Wenn jemand in der Familie stirbt, wenn es auf der Straße einen Unfall mit Verletzten gibt oder bei anderen Katastrophen mit manchmal schrecklichen Bildern, werden nicht nur Polizei und Feuerwehr gerufen. Auch Notfallseelsorger werden immer häufiger alarmiert. Sie betreuen die Angehörigen in den ersten schweren Stunden. In Berlin gibt es diese wichtige psychosoziale Notfallversorgung seit 20 Jahren. Zum Geburtstag hat sich die Notfallseelsorge zusammen mit der Berliner Agentur „BEST FRIEND“ eine Kampagne einfallen lassen: „Trostapparate“ heißt sie. Gebastelt von Kindern in Berliner und Brandenburger Grundschulen. Der Journalist Sebastian Pertsch hat sich mit Justus Münster unterhalten. Münster ist Leiter der Notfallseelsorge in Berlin und als Bevollmächtigter der Evangelischen Landeskirche auch Pfarrer.

Justus Münster

Justus Münster

1. Was ist die Notfallseelsorge?

„Die Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele, das heißt, alarmiert von Feuerwehr und Polizei kommen wir hinzu, wenn ein Mensch plötzlich und unerwartet gestorben ist. Unabhängig von Religion und Weltanschauung stehen wir dann den Angehörigen in diesen ersten schweren Stunden zur Seite und versuchen sie zu unterstützen.“

2. Wie viele arbeiten in der Berliner Notfallseelsorge?

„Derzeit arbeiten 140 Männer und Frauen ehrenamtlich in der Notfallseelsorge mit. Das sind Notfallseelsorger der beiden großen Kirchen und Kriseninterventionshelfer der fünf Hilfsorganisationen.“

3. …und welche Hilfsorganisationen sind das?

„Das sind die Hilfsorganisationen hier in Berlin: Die Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, das Berliner Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund hier in Berlin und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft.“

4. …und wer kann als Ehrenamtlicher dort arbeiten?

„Notfallseelsorger und Kriseninterventionshelfer kommen von den Kirchen und den Hilfsorganisationen – und das macht man nicht einfach so! Man ist nicht einfach so Notfallseelsorger oder Kriseninterventionshelfer. Dazu gehört auch eine fundierte Ausbildung, die wir anbieten, wo man sich mit verschiedenen Themen beschäftigt. Mit dem Thema Trauer, mit dem Thema Sterben, mit dem Thema Tod, mit dem Thema aber auch Einsatztaktik von Polizei und Feuerwehr. Und das ist ein umfangreiches Paket, eine umfangreiche Ausbildung, die Notfallseelsorger und Kriseninterventionshelfer jeweils an den Einsatzort mitbringen.“

5. Weshalb ist die Notfallseelsorge wichtig?

„Die Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin als Angebot der psychosozialen Notfallversorgung ist ein Angebot, was in den ersten Stunden nach einem Unglück greift, nachdem ein Mensch plötzlich und unerwartet verstorben ist, nachdem ein Verkehrsunfall stattgefunden hat, ein Großbrand, eine größere Schadenslage – was auch immer wir uns in dieser Richtung vorstellen. Und die Notfallseelsorge und Krisenintervention kommt dann zu dieser Einsatzstelle dazu und übernimmt die Betreuung von Augenzeugen, von Angehörigen, von Vermissenden und das ist tatsächlich ein einmaliges Angebot. Wir kommen einmalig, sind dann da vor Ort und haben dann eine abgegebene Struktur, zum Beispiel an den Berliner Krisendienst, an die Lebensberatung, an die Beratungseinrichtungen oder auch die Telefonseelsorgen.“

Trostapparat: Trostophant

Trostapparat: Trostophant

6. Hilfesuchende melden sich aber nicht direkt an Sie…

„Als Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin sind wir verlässlicher Partner der Berliner Feuerwehr und der Berliner Polizei. Das ist auch eine Schwelle, die wir mit eingebaut haben in unser System. Das heißt, nur die Berliner Polizei und die Berliner Feuerwehr dürfen uns zu einem Einsatz hinzualarmieren. Ansonsten wären wir der Berliner Krisendienst oder die Telefonseelsorge; davon grenzen wir uns bewusst ab. Unsere Ausbildung ist auch an dieser Stelle einfach anders strukturiert und die Notfallseelsorger und Kriseninterventionshelfer sind eben nur – in Anführungsstrichen – Erste Hilfe in den ersten Stunden nach einem Unglück. Danach haben wir eine abgebende Struktur innerhalb des Berliner Netzwerkes.“ [40s]

7. In welche Situationen kommen Sie eigentlich?

„Die Anforderungsgründe sind verschieden: Das ist die erfolglose Reanimation im häuslichen Bereich, wo wir Angehörige betreuen. Das ist der hauptsächliche Anforderungsgrund hier in Berlin, den wir haben. Wir begleiten Polizistinnen und Polizisten beim Überbringen von Todesnachrichten an Familien. Wir begleiten Familien, wenn sie ein Kind an einem plötzlichen Kindstod verloren haben. Wir sind nach Unfällen da und betreuen den Unfallfahrer, wir betreuen die Angehörigen – wir begleiten auch da die Polizisten beim Überbringen von Todesnachrichten. Aber wir waren zum Beispiel auch im Jahr 2013 in der Flutkatastrophe im Land Sachsen-Anhalt dabei und haben da Menschen betreut, die aufgrund der Flut eben woanders untergebracht werden mussten.“

8. Wie werden Sie von den Einsatzkräften wahrgenommen?

„Als Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin sind wir verlässlicher Ansprechpartner – sowohl der Berliner Polizei als auch der Feuerwehr. Wir arbeiten gut mit den Einsatzkräften vor Ort zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass uns noch nicht alle Einsatzkräfte hier in Berlin wirklich kennen, aber durch unsere Aufmerksamkeitskampagne wollen wir auch da etwas ändern.“

9. …und die Hilfebedürftigen, zu denen Sie gehen?

„Die Menschen sind froh, dass da jemand da ist, der nur für sie da ist, der an ihrer Seite ist in diesem besonderen Moment, in diesem Wendepunkt in ihrem Leben. Die Menschen spüren, dass es eben ein Wendepunkt ist, dass danach nichts mehr so sein wird, wie es vorher einmal war. Sie nehmen nicht so sehr wahr, wer da eigentlich kommt, sondern sie nehmen wahr, dass da jemand da ist und dass da jemand tatsächlich nur für sie da ist und ihnen zur Seite steht. Das ist der wichtige Punkt an dieser Stelle. Ansonsten haben wir eben diese abgebende Struktur, so dass die Menschen, die dann danach in die Trauerprozesse einsteigen und da vielleicht auch Schwierigkeiten haben, eben diesen Berliner Krisendienst aufsuchen können oder sich Rat bei der Telefonseelsorge holen.“

10. Wie lange gibt es die Notfallseelsorge in Deutschland?

„Die Notfallseelsorge-System in Deutschland haben unterschiedliche Bezeichnungen: Manchmal heißen sie Notfallbegleitung, Krisenintervention, Krisendienst. Sind Anfang der 90er Jahre gegründet worden. So Anfang der 90er Jahre ging ein System nach dem anderen sozusagen ans Netz und ist gegründet worden. Und die Notfallseelsorge hier in Berlin ist dann 1995 gegründet worden, so ein bisschen als eines der letzten System, kann man sagen.“

11. Weshalb gibt es keinen einheitlichen Namen?

„Die Notfallseelsorge und Krisenintervention sind beides Angebote der psychosozialen Notfallversorgung, das heißt, wir arbeiten auf Augenhöhe und kollegial gut miteinander. Notfallseelsorge ist ein Angebot der beiden Kirchen, also der evangelischen Kirche hier in Berlin und der katholischen Kirche, und Krisenintervention ist ein Angebot der Hilfsorganisationen hier in Berlin. Die Hilfsorganisationen haben sich bewusst entschieden, ihren Dienst Krisenintervention zu nennen und nicht Notfallseelsorge, weil sie eben auch zu recht sagten, wo Seelsorge drauf steht, sollte auch irgendwo Kirche mit drin sein. Da sie selbst nicht Kirche sind, haben wir diese Unterscheidung zwischen Notfallseelsorge und Krisenintervention. Aber wie gesagt, als Angebot der psychosozialen Notfallversorgung arbeiten wir sehr eng und auf Augenhöhe zusammen.“

Trostapparat: Lucie

Trostapparat: Lucie

12. Wo sehen Sie die Notfallseelsorge in 20 Jahren?

„Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren hier in Berlin noch genauso gut aufgestellt sind, wie wir es jetzt sind. Und sicherlich wird in den nächsten 20 Jahren auch noch mal die Frage der Grundfinanzierung der Notfallseelsorge zu stellen sein. Soll die Notfallseelsorge und Krisenintervention als allgemeingültiges Angebot – vielleicht auch von der öffentlichen Hand – mitunterstützt werden, mitunternommen werden? Derzeit erhalten wir keinerlei öffentliche Förderung seitens des Landes Berlins. Vielleicht ändert sich das in den nächsten 20 Jahren, das wäre sehr schön. Und vielleicht ändert sich auch unser Bekanntheitsgrad innerhalb von Polizei und Feuerwehr auch in den nächsten 20 Jahren, so dass jeder Feuerwehrmann und jeder Polizist hier in Berlin etwas mit diesem Angebot der Notfallseelsorge und Krisenintervention anfangen kann.“

13. Das klingt nach einem Anliegen zur Jubiläumsfeier…

„Wir wollen zum einen sagen: Danke! 20 Jahre Notfallseelsorge in Berlin. Wir haben viele tausend Einsätze in diesen 20 Jahren hier in Berlin gehabt. Wir haben viele tausend Menschen in diesen 20 Jahren betreut. Wir sind bereit, das weiterzutun und das wollen wir öffentlich kundtun.“

14. Woher kam denn die Idee zu den „Trostapparaten“?

„Auf die Idee hat uns eine Werbeagentur gebracht. Die Werbeagentur sagte: Kinder sind eigentlich die richtigen Trauerexperten! Kinder haben einen sehr unverstellten Zugang zum Thema Trost und Trauer und diesen unverstellten Zugang wollten wir einfach nutzen, um auch auf die Arbeit der Notfallseelsorge und Krisenintervention hier in Berlin aufmerksam zu machen. Und deswegen haben wir Kinder in verschiedenen Berliner und Brandenburger Schulen gebeten, für uns Trostapparate zu basteln. Wir haben mit den Kindern das Thema Trauer und Trost bearbeitet in einem Anspiel und haben sie dann gefragt, was denn helfen kann in einer traurigen Situation. Und daraufhin haben die Kinder sofort angefangen Trostapparate zu basteln. Und so ist eben ein Trostophant entstanden, so ist ein Trostmännchen entstanden, die einfach ungeheuer praktisch wären, wenn man sie denn hätte, um eben auch in Einsätzen Menschen zu trösten. Natürlich sind das eben Artefakte, die Kinder gebastelt haben, die man so nicht mitnehmen kann. Aber die Idee dahinter ist die, die zählt – und die uns auch in diesen Einsätzen mitträgt und uns Kraft gibt.“

15. Wie reagieren Kinder in Krisensituationen?

„Ich denke, dass wir Erwachsenen Kindern manchmal nicht zutrauen, dass sie Krisensituationen auch gut meistern können. Ich glaube, dass wir Erwachsenen manchmal Kindern auch den Weg zu ihrer eigenen Trauer verstellen. Kinder machen im Laufe ihrer Entwicklung einfach immer auch die Erfahrung von Trauer, von Verlust: Sei es, dass ein Familienangehöriger stirbt, sei es, dass auch ein Haustier verstirbt, oder dass sie es von Freundinnen und Freunden mitbekommen, dass da jemand verstorben ist. Sie kommen mit dem Thema immer in Berührung. Und ich glaube, dass wir manchmal so einen Überschutzinstinkt einfach Kindern gegenüber haben. Kinder haben einen sehr unverstellten Zugang zu diesem Thema Trauer und Trost – und Kinder wissen sehr genau, was sie brauchen und was sie auch wollen in dieser Situation. Und wenn wir ihnen gut zuhören, dann wissen wir, was sie brauchen und können damit auch gut umgehen.“

16. …und wenn das Kind noch länger auffällig bleibt?

„Ich glaube, das ist das richtige Stichwort! Also, wenn Eltern merken, dass ihre Kinder mit einer Situation, die sie erlebt haben, nicht gut damit zurechtkommen, dass sie vielleicht schlecht schlafen, sich zurückziehen, dass sie über die Situation nicht reden wollen, dann können sie zunächst behutsam versuchen, mit den Kindern darüber ins Gespräch zu kommen. Auch mit den Systemen, in denen sich die Kinder bewegen: sei es Schule, sei es Kindergarten. Und wenn die Systeme dann nicht weiterhelfen können, gibt es verschiedene Einrichtungen hier auch in Berlin, wo Eltern sich hinwenden können mit den Kindern. Zum Beispiel Tabea e.V. wäre so eine Einrichtung, wo sich Kinder hinwenden können, und andere.“

Trostapparat: Der kleine Freund

Trostapparat: Der kleine Freund

17. Reicht die professionelle Erste Hilfe bei Erwachsenen aus?

„Ich wehre mich so ein bisschen dagegen zu sagen, dass Trauer eine Krankheit ist. Trauer ist keine Krankheit. Trauer ist ein natürlicher Prozess. Wir machen alle im Laufe unseres Lebens verschiedene Trauerprozesse durch: sei es, dass wir eine Trennung erleben, dass ein Partner sich von uns trennt, dass wir eine Arbeitsstelle verlieren – auch das sind Trauerprozesse, die wir durchmachen… natürlich aber – und das sind dann die schlimmeren Trauerprozesse –, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren. Ich denke, dass Menschen erstmal mit diesen Trauerprozessen auch so gut zurechtkommen. Da wir aber in unserer Gesellschaft das Thema Tod, Sterben, Umgang mit Trauer auch so ein bisschen ausklammern und so als etwas in die Ecke stellen, mit dem man sich nicht gerne und gut beschäftigt, denke ich, kommt diese Kultur, da muss jetzt ein Profi ran und der muss Dir dann irgendwie helfen. Ein Trauerprozess ist nicht nach 14 Tagen abgeschlossen. Ein Trauerprozess ist auch nicht nach zwei Monaten abgeschlossen. Ein Trauerprozess kann sich über Monate oder Jahre hinziehen. Und das Wichtige ist einfach, dass das Netzwerk des Menschen gut funktioniert, das heißt, dass ein Ansprechpartner da ist, dass Freunde da sind, dass Familie da ist. Wenn der Druck einfach groß ist, das erste Weihnachtsfest zum Beispiel ohne den geliebten Mensch gefeiert wird, der erste Geburtstag des jetzt Verstorbenen ins Haus steht, dass da Freunde und Familie da sind und einfach die Begleitung auch da ist. Das ist wichtig.“

18. Weshalb hören wir nur ungern auf unser Inneres?

„Wir haben meines Erachtens manchmal ein zu mechanistisches Weltbild. Tatsächlich! Was dann auch auf die Medizin übergreift, das heißt, ich gehe zu einem Arzt und der verschreibt mir etwas, das mich sofort wieder gesund macht. Oder ich gehe ins Krankenhaus, weil ich Knieschmerzen habe, bekomme dann ein neues Kniegelenk und alles ist so, wie es vorher war. Der oder die das schon mal durchgemacht hat, weiß einfach, das ist so nicht! Verlusterfahrung prägen Menschen und verändern Menschen in dieser Situation. Das muss aber eben nicht sein, dass damit einher geht ein Verlust von Lebensqualität, sondern es kann auch neue Lebensqualität dadurch gewonnen werden. Daher wehre ich mich auch gegen dieses mechanistische Weltbild und sage, wichtig ist, dass wir so gut zusammenstehen, dass unsere Widerstandskräfte gegen Situationen, mit denen wir nicht so gut klarkommen, auch gestärkt werden und dass wir ein Netzwerk haben, in dem wir uns bewegen, innerhalb dessen wir auch auf Verständnis hoffen können und wo uns Verständnis begegnet, in Situationen, wo wir eben vielleicht nicht alleine klarkommen.“

19. Die „Trostapparate“ sind auch Teil einer Ausstellung…

„Unsere Kampagne Trostapparate oder Mehr als Worte wird zu sehen sein im Kathedral-Forum, das ist bei der Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte. Die Adresse ist Hinter der Katholischen Kirche 3, das findet man relativ schnell. Und diese Ausstellung wird bis zum 17. Februar dort zu sehen sein. Wir haben ganz viele Trostapparate von den Kindern geschenkt bekommen. Wir hatten schon Schwierigkeiten auszuwählen, welche Trostapparate wir auf unsere Website nehmen, welche Trostapparate wir auf die Plakate nehmen, welche Trostapparate wir auf die Postkarten nehmen – und dachten, das ist schade: Wir wollen mehr Trostapparate zeigen und machen deshalb diese Ausstellung im Kathedral-Forum. Die Plakate werden in verschiedenen Werbeflächen einfach zu sehen sein. Und da freue ich mich auch schon drauf, wenn mir die Notfallseelsorge quasi an der Straßenecke auch begegnet und die Trostapparate mich von der Straßenecke aus anlächeln. Das wird – glaube ich – auch für mich eine schöne Situation sein. Ja, und herzliche Einladung an alle, sich das mal anzuschauen!“

Interview als Audio

Ausstellung der Trostapparate

  • 11. Januar bis 17. Februar 2015
  • Kathedralforum der St. Hedwigs-Kathedrale
    Hinter der Katholischen Kirche 3
    10117 Berlin

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