Der Journalist Richard Gutjahr hat vor Kurzem ein Micropayment der etwas anderen Art vorgestellt: LaterPay heißen System und gleichnamige Firma. Wie der Name schon vermuten lässt, bezahlt der Leser nicht sofort, sondern erst, wenn der Artikel oder ein anderer Content aufgerufen wurde – und selbst dann muss er erst bei einer Summe von 5 Euro blechen. LaterPay will es dabei sowohl den Publishern mit flexiblen Modellen als auch den Lesern mit einer einfachen Handhabung leicht machen. Richtig durchstarten wollen die Macher in einigen Wochen, die ersten Artikel mit dem neuen Bezahlungsmodell sind bereits bei gutjahr.biz online, auch eine Demo gibt es mittlerweile. Das neue Finanzierungsmodell des elektronischen Journalismus klingt verdammt spannend! Ein Interview mit den beiden LaterPay-Gründern Cosmin Ene (CEO) und Jonas Maurus (CTO).

Interview mit Cosmin Ene und Jonas Maurus

Cosmin Ene, CEO und Gründer | Foto: LaterPay

Cosmin Ene, CEO und Gründer

Vor ein paar Wochen hat Richard Gutjahr das Projekt LaterPay in seinem Blog vorgestellt, seit Kurzem können die ersten Artikel und Fotos mit der neuen Bezahlweise getestet werden, auch eine erste Live-Demo ist nun online. Micropayment ist ja nun keine neue Erfindung und die Verlage zerbrechen sich seit Jahren den Kopf, die Deutschen ans Bezahlen im Internet zu gewöhnen. Was bei Musik und Video immer besser klappt, versagt noch immer bei journalistischen Online-Artikeln – weshalb glauben Sie, dass Sie das Rad neu erfunden haben?

Cosmin Ene: „Glauben wir nicht. Wir glauben, dass vieles schon seit einiger Zeit gilt. Zum Beispiel, dass Nutzer gerne zahlen würden, aber nicht in Form eines Abo-Modells. Bildlich gesprochen wollen Sie ein Glas Milch, deshalb aber nicht die ganze Kuh kaufen. Wir haben uns also überlegt, wie man den Kauf von digitalen Inhalten so einfach, barrierefrei und fair wie möglich für Leser sowie Inhalte-Anbieter gestalten könnte. Das Ergebnis – LaterPay – ist unser Vorschlag für eine freundlichere, bequemere Netzökonomie.“

Selbst Gutjahr sieht in LaterPay nur eine „Übergangstechnik“, die beispielsweise durch Werbung oder Abos ergänzt werden müsste…

Cosmin Ene: „Wir denken auch, dass man mehrere Bezahlkonzepte miteinander kombinieren muss; allein schon, um die Nutzungsgewohnheiten des Users bedienen zu können. Wir glauben, dass Pay per Use für einige Content-Anbieter der beste Abogenerator werden kann, da der User über Pay per Use an das Bezahlen herangeführt wird, sich von dem Inhalt überzeugt, sich daran gewöhnt und dann gegebenenfalls ein Abo abschließt. Anbieter können mit uns Einzelinhalte über Pay per Use oder über verschiedene Abos verkaufen. Somit können Gelegenheitsuser und Heavy-User gleichermaßen angegangen werden.“

Jonas Maurus, CTO und Gründer | Foto: LaterPay

Jonas Maurus, CTO und Gründer

Welche Content-Management-Systeme unterstützt LaterPay – und wie sieht der künftige Support anderer Systeme aus?

Jonas Maurus: „Zusammen mit Richard Gutjahr haben wir ein WordPress-Plugin für LaterPay entwickelt. Jeder, der Interesse daran hat, kann es bereits in Richards Blog testen. Natürlich planen wir, mit der Zeit auch weitere Systeme zu unterstützen. LaterPay ist eine API-basierte Plattform. Jedes Content-Management-System kann unabhängig von direkter Unterstützung durch die LaterPay GmbH an unsere Plattform angebunden werden. Das wollen wir allen Betreibern natürlich möglichst einfach machen.“

Noch scheint LaterPay nur deutschsprachig sein. Ich gehe mal davon aus, dass Sie auch international durchstarten wollen?

Cosmin Ene: „Das stimmt. Nach dem Start im deutschen Markt werden wir LaterPay über die Landesgrenzen hinaustragen. Hierzu werden wir gerne etwas sagen, wenn es etwas Konkretes zu vermelden gibt.“

LaterPay hebt sich insbesondere deshalb von anderen Paywalls ab, weil der Leser erst bei 5 Euro blechen muss…

Cosmin Ene: „Ganz praktisch gesprochen kann ich als Nutzer überall einkaufen, wo LaterPay unterstützt wird. Das heißt, die 5-Euro-Grenze kann sich aus den unterschiedlichsten Transaktionen wie Artikeln, Grafiken oder In-Game-Käufen auf unterschiedlichen Websites zusammensetzen. Dabei ist es übrigens auch egal, ob der Nutzer mal mit seinem Handy und mal mit seinem Tablet oder Laptop einkauft.“

Welche Zahlungsmittel gibt es?

Jonas Maurus: „Zunächst stehen Lastschrift, Kreditkarte, PayPal und SofortÜberweisung zur Verfügung. Im Laufe der Zeit wird diese Liste aber weiter ausgebaut, sodass wirklich jeder Nutzer seine bevorzugte Bezahlmethode auch mit LaterPay nutzen kann.“

LaterPay

Nicht nur Texte, auch Bilder oder spezielle Downloads stehen als zusätzliches Feature zur Verfügung.

LaterPay will natürlich auch Geld verdienen, wie viel Provision verlangen Sie für Ihre Modelle?

Cosmin Ene: „Wir starten zunächst mit einer Provision von 15 Prozent.“

Gibt es ein Rückgaberecht, wenn mir der angeteaste Artikel überhaupt nicht gefällt? Und wenn ja, kann das nicht missbraucht werden, wenn ich alles widerrufe?

Cosmin Ene: „Dieses Recht hat der Käufer tatsächlich. Trotzdem erkennt das System Missbrauchsversuche bzw. eine Überstrapazierung dieses Rechts. Die Inhalterückgabe ist optional für Anbieter. Sie schafft Vertrauen. Wir gehen daher davon aus, dass die Mehrheit der Inhalteanbieter davon Gebrauch machen wird.“

…und kann ich einen Artikel, den ich mit LaterPay gekauft habe, auch später lesen? Wenn ja, wie lang ist dieser Zeitraum oder „behalte“ ich ihn für immer?

Cosmin Ene: „Das hängt von den Konditionen ab, die der Anbieter des jeweiligen Inhaltes selbst festlegt.  Es ist ein fester Grundsatz von LaterPay, die Geschäftsmodellhoheit beim Anbieter zu lassen. Der Anbieter entscheidet, ob er Inhalte „für immer“ freigibt, oder für begrenzte Zeit oder für eine begrenzte Anzahl von Nutzungen. Natürlich ist es auch Aufgabe von LaterPay diese Bedingungen dem Nutzer klar zu kommunizieren.“

Technisch interessiert es mich noch, wie ich einen anderen Content, also fernab von reinen Artikeln, hinter der Paywall verbergen kann. Ich denke da zum Beispiel an Videos, die ja häufig – meist aufgrund der Größe – bei YouTube oder Vimeo gespeichert und auf der gewünschten Website nur eingebettet werden. Gibt es hierfür auch schon eine Idee?

Jonas Maurus: „Hierzu werden wir zu gegebener Zeit mehr bekannt geben.“

LaterPay

Ohne Registrierung oder Login kann der Service genutzt werden. Zumindest für’s Erste.

Als ich Ihre Datenschutzerklärung gelesen habe, bin ich etwas aufgeschreckt: Es gibt eine Bonitätsprüfung. Da werden also irgendwelche persönlichen Daten von mir an nicht näher definierte Firmen weitergeleitet. Zwar erwähnen Sie mit der Deutschen Post Direkt GmbH und der InterCard AG zwei Unternehmen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Aber was genau da übermittelt wird, erfährt der potenzielle Leser nicht. Nach einer kurzen Recherche Google-Suche erfährt man, dass die infoscore Consumer Data GmbH mit der InterCard AG für das sogenannte Kreditscoring zusammenarbeitet. Das klingt zugespitzt etwas danach, dass ich eine weiße Weste haben muss, um Artikel via LaterPay lesen zu können.

Cosmin Ene: „LaterPay nutzt verschiedene Datenquellen vor allem zur Betrugsprävention. Zahlungen mit gestohlenen Kreditkarten, falschen Adressen, ungedeckten Konten oder Ähnliches, verursachen hohe Kosten im elektronischen Zahlungsverkehr. Wir erfahren die Zahlungs- und Adressdaten ja oft erst zum Zeitpunkt der Zahlung und wollen uns entsprechende Kosten so weit wie möglich ersparen. Umgekehrt geht es auch um den Schutz von Menschen, deren Zahlungsdaten durch Betrugsfälle wie bei Target in den USA in Umlauf gekommen sind.“

Wenn manche gar keine Möglichkeit haben, einen Artikel lesen zu dürfen, besteht doch aber die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft.

Cosmin Ene: „Nein, diese Gefahr sehen wir nicht. LaterPay möchte das Bezahlen im Internet so einfach und bequem wie möglich machen. Trotzdem muss jeder Anbieter von Content auch bestmöglich vor Zahlungsausfällen geschützt werden. LaterPay ist eine gute Möglichkeit, um Inhalte auch für kleines Geld anzubieten. Da es sich hier in der Regel um Beträge im Cent-Bereich handelt, glauben wir daran, dass LaterPay für jeden infrage kommt.“

Individuelle Preissetzung im WordPress-Plugin

„Dynamisches Pricing“ im WordPress-Plugin

Was ist Ihre Empfehlung für die Höhe eines einzelnen Artikels und welche Preisspanne gibt es überhaupt für Händler?

Cosmin Ene: „Jeder Händler ist für seine Preisgestaltung selbst verantwortlich, LaterPay gibt keine Preisspanne vor. Natürlich ist es in seinem jeweiligen Interesse, Preise so attraktiv wie möglich zu gestalten. Einzelne Artikel im ein- oder zweistelligen Centbereich sind dabei sicherlich attraktiver, als Artikel für Euro-Beträge zu verkaufen. Die User werden dem Anbieter durch ihre Reaktion die Richtung weisen – zu teure Inhalte werden nicht gekauft werden. Im WordPress-Plugin haben wir ein dynamisches Pricing eingebaut, sodass der Anbieter unterschiedliche Preispunkte ausprobieren kann.“

Kann ich als Betreiber auch mal sagen, dieser und jener Artikel ist komplett kostenfrei?

Cosmin Ene: „Selbstverständlich. Als Blogger beziehungsweise Journalist entscheiden Sie selbst, welche Ihrer Inhalte Sie mit LaterPay monetarisieren möchten und welche Geschäftsmodelle Sie anbieten wollen. Dabei steht es Ihnen frei, Content auch komplett kostenfrei anzubieten. Wir bieten Ihnen auch die Möglichkeit, Artikel als „Free-to-Read“ anzubieten. Hier ist der Artikel an sich komplett kostenfrei, aber es kann kostenpflichtiges Zusatzmaterial wie beispielsweise Fotos und Grafiken angeboten werden.“

Der Warenkorb, der sich auf Gutjahr.biz recht prominent oben rechts befindet, erinnert an ein Shopping-Portal. Geht das auch dezenter?

Jonas Maurus: „Was Sie im Moment sehen, ist Teil des Pre-Launchs. Solche Details können sich bis zum offiziellen Markteintritt LaterPays in wenigen Wochen noch ändern. Der Warenkorb kann angepasst werden und in unterschiedlichen Größen und Formaten dargestellt werden – oder auch überhaupt nicht.“

LaterPay

Teaser-Vorschaltung | Erst bei der Zahlungseinwilligung kann der Artikel gelesen werden.

Ich finde gut, dass der gewünschte Artikel zunächst gelesen werden kann – ohne lästige Registrierung und ohne ein nerviges Log-in. Damit der Nutzer identifiziert werden kann, werden die IP-Adresse und ein Cookie miteinbezogen, zudem soll der Fingerprint des Internetbrowsers analysiert werden. Das birgt meines Erachtens Probleme: Zum Beispiel kann ich einfach einen anderen Browser aufrufen und starte dort wieder bei null. Das Gleiche mit Zweit- und Drittgeräten wie dem zusätzlichen Laptop, Smartphone oder Tablet.

Jonas Maurus: „Wir sehen das eher als Chance an. Ich verstehe Ihre Frage so, dass es ja ein Problem wäre, wenn ich als Nutzer mit drei Endgeräten Content für 15 Euro kaufen kann, weil das 10 Euro mehr sind als mir „zustehen“. Doch damit geben Sie die Antwort auf die viel wichtigere Frage, die sich in Ihrer versteckt, selbst. Die Antwort sollte sein: Dann freu’ dich doch, lieber Content-Anbieter! Die gute Nachricht ist, dass jemand so viel Content kauft. Ziel von LaterPay ist, den Kauf so einfach wie möglich zu machen. Ob der Nutzer jetzt ein Gerät erfolgreich dreimal manipuliert oder drei Geräte benutzt, ist weniger die Frage. Letztlich ist entscheidend, ob er bezahlt. Wenn der User sich registriert und bezahlt, kann er Inhalte, die er von verschiedenen Geräten gekauft hat, auf einer Rechnung sammeln und gleichzeitig kann er von allen Geräten alle je gekauften Inhalte zugreifen. Die Registrierung bringt ihm also den Vorteil der geräteübergreifenden Nutzung: Zum Beispiel auf dem Smartphone auf dem Weg zur Arbeit etwas Interessantes entdecken und bei der Arbeit am PC oder zuhause auf dem Tablet entspannt zu Ende lesen.“

Problematisch sehe ich es, wenn sich mehrere Leute einen Computer teilen. Zu Hause vielleicht weniger, aber im Großraumbüro oder im Internetcafé stehen Sie vor einer gewissen Herausforderung.

Jonas Maurus: „LaterPay erkennt Adressen, an denen untypisch viele Rechnungen geführt werden. Zum anderen können Nutzer an solchen Computern das Gerät als „von mehreren Benutzern genutzt“ markieren. Dann kann LaterPay die Nutzung durch nicht eingeloggte Nutzer einschränken.“

LaterPay stellt sich vor

Andere Anbieter erlauben Suchmaschinen – vor allem Google – Artikel komplett zu indexieren, verstecken dann allerdings für normale Besucher den Content hinter einer Paywall. Das hat natürlich Vorteile für das Suchmaschinenranking und möglicherweise auch für die Einnahmen. Sieht Ihre Technik etwas Ähnliches vor?

Jonas Maurus: „Wie schon erwähnt, lässt LaterPay die endgültige Geschäftsmodell-Hoheit beim Anbieter. Dieser kann mit wenig Entwicklungsarbeit alle möglichen Modelle umsetzen. Wir bieten aber Plug-ins für gängige Content-Management-Systeme mit Funktionen, um Inhalte Suchmaschinen und sozialen Netzwerken zur Indizierung zur Verfügung zu stellen.“

Vielen Dank, Cosmin Ene und Jonus Maurus für das Interview!

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