„Dies ist ’ne App für Dich, weil Du immer in der ersten Reihe stehst.“ Na, endlich. Sie ist da, hip hip hurra: Die Songbook App Äpp der Besten Band der Welt. Zugegeben, so niemand hat darauf gewartet oder zumindest damit gerechnet, dass sie kommen wird, doch jetzt, wo sie da ist, schlägt das Fanherz höher. Ob sich der Kauf des dieärzte-Liederbuches lohnt, lesen Sie im Testbericht zu der Android-App.

Huch! 6,99 Euro für eine Smartphone- bzw. Tablet-App klingen erst mal nach viel Schotter – und darüber dürften die meisten zunächst gestolpert sein. Aber ist das wirklich teuer? Nein. Programme für mobile Endgeräte sind schon lange den Kinderschuhen entwachsen und können sich teils mit den großen Anwendungen für Desktop-Computer messen lassen. Möglicherweise wäre eine 50 oder 100 Euro App noch immer überzogen, aber die Entwicklung beider Stränge nimmt sich manchmal gar nicht so viel. Auch eine App kostet je nach Aufwand richtig viel Geld für Personal und Technik. Dass die Entwicklung manchmal zehn- oder hunderttausende Euro, die App für den Endverbraucher aber nur ein paar Cent kostet, wird häufig nur durch eine gute PR, möglicherweise mithilfe eines guten Namens und die Hoffnung, die Masse anzusprechen, kompensiert. Nischen-Apps haben das Nachsehen.

7 Euro sind völlig in Ordnung

Für kleine und mittelständische Unternehmen, die in Deutschland entwickeln und nicht in Asien produzieren lassen, ist es häufig auch ein Risiko, sich mit einer App von den mehreren Hunderttausend anderen im Google Play Store abzuheben. Dank meiner bekannten Android-App-Liste, die bei Google z.B. mit dem Suchbegriff „coole apps“ auf Platz 1 steht, erhalte ich auch fast täglich Post von Entwicklern, die nicht nur Pressemitteilungen herausschleudern, sondern persönlich auch fast darum betteln, aufgenommen und bewertet zu werden. Werbebudgets haben viele nicht, die an mich herantreten. Mir ist die Situation, sowohl als Journalist als auch als (Web)Programmierer, bekannt: Für Content zu bezahlen ist für viele Endverbraucher in Deutschland noch immer schwierig. Paywalls schrecken noch immer ab und erste Erfolg versprechende Lösungen wie LaterPay müssen sich erst noch etablieren.

die ärzte Songbook Äpp

Die Grifftabelle führt alle Akkorde auf, die in den Songs vorkommen.

Auf der anderen Seite gestaltet Google den Bezahlvorgang mittlerweile denkbar einfach: An fast jeder Supermarkt- oder Drogeriekasse bekommen Sie Guthabenkarten für den Store und können so, falls keine Kreditkarte existiert oder Sie nicht über die Telefonabrechnung bezahlen können oder möchten, eine App erwerben. Doch wer sich die Kommentare in den verschiedensten App-Stores mal durchliest, wird kaum eine App finden, die mehr als 29 Cent kostet und über dessen Preis sich kein Kunde beschwert. Das hat fast schon Routine. Leider. Um (endlich) wieder zurück zur Songbook-App zu kommen: Auch 7 Euro für eine App sind nicht viel. Das sind 1 ½ Kaffee bei Starbucks – und die sind nach ’ner halben Stunde wieder weg. Die App habe ich lebenslang. Im Übrigen kostet das ausgedruckte Songbook mehr als das Doppelte. Also, auf geht’s: Kauf, Download (~ 8 MB), Starten.

Viel Schnickschnack, nur die Songs sind brauchbar

Beim ersten Starten stürzt die App ab. Okay, das passiert. Neuer Start der Songbook-Äpp. Jetzt läuft sie. Recht nüchtern, um ehrlich zu sein. Graphisch bedient sich Bosworth Music, die auch das gedruckte Songbook herstellen, einem eigenen Framework und nicht dem von Google. Das kostet Performance, selbst mit einem neuen Top-Smartphone arbeitet die App nicht ganz flüssig. Im Hauptmenü habe ich mehrere Möglichkeiten: Die alphabetische Songauswahl (mit der Funktion zu suchen), die Grifftabelle der Akkorde, eine Infografie (mit einem Vorwort von Herrn Urlaub), die Diskographie und die Bibliografie (die veröffentlichten Bücher der Band). Im Grunde genommen sind alle Kategorien neben den eigentlichen Songs überflüssig. Vielmehr irritieren sie: Bei einer Diskografie (gerade mit Blick auf das Songbook) kann man doch davon ausgehen, dass die einzelnen Songs der Alben aufgelistet werden, die man wiederum zum Nachspielen direkt anklicken kann. Weit gefehlt; hier werden nur die Alben mit Titel und Coverbild aufgeführt. Schade.

die ärzte Songbook Äpp

Auflistung aller Songs – mit eingeschränkter Suche.

Auch die Suchfunktion erlaubt nur die Suche nach dem Titel, aber wie heißt noch mal der Song, den ich zu Beginn dieses Artikels verwurstet habe? Einfach mal „Reihe“ eingegeben. Nüscht. Das ist echt dämlich. Denn selbst als Ärzte-Fan gibt es doch diesen einen Moment, in dem man ein Wort auf den Lippen hat und mal eben kurz nachschauen will, zu welchem Ärzte-Song es gehört. Dazu taugt die App nicht und man muss sich der regulären Google Suche (bzw. Google Now) bedienen. Gut, die Grifftabelle ist nicht verkehrt. Egal. Wichtig sind doch die eigentlichen Songs! Angeblich werden „Alle Akkorde aller Songs von die ärzte“ aufgelistet. Die genaue Anzahl gibt die App nicht Preis. Also nachzählen. Bei 130 und „N“ verzähle ich mich. Keine Lust mehr. Muss stimmen. Trotzdem kommt mir die „kleine“ Liste so vor, als wäre sie nicht komplett. Nur ein Gefühl, mehr nicht.

Eigenes Framework auf Kosten der Usability

Die eigentlichen Songs werden ebenfalls recht lieblos präsentiert, muten wie ein stumpfes PDF-Dokument an – und wer das Songbook kennt und besitzt, wird sich wundern. Diese Nüchternheit bewirkt auch eine schlechte Usability: Doppelt auf das Display zu tippen, wie man es von Webseiten her kennt, um den eigentlichen Content auf die perfekte Breite zu vergrößern, funktioniert hier nicht. Ich kann lediglich manuell heranzoomen – und auch das läuft mit dem eigenen Framework nicht sauber. Zudem ist der Songtext (selbst bei großen Smartphones) viel zu klein, um ernsthaft damit spielen zu können. Immerhin unterstützt die App das Querformat, das schlussfolgernd auch den Text vergrößert, aber wegen der Navigation oben unnötig beschnitten wird und ebenfalls keine sinnvolle Alternative darstellt. Einen Song auszudrucken funktioniert ebenfalls nicht. Hier hilft tatsächlich nur ein Tablet. Nette Give-a-ways sind ein Metronom, das man offensichtlich braucht, um im Vollsuff am Lagerfeuer einigermaßen das Tempo zu halten (nein, im Ernst, wofür?), eine Invertierungsfunktion (mit schwarzem Hintergrund und weißer Schrift, perfekt für den Alltagsvampir) und noch mal die Tabulatur der verwendeten Akkorde.

die ärzte Songbook Äpp

Diskografie: Eine stumpfe Auflistung der Ärzte-Alben. Mehr nicht.

Apropos Akkorde: Es werden auch wirklich nur die Akkorde angezeigt. Für das Lagerfeuer reicht das gewiss, aber der Herr U. ist schon ein Gitarrenvirtuose und einige Parts möchte man auch richtig, also Note für Note nachspielen und nicht nur die Akkorde wegschrummeln. Dass das geht, zeigt beispielsweise die großartige App Ultimate Guitar Tabs & Chords mit vielen hunderttausend Songs für gerade mal 2 Euro nochwas. Mithilfe des zusätzlichen Notensatzprogramms Tab Pro können die Songs auch ordentlich nachgespielt und darüber besser erlernt werden. Für dieärzte gibt es dort die allermeisten Songs und Ultimate Guitar Tabs bietet noch deutlich mehr und bessere Funktionen an, darunter ein Auto-Scrolling und eine wirklich hilfreiche Transposition der Akkorde.

Fazit

Ein Fazit zu ziehen fällt wirklich schwer, gerade als Ärztefan. Mir kommt es so vor, als wollte man einfach nur schnell die Ärzte-Songs als App herausbringen. Wenn man sich auf die Basics konzentriert, hätte man auch ein PDF-Dokument verkaufen können, denn bis auf das Metronom gibt es kein Feature, das dieses Dokument sinnvoll ergänzt. Die Umsetzung als App ist missglückt, gekauft habe ich sie trotzdem und bin froh sie zu haben. Doch am Lagerfeuer greife ich lieber auf das Haptische zurück: Der Akku des ausgedruckten Songbooks hält dann übrigens auch länger.

Weiterführende Links