen kann. Da wäre natürlich die Abgeschiedenheit, welche 90% aller Volunteers zu spüren bekommen, egal, ob in Frankreich oder woanders auf der Welt. Schließlich ist man hier auch nicht zum Urlaub. Und dennoch fällt es mir nicht immer leicht, von Berlin auf das Nichts umzuspringen bzw. mich daran zu gewöhnen. Die Landschaft ist wirklich fabelhaft, daran möchte ich überhaupt nichts aussetzen. Vor wenigen Tagen hatten wir schon sonnige 23° Grad unter blauem Himmel und so langsam blüht die Kampagne. Traumhaft schön! Gestern lief ich den ganzen Tag nur mit T-Shirt ‚rum. Dennoch stellt euch bitte folgendes vor: Das nächste Dorf Lafrançaise liegt 9 Km von St. Roch entfernt und hat ne Kirche, einen Zeitungsladen und eine Boulangerie. Die nächstgrößere Kleinstadt mit einem Bahnhof (hey hey!) heißt Montauban, liegt 30 Kilometer entfernt und man benötigt eine halbe Stunde mit dem Auto bis dort hin. Total schlimm! Keine Möglichkeit mal eben um die Ecke ein Bierchen zu trinken und vor allem Gleichgesinnte und -altrige zu treffen. Die diversen „Saufgelage“-Fotos in meinem Blog sind daher lediglich auf die zwei Seminare des ICYE und die Silvesterparty in Paris zurückzuführen. Ansonsten war es das auch schon. Definitiv!

Verplant bis zum Geht-nicht-mehr

Ein weiterer, absolut nerviger Faktor ist die unorganisierte Organisation. Seit dem ich hier bin (fast schon ein halbes Jahr) habe ich noch immer kein Französisch-Unterricht bekommen, obwohl mir dieser von Anfang an zugesichert wurde. Ich habe bestimmt 60 Mal nachgefragt. Die Beispiele zur Musik und Fahrschule brachte ich bereits an. Am letzten Sonntag fand die 140-Jahrfeier der christlichen Stiftung „Fondation d’Auteuil“ in der ausgefüllten Kathedrale von Toulouse statt. Dass ich dort Gitarre spielen sollte, erzählte man mir wenige Wochen vorher. Zu diesem Zeitpunkt sprach man von drei Liedern, deren Noten und Texte ich allerdings auch erst zwei Wochen später (demnach eine Woche vor der Aufführung) erhielt. Die restlichen Chansons sollten von anderen Musikern gespielt werden.

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Am Mittwoch, also 4 Tage vor der Aufführung, fand die Generalprobe mit der „anderen“ Band statt. Dort erzählte man mir, ich werde alle 9 Lieder spielen, die ich noch nicht mal vom Hören her kannte, geschweige denn spielen konnte. Der „Chor“ begann seine Arbeit ebenfalls erst am Montag vor dem Spektakel. Nun war es ja nicht so, dass ich nicht x-fach nachgebohrt hätte. Und das hatte mich teilweise schon sehr aufgeregt. Schließlich steht ein so großes Event nicht wenige Tage zuvor erst fest. Einfach ein sehr gutes Beispiel für die alltäglich verplante Arbeitsweise, die ich überhaupt nicht abkann: Bei einem anderen, musikalischen Event, so vier Wochen vor der großen Messe in der Kathedrale von Toulouse, traf ich den Verantwortlichen für die Musik des Internats St. Jean. Gemeinsam sollten wir den musikalischen Part organisieren. Er sicherte zu, mir die drei Lieder (wie schon oben angedeutet) als CD zukommen zu lassen. Es passierte allerdings nichts, und da die Schulferien begannen, war auch keiner mehr erreichbar.

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Nichtsdestotrotz tauchte er hier in St. Roch wegen einer anderen Angelegenheit auf, und ich erinnerte ihn an die CD. Schließlich waren mir die drei angesprochenen Lieder noch nicht bekannt! Er sicherte erneut zu, mir die CD per „Kurier“ sobald als möglich zuzusenden. Und wieder passierte nichts. Nein, überhaupt nüscht! In der zweiten Ferienwoche setzte ich einen elektronischen Brief auf, und informierte und erinnerte nicht nur ihn, sondern auch die Verantwortlichen bis hin zu Direktion beider Maisons. Tage später (so ne knappe Woche vor dem Event) erhielt ich eine e-mail von ihm, mit der Mitteilung, dass er die CD doch bei der letzten Besprechung der Religionslehrerin meiner Maison, die auch den Chor organisierte, abgegeben hatte. Und das war dreifach ärgerlich: Nicht nur, mich in diesem Punkt zu beschwindeln, und uns Musiker unnötig warten zu lassen, sondern vor allem die Tatsache, dass die CD seit mehr als drei Wochen im Haus rumlag. Denn die besagte Religionslehrerin war im Urlaub. Mir erst wenige Tage vor dem Gig alle Lieder aufzudrücken… das erzählte ich ja bereits. Und ich könnte viele solcher Storys erzählen. Wie auch immer und trotz aller Hürden: es klappte und zwar perfekt (Bilder folgen). Es hätte aber auch gründlich schief gehen können.

Pünktlichkeit ist Deutsch

Doch was noch wesentlich mehr nervt ist die Unpünktlichkeit. Je länger ich die unterschiedlichsten Kulturen dieser Welt (lustigerweise und ausgerechnet in Frankreich) kennenlerne, desto mehr erscheint mir die „Pünktlichkeit“ als sehr deutsch. Die freie Enzyklopädia Wikipedia beschreibt schon sehr direkt, was hier teilweise abgeht: „Dort, wo monochrone und polychrone Kulturen aufeinandertreffen, muss es zwangsläufig zu Konflikten kommen.“ Wie Recht sie doch hat. Vergangenen Mittwoch fand -wie schon erzählt- die Generalprobe für die Veranstaltung am Sonntag statt. Weil die Probe um 14.30 Uhr in der Schule St. Jean (so eine Autostunde entfernt) begann, und man ja nie weiß, wie der Verkehr ist, planten wir richtigerweise 13 Uhr als Abfahrtszeit ein. „Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Soldaten Pünktlichkeit“, würde jetzt mein Großvater sagen. Ich stand also um 5 vor eins (wie immer!) abfahrtbereit am Parkplatz. Aber auch relativ alleine. Letztendlich fuhren wir ne halbe Stunde später los, und kamen dementsprechend über ’ne halbe Stunde zu spät, während die dortigen Musiker schon aktiv waren.

Mein Freiwilligendienst

Mein Freiwilligendienst

Am folgenden Samstagmorgen fand der Aufbau der Musik sowie der Soundcheck in der Kathedrale statt. 9.30 Uhr wurde mit den restlichen Musikern und Verantwortlichen (auch der Regionaldirektor war dabei) eingeplant. Verabredet war mit Mario (dem anderen Volunteer) und Marie-Elisabeth (der besagten Religionslehrerin) 8 Uhr Abfahrt von St. Roch Richtung Toulouse. Ich mal wieder fünf Minuten vor Verabredung startklar vor der Tür, aber selbst um 8 Uhr war keiner gesehen. Um 8.20 Uhr schaute Marie-Elisabeth vorbei, und Mario kam wie immer mächtig spät. Als ich 7 vor 8 Uhr aus meinem Studio ging, hörte ich ihn noch duschen. Da er auch noch am Vortag vergas, sämtliches Equipment einzupacken sowie aufgrund seines generellen Zupätkommens und Wir-fahren-50-Km/h -auf-der-Landstraße -Gedudels tauchten wir um 10.15 Uhr in der Kathedrale St. Etienne auf. Eine dreiviertel Stunde zu spät.

Am Tag der 140-Jahrfeier wollten wir… nein, ich sag es mal anders: Auf der Planung stand 7.30 Uhr Abfahrt, allerletzte Probe mit allen in der Kathedrale um 9.20 Uhr, Beginn der Messe und des Events an diesem Tage um 11 Uhr. Eine normale Autofahrt zwischen hier und Toulouse kann man in einer knappen Stunde schaffen, ohne groß die Straßenverkehrsordnung zu missachten. Ohne wieder groß abzuschweifen starteten wir um kurz vor halb neun. Selbst unter normalen Umständen, hätten wir es nicht geschafft. Um kurz vor 10 Uhr tauchten wir auf. DAS ist einfach ärgerlich, peinlich, unangenehm und überhaupt nicht zu rechtfertigen. Und das Schlimme dabei: Es ist keine Ausnahme, sondern hier fast schon die Regel.

Die Freude am Leben

Abgesehen davon ist der Rest einfach schön, gewiss nicht immer einfach, getrennt von Familie, Freunden und Heimat, aber ich wollte schon immer mal ins Ausland und ich habe schon zu Beginn meines Auslandsjahres gespürt, dass es notwendig war und ist. In Berlin bin ich daheim, in der Welt zu Hause. Zu allem anderen kann ich zu diesem Zeitpunkt nur eine Zwischenbilanz ziehen, denn momentan herrscht hier Halbzeit. Ich gebe mir mal eine gute 2 mit Aussicht auf ein anhängendes Plus.