Im Dezember 2010 lief die ARD-Dokumentation „Töten für den Frieden – Die Politik, die Kirche und der Krieg“. Ich verpasste sie, bekam aber von einem aufmerksamen Kollegen den Hinweis: Sebastian, das ist doch „DEIN Thema“ und ich solle sie mir doch mal anschauen; schließlich ging es vornehmlich um den Afghanistan-Einsatz. Ich war 2008 für einige Monate vor Ort und beschäftige mich schon seit einigen Jahren u.a. mit deutscher und internationaler Sicherheitspolitik. Ein spannendes Feld! Genau so gespannt war ich auf die TV-Dokumentation im Ersten; produziert vom NDR.

Da greifen die Öffentlich-Rechtlichen endlich ein Thema auf, das bislang nicht so recht diskutiert werden wollte: Welche Relevanz, welchen Bestand hat das fünfte christliche Gebot „Du sollst nicht morden“ bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr? Wie rechtfertigen die Kirchen den Einsatz? War und ist Käßmann die Einzige mit Arsch in der Hose? Im kommenden März vor zwölf Jahren begann der Kosovokrieg (der nur ein viertel Jahr dauerte). Allerdings dürfen wir in Kürze unseren neunten Geburtstag in Afghanistan feiern. Wie gut können die Politiker über ihre damaligen Rollen reflektieren, als der Bundestag die Einsätze beschloss? Wird mal ernsthaft diskutiert? Gibt es eine ernsthafte Diskussion jenseits der absoluten Gegner und absoluten Befürworter? Können wir das Brunnenthema, das eigentlich nie eines war, endlich ‚mal beiseitelegen? „Töten für den Frieden – Die Politik, die Kirche und der Krieg“ klingt verlockend spannend. Meine Vorfreude war groß.

Roter Faden?

Leider hat mich die Dokumentation zum Schluss nur noch aufgeregt. Der Autor Tilman Jens stellt zwar wichtige Fragen, gibt teils sinnvolle Antworten und lässt zahlreiche Persönlichkeiten zu Wort kommen. Dennoch strotzt die Doku vor zum Teil recht peinlichen Fehlern, ist wirr aufgebaut, lenkt unsachlich in nur eine Richtung und verdreht den interviewten Experten auch noch ihre Thesen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der Autor sämtliche Sicherheitsthemen in den Beitrag pressen wollte. Dadurch wirkt der Titel missverständlich, die Dokumentation verkrampft. Ich frage mich, ob überhaupt ein Zuschauer die Aussage der ARD-Reportage auch nur annähernd wiedergeben könnte, geschweige denn verstanden hat. Der Off-Sprecher (vermutlich der Autor selbst, im Abspann wird kein Sprecher aufgeführt) erwähnt z.B. gleich zweimal Kunduz „im Süden“ Afghanistans. Dabei weiß doch jeder Hobbyintellektuelle, dass die deutsche Bundeswehr vorrangig im Norden von Afghanistan stationiert ist (bis auf wenige Ausnahmen in Kabul, Kandahar und anderen kleinen Ablegern der Bundeswehr). Kunduz liegt im Norden; auch im Norden des „Regional Command North“, deren Verantwortungsbereich „Deutschland“ obliegt. Vielleicht war südlich von Berlin gemeint? Gleich zwei Mal taucht der Fehler mit dem Süden auf. Für eine Produktion für die ARD ist das schon recht peinlich. Das wäre jedem Kabelträgerteilzeitpraktikanten im Vaterschaftsurlaub aufgefallen.

Sieben Monate Dienstreise

Des weiteren hat der Autor offenbar schlecht gegoogelt. Die Bundeswehr-Soldaten sind lediglich rund vier Monate in Afghanistan stationiert (siehe auch hier); doch im Fernsehbeitrag wird gefragt: „Wie halten sie (die Soldaten) die sechs/sieben Monate aus?“. Solche langen Einsatzzeiten gibt es durchaus, gelten jedoch für die Allerwenigsten (genauer gesagt für Spezialkräfte und vor allem für Soldaten außerhalb des ISAF-Einsatzes, wie z.B. im Kosovo). Während der Sarg eines gefallenen Soldaten vor die Linse läuft, wird vom tödlichen „Ende einer Dienstreise“ gesprochen. Nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem erwähnenswert: Eine Dienstreise war es vermutlich nicht. Denn ein Soldat wird für den Auslandseinsatz zumeist kommandiert, dadurch ändert sich die disziplinare Unterstellung. Sprich: Bei einer Dienstreise bliebe der militärische Vorgesetzte (aus der Heimat) bestehen, und das macht im Auslandseinsatz mit völlig anderen Strukturen und Aufgabenbereichen keinen Sinn. Wenn der Generalinspekteur mit seinem Verteidigungsminister in Afghanistan ein paar Stunden lang Shake-Hands verteilt und in die Kameras der Boulevardmedien grinst, ist es für den höchsten Bundeswehrsoldaten lediglich eine Dienstreise (es gibt z.B. keinen Auslandsverwendungszuschlag. Erst ab dem 15. Tag hätte er Anspruch auf einen „AVZ“). Für den „normalen“ Einsatzsoldaten ist es keine Dienstreise. Dem Toten dürfte es natürlich egal sein. Wollen wir also nicht den Korinthenkacker raushängen lassen, schließlich sind dies nur unbedeutende Schwachstellen im Vergleich zu ganz fataleren Punkten dieser NDR-Produktion.

Vorsicht, hier wird nicht scharf nachgedacht!

Denn schon zu Beginn wird klar, worum es dem Autor eigentlich geht. Es werden Soldaten gezeigt, die für die Auslandseinsätze vorbereitet werden: „Vorsicht, hier wird scharf geschossen! (…) Nur noch ein paar Wochen bis zum Einsatz in Afghanistan. Auch dort werden sie schießen, dann aber auf Menschen.“ Der letzte Satz geht mir nicht aus dem Kopf, und inhaltlich bestimmt dieser auch die gesamte Dokumentation: Stumpfe Soldaten ballern am Hindukusch rum, sobald sich ein Sandkorn bewegt. Nur gut, dass wir die Öffentlich-Rechtlichen Sender haben, die kompetent mit dem Thema umgehen und sich glücklicherweise solcher Klischees nicht bedienen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ernsthafte Bemühungen des Autors scharf und begründet zu kritisieren. Und das gelingt ihm dann erstaunlich gut, so zum Beispiel wenn während der kirchlichen Trauerfeier die Nationalhymne gespielt und gesungen wird: „Blüh im Glanze dieses Glückes, das klingt irgendwie falsch an diesem Tag.“ Positiv hervorzuheben sind ebenso die zahlreichen Interviewpartner, die jedoch sehr einseitig und zum Teil schlecht ausgewählt wurden (Wolfgang Benz ist nicht gerade ein ausgewiesener Afghanistan-Experte). Immerhin: Die Tatsache, dass Margot Käßmann als „mutbar streitbare Theologin“ tituliert wird und die Behauptung, dass ihre Predigt in der Dresdner Frauenkirche zu „ungerecht diskutiert“ wurde, war wichtig zu erwähnen. Da ist es diesmal auch völlig unwichtig, dass es der Neujahrsgottesdienst und nicht die „Silvesterpredigt“ war.

Köhler und Guttenberg

Lobenswert ist außerdem, dass der Autor die mangelnde Transparenz der Bundeswehr während der Einsätze beklagt: So wurden „alle Interviewpartner vom Pressemajor“ vorgegeben. „Jedes Interview war überwacht. Pressefreiheit ist eben nicht unbedingt eine Stärke der Bundeswehr im Krieg.“ Auch das dezente Resultat, die Entscheidungsträger des Afghanistaneinsatzes hätten jahrelang mit „gezinkten Karten“ gespielt, ist ein wichtiger Aspekt; nur belegt es der Autor nicht genau. Sehr schade! Dabei wäre der Ansatz der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, dass „die westliche Welt [da] die völlig falsche Strategie einschlägt, um den Terror zu bekämpfen. Denn nichts wollen Terroristen mehr, als so ernst genommen, dass große Mächte sie als akzeptable Kriegsgegner anerkennen“, eine gute Initialzündung gewesen. Oder Köhlers berühmte militärische Absicherung von Wirtschaftsinteressen im Mai 2010. Das gehört rein in so eine Doku! Gut. Auch das Statement des Verteidigungsministers im November 2010. Da sagte zu Guttenberg doch tatsächlich: „Ich habe in diesem Jahr immer wieder darauf verwiesen, dass wir in unserem Lande doch schon einiges noch tun müssen, um auch den Zusammenhang von regionaler Sicherheit und Wirtschaftsinteressen in unserem Lande offen, ohne Verklemmung auszusprechen.“ Inhaltlich stützte somit zu Guttenberg die These des ehemaligen Bundespräsidenten; der eben wegen jener Aussage (vermutlich) seinen Job aufgab. Auch die Frage, ob diese „Wirtschaftskriege“ durch das Grundgesetz gedeckt seien, ist sinnvoll und lässt den Zuschauer nachdenken. Weiterhin werden die „Krieger des Lichts“ – Worte eines Militärpfarrers während einer Trauerandacht in Afghanistan – (aber leider nicht energisch genug, aber immerhin) hinterfragt. Allerdings wird es dann wieder banal, und der Autor Tilman Jens vergleicht diese Worte mit den „Gotteskriegern“ und „Märtyrern“ vor dem Feldlager. Und vielleicht auch nur deshalb, um endlich zum fünften Gebot zurückzukehren, und um endlich wieder ein bisschen roten Faden hineinzubringen.

Auch noch Verdun!

Im Beitrag wird der Anwalt eines Überlebenden des Kunduz-Luftangriffes interviewt und das Thema Entschädigungen angesprochen. Es ist schrecklich, dass die Hinterbliebenen und Überlebenden durch Deutschland nicht versorgt seien (siehe auch hier). Allerdings frage ich mich, wie aktuell und glaubwürdig diese Behauptung des Anwalts ist? Anfang August 2010 schrieb der Stern, das Verteidigungsministerium (BMVg) hätte 5000 Dollar Entschädigung für jede Familie festgesetzt; das BMVg bestätigte diese Nachrichtenmeldung. Dass der Beschluss wohl erst im August fiel – fast elf Monate nach dem Luftangriff im September 2009 – ist nicht nachvollziehbar und beschämend. Trotzdem vermittelt der Fernsehbeitrag, die Deutschen würden überhaupt nichts unternehmen; obwohl vielleicht schon vor Monaten alle versorgt wurden. Auch in anderen Fällen, bei den Zivilisten durch deutsche Einsätze starben, flossen reichlich Gelder (auch wenn nicht gerne darüber geredet wird). Das macht die Sache nicht besser, aber man kauft sich frei. Die Doku hinterlässt mit einer derart unsachlichen Methode einen faden Beigeschmack. Noch geschmackloser wird der Blick nach Verdun und zu Todeszahlen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. „Mahnend“ erinnert der Autor an den „blutigen Preis einer jeden Schlacht“, während die Kamera über die schier endlosen Gräber stolziert und im Hintergrund die Nebelmaschine ordentlich qualmt. Ich wartete noch auf Zahlen aus der Französischen Revolution, dem letzten Oktoberfest und den tödlichen Autounfällen in Brandenburg, die genau so viel mit der aktuellen Lage in Afghanistan zu tun haben. Selbst ein Vergleich mit dem Vietnamkrieg oder dem Sowjetisch-Afghanischen Krieg wäre schlecht gewählt gewesen. Später blickt der Autor wieder in die Vergangenheit, so nach Hamburg im Jahr 1958 gegen das atomare Wettrüsten, zur Ostermarschbewegung und zur Bonner Massendemonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss. Als reine Aufzählung und vor allem in dieser Kürze wirken diese Vergleiche abstrus, hätten unter dem Titel der Dokumentation deutlich ausführlicher beleuchtet werden müssen.

Die Wehrpflichtigen im Auslandseinsatz

Es gibt aber noch weitere inhaltliche Mängel: So wird fehlgedeutet, dass mit dem Wegfall der Wehrpflicht künftig nur noch Berufssoldaten in den Auslandseinsatz geschickt werden. In der Doku wird behauptet: „Das Töten wird an Spezialisten delegiert.“ Praktisch gesehen war das aber schon immer so! Die aktuelle Wehrpflichtdauer geht sechs Monate, davon zwei Monate Grundausbildung plus (i.d.R.) einen Monat Spezialausbildung, sechs Tage Erholungsurlaub, eine Woche Sonderurlaub für die Berufsförderung (BFD), sagen wir pauschal noch zwei bis drei weitere Wochen für Krankheit, Sonderurlaub für Bewerbungsgespräche oder besondere Anlässe und die langwierige Ausplanung und Auskleidung. Macht insgesamt vier von sechs Monaten, die der normale Wehrpflichtige komplett ausgebucht ist (ohne auch nur einen Tag im geregelten Funktionsdienst gewesen zu sein). Oder anders ausgedrückt: Nur zwei Monate ist der Wehrpflichtige von heute ein verbrauchbarer… ähh… brauchbarer Soldat. Für den Auslandseinsatz bedarf es aber noch verpflichtende sehr umfangreiche Lehrgänge, die je nach Einsatztyp 2-4 Wochen dauern. Und jetzt soll der Wehrpflichtige einen Monat lang im Afghanistan rumgurken, oder wie? Ausnahmen gibt es beim freiwillig länger dienenden Wehrpflichtigen (kurz FWDL). Das sind Soldaten, die ihren Wehrdienst auf bis zu 23 Monate verlängert haben. Und das auf eigenen Wunsch! Dies geschieht im Rahmen der Wehrpflicht; aber hier unterschreibt auch der Soldat, dass er für einen Auslandseinsatz eingeplant werden kann (siehe auch hier und hier). Und selbst der Anteil der FWDL-Soldaten an deutschen Auslandseinsätzen liegt bei gerade einmal 3,9 Prozent (siehe hier, Stand der Quelle: 01.12.2010). Zusammenfassend kann man sagen: Normale Grundwehrdienstleistende nehmen „nicht an Auslandseinsätzen teil“; alle Auslandssoldaten sind streng genommen freiwillig dort. Deswegen ist die Behauptung, die zukünftige Auslandsarmee würde nur noch aus Berufssoldaten bestehen, völliger Quark. Es wird eine bevorstehende dramatische Veränderung suggeriert, die eigentlich gar keine ist.

Gelenkte Interviews I

Am Beispiel des Interviews mit der Grünen-Politikerin Antje Vollmer zeigt sich für mich sehr deutlich, wie sehr der Autor nach seiner Linie ringt, nur leider nicht findet: Selbst Vollmer sagte zwar, dass es „keinen gerechten Krieg“ gäbe -ein Ergebnis der bekennenden Kirche-, aber auf der anderen Seite auch „kein sündenfreies Existieren“ und greift zugleich Bonhoeffer auf, der FÜR ein Attentat gegen Hitler war. Und weil der NDR-Autor offenbar die falschen Antworten bekam, ergänzte er mit der Frage „Töten für die gute Sache?“. Schon etwas vorher im Beitrag sagte der langjährige „Chef“ der Evangelischen Christen in Deutschland, Wolfgang Huber: „Wann immer man Gewalt gegen Menschen ausübt, muss man sich klar machen, dass das mit Schuld verbunden ist.“ Aber weil der Autor auch hier wieder keine passende Antwort findet, ergänzt er: „Gibt es dennoch Argumente, die das Gewissen eines Scharfschützen entlasten?“ Und lässt danach einen Soldaten im Bundeswehrbürokratendeutsch antworten, der nur schlecht dabei wegkommt. Eine immer wieder elegante Möglichkeit, einen Interviewgast letztendlich falsch darzustellen: Man stellt im Anschluss eine Frage (die die Antwort eigentlich schon beinhaltet), nur, dass der Interviewte nicht noch einmal Gelegenheit hat darauf zu reagieren. Oder lässt den Interviewgast mit einer verhedderten Antwort auflaufen. Journalismus kann so einfach sein! Noch schlimmer wird es, wenn der Inhalt falsch wiedergegeben wird. Das gelingt ihm mehrfach in der Produktion. Ein vergleichsweise harmloses Beispiel ist dieses:

„Wir vermeiden grundsätzlich auch, unsere militärische Leistung über eine Anzahl von Personen/Gegnern, die man möglicherweise getötet hat, zu definieren. Wie es beispielsweise auch andere ISAF-Partner hier tun! Da sind wir -glaube ich- (…) relativ vorsichtig im Umgang mit solchen Dingen.“ (Zitat eines deutschen ISAF-Soldaten)

„Relativ vorsichtig beim Töten? Ob das reicht, neue Freunde zu gewinnen?“ (Die zusammenfassende Antwort des Autors Tilman Jens, die wieder außerhalb des Interviews ertönt und wieder, als ein Blackhawk-Hubschrauber eingeblendet wird)

Leider mal wieder eine verfälschte Darstellung. Wie Sie merken, hat der Autor offenbar nicht richtig hingehört. Denn der Interviewte sagte letztendlich, die Bundeswehr und die Soldaten seien vorsichtig und würden es (im Vergleich zu anderen Nato-Länder in Afghanistan) eher vermeiden, sich mit getöteten Feinden zu brüsten. Die Vorsicht des Tötens wurde überhaupt nicht thematisiert, obgleich das ein wichtiger Punkt gewesen wäre! Den  Blackhawk-Hubschrauber habe ich deshalb erwähnt, weil er gleich mehrfach im Film zu sehen ist, dabei können ihn die Bundeswehrsoldaten ebenfalls nur aus der Ferne bestaunen. Im Rahmen des Beitrages denkt man als Zuschauer bei den mehrmaligen Einblendungen die ganze Zeit: „ach, ist ja hübsch… damit fliegen unsere Jungs also am Hindukusch.“ Dem ist nicht so. Ich bin damit schon ‚mal geflogen, tolles Gerät, hat aber mit der Bundeswehr nichts zu tun. Vielleicht kommen ein paar Schrauben aus Deutschland, ich weiß es nicht.

Gelenkte Interviews II

Als der Autor wieder zurück zum Anfangsschauplatz, zu einem Truppenübungsplatz, blendet, suggeriert die Dokumentation, das einzige Sache, was die Soldaten bei der umfangreichen Auslandsvorbereitung lernen, ist das Töten und das am Besten, ohne nachzudenken. Es geht so einfach: Man zeige stumpfe Soldaten, die auf talibanisierte Pappkameraden schießen, noch ein bisschen Geheimniskrämerei („Das Wort Töten ist dabei tabu“) und schon ist dieser Teil fehldokumentiert. Dann gerne noch ein Ausbilder, der vor einer Übung sagt, dass die Bevölkerung „nicht freundlich gesonnen“ sei und anschließend der schnelle Bildwechsel zu schießenden Bundeswehrsoldaten und der Spruch des Autors „Dann bleibt nur noch rohe Gewalt“. Die verpflichtenden Einsatzvorbereitungen für alle Soldaten z.B. am Ausbildungszentrum der Vereinten Nationen sind deutlich umfangreicher als der Film hier weiß machen will (weitere Infos zur Einsatzvorbereitung). Schade, dass der Autor offenbar nur das Geballer aufnahm. Hauptsache der Zuschauer glaubt, hier wird ohne Sinn und Verstand rumgeschossen, am Besten noch auf Zivilisten, die gerad blöd gucken.

Zurück zu den gelenkten Interviews. Besonders eklatant wird es bei einem Gespräch mit einem anderen jungen Bundeswehrsoldaten (offensichtlich ein Ausbilder für bevorstehende Auslandssoldaten), der zwar etwas wackelig auftritt, inhaltlich aber sinnvolle Worte findet:

„Im Rahmen der Ausbildung ist es immer kern, dass der Soldat entscheiden muss, töte ich, töte ich nicht, wäge ich ab, auch im Rahmen der Einsatzregeln, abzuwägen, ist es hier zielführend die Waffe zu gebrauchen oder ist es nicht zielführend die Waffen einzusetzen. Die Soldaten werden trainiert, drillmäßig, so dass der Soldat irgendwann im Einsatz handlungssicher ist und weiß, was er zu tun hat, in welcher Situation.“

„Gedrillt, abgerichtet, notfalls auch zum finalen Schuss werden unsere Soldaten nach Afghanistan geschickt. Gedrillte Kameraden aber sind das Gegenteil des einst zu zivileren Zeiten propagierten Staatsbürgers in Uniform, des mündigen Soldaten.“ (der Autor im direkten Anschluss)

Wie Sie merken erneut eine verfälschte Wiedergabe. Im Kern sagt der junge Soldat etwas ganz anderes, nämlich das genaue Gegenteil: Der Soldat lernt nicht drillmäßig zu töten, sondern drillmäßig, also in kürzester Zeit zu handeln, aber zu erst abzuwägen. Vielleicht liegt es aber auch an dem bereits erwähnten Teil über die Auslandsvorbereitung, den der Autor offensichtlich nur sehr kurzweilig und einseitig besuchte. Andernfalls hätte er verstanden, dass die nach Afghanistan geschickten Soldaten viel mehr lernen, verstehen und handeln müssen, als die Doku zu verstehen gibt.

Grundgesetzter Angriffskrieg

Gerne wird von Totalverweigerern aufgeführt, dass es im Grundgesetz doch hieße: „von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“. Auch der Fernsehbeitrag greift es auf und deklariert die Forderung mit Beginn des Afghanistaneinsatzes als „Geschichte“. Leider stimmt das nicht. Dieser Satz steht gar nicht im Grundgesetz. Es ist ein Zitat von (aber nicht nur von) Willy Brandt. Es gibt Historiker, die schreiben das Zitat auch SED-Mitgründer Wilhelm Pieck zu. Wie auch immer: Im Grundgesetz (Artikel 26) steht’s jedenfalls etwas anders, etwas differenzierter:

„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“

Und ein Angriffskrieg ist der Afghanistan-Einsatz trotz aller (durchaus berechtigter) Kritik am Mandat eben nicht. Dann blendet der Autor unglücklicherweise wieder Wolfgang Huber ein, der klar sagt: „Es gibt eine Verantwortung, andere Menschen vor der Gewalt zu schützen. Responsibility to protect!“ und entkräftet damit noch weiter die Linie des Autors.

Die Väter des Grundgesetzes

Und dann tappt der Autor weiter im Dunkeln und stellt wirre Behauptungen auf, während wieder Kriegsgräber vor trister, künstlich vernebelter Landschaft eingeblendet werden:

„Dass Deutschland nach der Terrorherrschaft der Nazis je wieder in einen Krieg eintreten würde, war den Vätern des Grundgesetzes schlicht unvorstellbar.“

Woher weiß er das? Wo steht das? Das ist eine These, die es zu belegen gilt. Mal abgesehen davon, dass der Vergleich zwischen dem Afghanistankrieg und dem Zweiten Weltkrieg ziemlich verwerflich ist und die Frage zu diskutieren bliebe, ob Deutschland am Hindukusch in einen Krieg eingetreten war (oder es sich nur zu einem Krieg entwickelte), könnte man die Zitierten auch anders darstellen: „Dass Deutschland nach der Terrorherrschaft der Nazis je wieder Elend und Krieg zulassen würde, war den Vätern des Grundgesetzes schlicht unvorstellbar.“ Das hat nichts mit der vom Autor herbeigeschworenen „Militärmacht“ zu tun, die wir angeblich wieder haben. Ein Zitat von Albert Einstein passt hier gut: „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Die Gemütlichkeit des Krieges

Besonders dreist erscheint mir folgende Aussage, die bei jedem Auslandssoldaten vermutlich Brechreiz auslösen würde: „Krieg made in Germany kann verflucht gemütlich sein“. Der Autor meint u.a. das „Deutsche Eck“ und den Marketenderladen „Lummerland“ in einem afghanischen Feldlager. Als lägen die Soldaten rund um die Uhr unter dem Zapfhahn und würden sich die Sonne auf die Plauze brennen. Wer die ernsthaften Gespräche sucht (und wenn der Autor von Gesprächen „unter vorgehaltener Hand“ redet, gehe ich davon aus), der wüsste, wie wichtig derartige Rückzugsorte für die Soldaten sind, die nach einem 12 bis 24 Stunden Dienst einfach mal kurz die Seele baumeln lassen wollen. Die Aussage einer vermeintlichen Gemütlichkeit ist aus meinen Erfahrungen und Gesprächen mit deutschen Soldaten mit Häme und Spott, nicht aber mit Verständnis oder sachgerechter Analyse verbunden. Ich hoffe, dass deutsche Soldaten diese Dokumentation nicht gesehen haben.

Fazit

Wenn es im Fernsehen gute Dokumentationen gibt, dann werden sie in den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt (Ausnahme bilden hier z.B. die BBC-Dokus, die bei den Privaten ausgestrahlt werden). Wer als GEZahlter Zuschauer hier eine Doku sieht, kann sich darauf verlassen sollte sich darauf verlassen können, dass die Beiträge sachlich bleiben, hervorragend recherchiert sind und womöglich einen gesellschaftlichen Diskurs eröffnen oder vorantreiben. Wenn ich mir eine derartige Doku wie diese von Tilman Jens angucke, erschüttert es mich und ich frage mich, ob die neue Programmstruktur der ARD ab Herbst 2011 mit deutlich weniger Doku- und deutlich mehr Talkgedöns-Anteilen nicht doch eine gute Entscheidung war. Ich hoffe nicht.

TV-Dokumentation angucken

Die ARD-Doku „Töten für den Frieden – Die Politik, die Kirche und der Krieg“ wurde leider aus der ARD Mediathek entfernt. Der NDR (die zuständige Landesrundfunkanstalt) teilte auf Anfrage mit, dass „der Gesetzgeber vorgibt“ bestimmte „Sendunggebundene Inhalte, nach einer kurzen Verweildauer wieder aus der Mediathek“ zu entfernen. Weshalb diese ansich sinnvolle Dokumentation aber schon nach wenigen Tagen aus der Online-Mediathek verschwand, wurde nicht erklärt. Es stehen allerdings noch zahlreiche Download-Möglichkeiten von Doku-Fans zur Verfügung: Torrent, Stream, Download, YouTube.

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