Im ersten Interview seit Beginn der Unruhen äußerte sich der ägyptische Botschafter in Deutschland, S.E. Ramzy Ezzeldin Ramzy, über die derzeitige Lage in Nordafrika. Er sprach mit mir sehr persönlich und ausführlich über die Unruhen und den Sturz Mubaraks, wie er selbst die letzten Wochen erlebt hat, wie mächtig das Militär tatsächlich ist, seinen Posten als Botschafter und natürlich über die Zukunft Ägyptens. Das Exklusivinterview mit dem Botschafter der Arabischen Republik Ägypten in Deutschland führte ich Samstagabend in seiner Botschaft in Berlin für die Presslive Medienagentur.

Ramzy Ezzeldin Ramzy
Ramzy Ezzeldin Ramzy
Foto: Ägypt. Botschaft

Herr Botschafter, nach drei Dekaden hat der Präsident der Arabischen Republik von Ägypten, Husni Mubarak, seinen Rücktritt bekannt gegeben. Was bedeutet dies für die Leute? Wo sehen Sie ihre Chancen in Ägypten?

Was Sie in Ägypten beobachten konnten, war tatsächlich eine Revolution. Eine demokratische Revolution, die vom Volk ausging. Und ich denke, es wird möglicherweise als eine der größten Revolutionen in die Geschichte eingehen; zumindest im modernen Zeitalter. Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Die Revolution hat gewaltige Auswirkungen für die Leute in Ägypten, die Konsequenzen betreffen aber auch die gesamte Region und aus meiner Sicht sogar die gesamte Welt.

Augenzeugen berichteten am Samstag von einer riesigen Reinemachen-Aktion im ganzen Land. Viele Menschen folgten den Aufrufen aus Facebook und Twitter, nahmen sich einen Besen in die Hand und begannen, Ägypten zu bereinigen. Ist das ein Signal der Bevölkerung, in der Form: wir wollen Demokratie, wir wollen uns an der Politik beteiligen?

Ich denke, wir müssen noch ein wenig weiter zurückblicken, und nicht nur auf das, was heute mit der großen „Clean-Up“-Aktion z.B. auf dem Tahrir-Platz geschah. Ich denke, wir müssen die Zeit seit dem 25. Januar im Ganzen betrachten. Die Menschen zeigten ihr Bestes, wie in einer wundervollen Symphonie vereint. Die Alten, die Jungen, die Gebildeten, die Ungebildeten, Männer, Frauen, Moslems, die Kopten, sie alle verwandelten den Tahrir-Platz zu einem Schaukasten für Ägypten, und das in jeder Hinsicht. Was man heute sehen konnte, war eine Aktion, um den Tahrir-Platz zur alten Pracht zurückzubringen. Die Reinemache-Aktion ist also eine Fortsetzung der Geschehnisse seit dem 25. Januar.

Was von den Demonstranten immer wieder gefordert wurde, war der Wunsch nach einem korruptionsfreien Land und nach mehr Wohlstand für alle. Kann die nächste Regierung dies umsetzen, die Chancen verwirklichen?

Daran gibt es keinen Zweifel. Deswegen sagte ich, es ist eine echte, eine demokratische Revolution. Die nächste Regierung wird die Sehnsüchte der Ägypter nach Gleichberechtigung aufgreifen. Meine Hoffnung ist, dass dieser Übergang – und ein Übergang ist normalerweise der schwierigste Teil – auch im Sinne für mehr Demokratie, Pluralismus und eine gerechtere Gesellschaft stehen wird.

Welcher politische Weg ist gut für Ihr Land? Ein demokratischer, oder ist dies nur eine Illusion des Westens, dass eine Demokratie überall möglich sei?

Nein, ich glaube fest an Demokratie und Freiheit. Aber natürlich gibt es unterschiedliche Typen von Demokratien. Sie unterscheiden sich überall. Aber als Grundlage einer jeden Demokratie gibt es Transparenz, es gibt eine Mitbestimmung der Bürger, es gibt weiterhin eine freie Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit. Das sind die Grundsteine, die Säulen einer jeden Demokratie und diese müssen den historischen und kulturellen Gegebenheiten angepasst werden. Ich glaube, was Sie heute in Ägypten beobachten konnten, war tatsächlich eine Revolution hin zu einer demokratischen Gesellschaft. Es wird eine Demokratie, wie sie der Westen schon kennt.

Was bedeutet die Veränderung in Ihrem Land ganz persönlich für Sie? Wie betrachten Sie den Wechsel, ist er ein Positiver?

Absolut! Ich meine, dies ist ein Tag, auf den viele Ägypter gewartet haben. Vielleicht hatte meine Generation die Hoffnung schon aufgegeben. Es ist geradezu eine berauschende Erfahrung, die jüngere Generation dabei zu beobachten, wie sie die Veränderungen in Ägypten ermöglichen konnten.

Weshalb gab denn Ihre Generation auf?

Das kann ich Ihnen sagen, lassen Sie mich jedoch ein bisschen zurückblicken. Weshalb ist die Revolution so besonders? Ich glaube, es hängt mit der Revolution in Tunesien zusammen. Die erste Revolution in Zeiten von Facebook und Twitter überhaupt. Und damit bin ich nicht groß geworden. Das Internet durchbrach zahlreiche Barrieren: die moderne Kommunikation erlaubt z.B. eine bessere Organisation. In diesem Sinne ist es die erste Revolution im modernen Zeitalter. Es ist insofern auch wichtig, als dass Gerechtigkeit und Freiheit niemals auf lange Sicht unterdrückt werden können. Es ist lediglich eine Frage der Zeit und der Organisation, und ich glaube, die modernen Kommunikationsmittel fördern einen solchen Wandel. In meiner Zeit war es Fernsehen und Radio. Und bis in die 90er Jahre gab es halt kein Internet.

…und keine Interaktion…

Ja, ich wuchs in einer völlig anderen Welt auf. Kein Vergleich zu heute. Aber nicht nur in Ägypten, viele in der Dritten Welt in den 50er, 60er, 70er Jahren hatten nur sehr eingeschränkte Mittel, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Nur wenige hatten Privilegien. Ich hatte glücklicherweise das Privileg, viel ins Ausland zu reisen. Aber die meisten Ägypter hatten nie diese Chance, und nie die Möglichkeit, Zugang zu den Dingen außerhalb des Landes zu erhalten. Die Revolution in Ägypten ist zugleich eine Botschaft an die restliche Welt. Ich glaube außerdem, dass der politische Islam neu definiert werden muss. Nach 9/11 bekam der politische Islam eine schlechte Richtung. Heutzutage ist eine gewaltfreie Revolution möglich.

Aber nicht überall! Blicken wir nur nach Pakistan oder Afghanistan…

Das wollte ich damit ausdrücken. Was man in Ägypten sehen konnte, war der Beginn eines Umwandlungsprozesses des politischen Islams. Aber nicht nur in Ägypten, sondern überall. Und wir haben damit der Welt einen besseren Einblick gegeben. Die Verbindung zwischen Gewalt und Islam ist bedauerlicherweise ein Stereotyp. Und ich denke, Sie haben -ganz im Gegenteil- eine Revolution ohne Gewalt gesehen; ausgehend von einem islamischen Staat. Die Verantwortlichen der Revolution sagten immer ‚Frieden, Frieden, Frieden, Frieden‘. Und ich bin der Meinung, dass die westliche Welt darauf sehr sorgfältig schauen sollte. Man sollte auch bedenken, dass die Revolution ohne fremde Hilfe möglich war. Das sollte der Westen dringend berücksichtigen.

Wie war Ihre Erfahrung in den letzten Tagen und Wochen? Sie haben vermutlich die Fernsehbilder gesehen. Wie war Ihr Empfinden hier in Deutschland?

Es war eine emotionale Achterbahn, das muss ich schon einräumen. Die Aufgaben der Botschaft liefen normal weiter; ich hatte natürlich intensive Gespräche mit der deutschen Regierung und ich besuchte mehrfach das deutsche Parlament. Aber ich hatte nicht einmal Zweifel, dass es nicht zu einer Veränderung kommen könnte. Es war nur eine Frage der Zeit, ob nun Tage oder Wochen. Ich hoffte natürlich, dass es nur Tage dauern würde.

Wie lief es in Ihrer Botschaft ab? Klingelten unentwegt die Telefone?

Ja natürlich, jeder wollte wissen, was in Ägypten los ist. Dabei kamen viele Anrufe auch aus Ägypten selber. Sie beschrieben mir ihre Gedanken und Eindrücke. Und vielleicht sollten Sie das wissen: Das Gespräch mit Ihnen ist das erste Interview seit Beginn der Unruhen.

Wie war die Reaktion Ihrer Diplomaten und Botschaftsangehörigen nach Beginn der Revolution?

Das ist die Facebook-Generation, was denken Sie? [lacht herzlich, Anm.d.Red.] Ich bin der alte Typ. Aber ich denke, es gibt in Ägypten auch einen kleinen Teil, der weniger glücklich ist. Doch die allermeisten sind extrem glücklich über das, was in meinem Land passierte. Es ist eine große Herausforderung und wir alle müssen uns nun daran beteiligen.

Haben Sie eigentlich mit einer derart schnellen Revolution gerechnet?

Nun, ich habe ein luxuriöses Leben hier in Berlin, manche in der mittleren Gesellschaftsschicht sehen den Umsturz sicher etwas anders als ich. Und ich bin mir auch sicher, dass der Präsident eine gänzlich andere Sicht auf die Dinge hatte, die ich nicht zu beurteilen vermag.

In jeder Botschaft hängen Bilder des Staatspräsidenten. Haben Sie schon welche abgehangen?

Wir sind hier nicht wirklich rumgegangen, um Dinge zu verändern. Ja, es könnten noch ein paar Fotos rumhängen. Wir hatten nie viele von ihm, aber ein paar.

Nun liegt die Macht beim Militär. Was bedeutet das eigentlich genau? Und wie lange bleibt die Übergangsregierung an der Macht?

Das ist noch nicht ganz sicher wie lange. Aber das Militär machte sehr klar, dass sie ausschließlich den Übergang hin zu einer zivilen Demokratie begleiten will. Das versicherten sie. Sie sehen also einen Prozess für eine neue Verfassung, neue Wahlen und so weiter. Sie haben ein neues Kabinett angekündigt, das -ich vermute- größtenteils aus Zivilisten bestehen wird. Ich bin überzeugt, dass sie nur zur Sicherung dieses Übergangsprozesses an der Macht bleiben. Das Militär hat schon immer eine wichtige Rolle in der ägyptischen Politik gespielt. Sie genießen eine hohe Glaubwürdigkeit und Anerkennung in der Gesellschaft. Sie setzen jetzt ein neues Kabinett ein, bis eine demokratische zivile Regierung gewählt wurde. Daran besteht kein Zweifel.

Es gab einen Tag, da verkündete das Militär, sie werde nicht mehr auf ihre eigenen Landsleute schießen…

Das taten sie noch nie und sie bestätigten nur das, was schon war. Sie hielten ihr Wort. Das Militär erlaubte somit der Bevölkerung, sich auch auszudrücken. Und es schützte sie vor den Gangstern und Ganoven, die für die Gewalt verantwortlich waren.

Und woher kamen dann die 300 Toten?

Das ist wirklich bedauerlich, und wer auch immer für diese gewaltvollen Taten verantwortlich ist, muss dafür Rechenschaft tragen. Es gibt eine Untersuchungskommission, die gerade gestartet ist. Und wer gefunden wird -das bezweifle ich nicht im Geringsten-, der wird vor ein Gericht gebracht. Was geschah, muss schnellstmöglich verurteilt werden! Aber zunächst muss man herausfinden, wer genau für die Gewalt und Toten verantwortlich ist.

War das Militär Mubarak-unabhängig?

Der Oberbefehlshaber war Mubarak, aber das Militär machte seinen Standpunkt sehr deutlich, und der Präsident befahl niemals, auf die Bevölkerung zu schießen. Das tat er nie.

Russland und die USA fordern schnelle Wahlen. Sind sie notwendig?

Das muss die ägyptische Bevölkerung entscheiden. Wir begrüßen natürlich das Engagement unserer befreundeten Länder, und dass sie um Ägypten besorgt sind, aber diese Entscheidung liegt bei uns. Ich denke, es ist eher wichtig, eine stabile und funktionsfähige Demokratie zu erreichen. Und dieser Prozess wird zunächst erstmal in internen Debatten stattfinden. Die Wahl ist also nur ein Schritt von vielen. Schauen wir nur auf die neue mögliche Verfassung. Es gibt viele Etappen zu meistern. Es hängt natürlich auch davon ab, was Russland und die USA mit ’schnell‘ meinen. Wollen sie eine Wahl in der nächsten Woche, im nächsten Monat? Ich denke, in ein paar Monaten wird die Zeit reif sein. Aber wie lange nun genau, kann ich nicht sagen. Vielleicht dauert es noch fünf Monate, neun Monate? Sagen wir mal so: Ich bin mir sehr sicher, dass wir noch in diesem Jahr eine freie und faire Wahl haben werden.

Weshalb drängen die beiden Länder auf so schnelle Wahlen?

Ich denke, die USA aber auch Deutschland -und das teilen sie mit uns Ägyptern- wollen eine „full flashed“ Demokratie in Ägypten sehen. Wenn die Wahl zu früh kommt, wird manchmal der demokratische Prozess untergraben. Sie benötigen neue Parteien, und wenn sie in die Vergangenheit blicken, wissen Sie, dass es starke Reglementierungen für Parteien gab. Nun werden sie vermutlich aus der Verfassung entfernt, sodass neue politische Parteien gegründet werden können. Und eine neue Partei kann nicht einfach in ein, zwei Monaten organisiert werden und sich für eine Wahl aufstellen. Ich bin mir sicher, dass es im Interesse aller ist, dass diese Wahlen stattfinden, nicht zu spät, aber auch nicht zu früh.

Wo liegt -nicht nur politisch gesehen- die Zukunft von Ägypten?

Ich sehe ein Land, das seine Ressourcen effektiv nutzen kann. Ein Ägypten mit zentraler Funktion in der Region, deren Menschen gebildet und für den Arbeitsmarkt qualifiziert sind. Es ist eine junge Bevölkerung. Mit einem demokratischen System sehe ich in den nächsten Jahren ein Wirtschaftswachstum von sieben, acht, vielleicht zehn Prozent. Ich denke, dass dies möglich ist.

Blicken wir Richtung Zukunft, was den Tourismus betrifft. Wann wird es für deutsche Urlauber wieder sicher, nach Ägypten zu reisen?

Wenn Sie mich fragen, sofort! Die Situation ist stabilisiert, die Lage ist wieder normal. Ich denke, in nur wenigen Tagen kann man wieder Ägypten problemlos bereisen. Ich verstehe natürlich, dass Touristen momentan etwas zögern. Ich kann aber all diejenigen beruhigen, die in den nächsten Wochen vorhaben Ägypten zu besuchen: Bleiben Sie bei ihren Plänen!

Und die Ägypter können sich demnach auch wieder sicher auf den Straßen fühlen?

Absolut, absolut. Sehen Sie irgendwo noch Gewalt? Das Ganze war begrenzt auf zwei, drei Tage. Und das war’s auch schon. Seit dem ist nichts mehr passiert.

Lassen Sie mich zur letzten Frage kommen: In diesen Momenten, was würden Sie bevorzugen: Der Ägyptische Botschafter in Deutschland oder der Deutsche Botschafter in Ägypten?

Ich bin Ägypter. Ich mag es der Ägyptischer Botschafter in Deutschland zu sein.

Herr Botschafter, vielen Dank für das Interview!

Gern geschehen. Vielen Dank!