Facebook – Der große SocialNetwork-Riese plant den Börsengang. Zwar steht noch gar nichts fest, aber alle Medien berufen sich derzeit auf einen Artikel des auf Wirtschaft spezialisierten US-amerikanischen Nachrichtensenders CNBC. Dort wird die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, zitiert, die letzten Monat einen Börsengang als „inevitable“ (also als notwendig oder unausweichlich) beschreibt. Das dürfte allerdings keinen ernsthaft überraschen. Nicht mehr lange, dann wird Facebook die 700 Mio-Mitglieder-Marke knacken. Alleine in Deutschland gibt es rund 19 Mio aktive Nutzer – dabei ist die deutsche Version erst 3 Jahre alt. Start des deutschsprachigen Facebooks war am 3. März 2008. Es ist längst nur eine Frage der Zeit, bis der Börsengang (IPO) startet. Geschäftsführerin Sandberg ergänzte den „notwendigen“ Börsengang mit einem der „nächsten“ Dinge, die passieren werden („the next thing that happens“).

Nächster Checkpoint: Börsengang

Bleibt allerdings die Frage, was damit gemeint ist? Fast jeden Tag -so kommt es einem manchmal vor- gibt es neue Dinge in der Zuckerberg-Welt: Zuletzt die zusätzlichen Funktionen beim „Teilen“, viele neue Hilfsmittel für Seiten-Administratoren und die viel diskutierte Gesichtserkennung, die weder Appel noch Ei auseinanderhalten kann. Was genau meint also Sandberg mit als „nächstes“? Anonyme Insider, und darauf beruft sich CNBC, behaupten, Facebook ginge im 1. Quartal 2012 an die Börse. Und da das Unternehmen angeblich mit 100 Milliarden Dollar (umgerechnet fast 70 Milliarden Euro) bewertet werden soll, kommt es doch gerade rechtzeitig, über Probleme bei Facebook zu berichten und eine nächste Internetblase zu prophezeien. Pustekuchen! Wer auf Grundlage des Artikels von InsideFacebook behauptet, Facebook verlöre Nutzer, der irrt, hat den Inhalt fehlgedeutet oder den Google Translator falsch eingestellt.

Mitglieder Nutzerzahlen

Wie bereits in meinem Artikel über den Mythos der Facebook-Zahlen erwähnt, entsprechen die Mitgliederzahlen nicht den Nutzerzahlen. Bei den Nutzerzahlen handelt es sich um „aktive Nutzer“, die sich in den letzten 30 Tagen mindestens einmal eingeloggt haben. Und genau diesen Unterschied haben offensichtlich viele Kollegen nicht verstanden, sie aber trotzdem in zahlreichen Medien veröffentlicht. Die Nutzerzahlen, wie sie auch auf InsideFacebook erwähnt werden, sind also keine Mitgliederzahlen. Deswegen ist es falsch zu behaupten, Facebook hätte unter anderem in den USA 6 Mio Mitglieder „verloren“. Darüber hinaus gibt es in Schwellenländern zahlreiche Abwanderung. Beispielsweise hatte Mexiko im Mai noch 23,7 Mio Nutzer, einen Monat später aber 25,6 Mio. Ein Zuwachs von fast 2 Mio – Raten Sie mal woher?

Wirtschaftliche Interessen

InsideFacebook spricht im Artikel zwar auch von „active users“, vermeidet zur Klärung aber eine Differenzierung des Begriffs. Aber vielleicht prahlen sie mit den vermeintlichen Verlusten in Millionenhöhe u.a. in den USA auch im eigenen wirtschaftlichen Interesse? Die Urheber des Artikels vermarkten nämlich auch ihr Facebook-Tool „Inside Facebook Gold“ für rund 300 Dollar monatlich. Und auf genau dieses kostenpflichtige Werkzeug verweisen die Akteure in ihrem Artikel. Das ist prinzipiell legitim, hat aber einen faden Beigeschmack, zumal nicht ordentlich aufgeklärt wird. Selbst Facebook reagierte mittlerweile im Guardian und dementierte den Bericht von InsideFacebook.

Falsche Methodik der Erhebung

Die Methodik dieser Datenerhebung sollte hinterfragt werden! Zwar ist die Quelle ihrer Erhebung in erster Linie ihr eigenes kostenpflichtiges Tracking-Tool, aber deren Grundlage ist das Facebook eigene und frei zugängliche „Advertising Tool“. Unter der Adresse http://www.facebook.com/ads/create/ kann jeder diese Nutzerzahlen abrufen. Kostenlos! Nach Angabe fiktiver Werte können Sie im 2. Schritt „Zielgruppe“ den Ort bzw. das Land eingrenzen. Bei Eingabe von „Deutschland“ gibt Facebook eine „Geschätzte Reichweite“ von über 19 Mio Personen an, „die in Deutschland leben“. Und nichts anderes macht „Inside Facebook“: ob nun per automatisierter Schnittstelle oder über das stumpfe Abtippen der Zahlen. Die Grundwerte basieren auf den offiziellen Facebook-Angaben.

Facebook weiß, wo Sie sind

Abgesehen davon, dass -wie bereits erwähnt- diese Nutzerzahlen nicht den Gesamtmitgliederzahlen entsprechen, bleibt die Frage, woher Facebook den Ort kennt. Wenn im eigenen Profil keine Anschrift angegeben wurde, wird laut Facebook „anhand der IP-Adresse“ der Ort eines Benutzers bestimmt. Das bedeutet aber auch: Loggt sich ein „Deutscher“ im Urlaub ein, ist er möglicherweise kein deutscher Nutzer mehr. Sind umgekehrt ausländische Touristen also Deutsche, wenn sie sich über ihr iPhone oder Android an einem deutschen Flughafen einchecken? Facebook verhält sich zu diesen Auskünften sehr vage.

Gesättigte Fettsäue

Jedem muss klar sein, dass irgendwann eine Sättigung eintreten muss. Es gibt nicht unbegrenzt viele Nutzer. Es gibt zwar Verlagerungen des (Wohn)Ortes, aber offensichtlich keinen derart hohen Verlust der richtigen Mitgliederzahlen, wie in den letzten Tagen zahlreiche Medien weiß machen wollen. Im Gegenteil: Facebook wächst weiter. Im Juni um „nur“ 12 Mio Mitglieder. Zuletzt noch ein Tipp für alle, die in den nächsten zwei Monaten eine ähnliche Falschmeldung publizieren wollen: In den USA haben vor ungefähr zwei Wochen die Schulferien begonnen. Auch hierzulande starten Ende Juni die Sommerferien. Raten Sie mal, wie es mit den aktiven Nutzerzahlen in einem Monat aussehen wird?

Update vom 17.06.2011

Mittlerweile haben mich zwei offizielle Meldungen von Facebook erreicht, die mit dem Missverständnis aufräumen, Facebook verlöre Mitglieder. Meine Anfrage an die Presseabteilung von Facebook wurde an die Hamburger Agentur Heine PR + Kommunikation weitergeleitet, die Facebook in Deutschland „unterstützt“. In der Antwort heißt es von Stefanie Schieke:

Facebook wächst weiterhin, auch wenn es in einigen wenigen Märkte langsam seine Sättigung erreicht. Nutzerzahlen verliert das Unternehmen hingegen nicht.

Auf meine Nachfrage, was denn nun genau unter den „Nutzerzahlen“ zu verstehen sei, erhielt ich aus dem gleichen Haus von Cindy Ulitzsch eine klärende Antwort:

Bei den Zahlen zu Facebook-Nutzern, die Facebook offiziell kommuniziert (z.B. die 20 Millionen Nutzer in Deutschland), handelt es sich stets um die aktiven Nutzer, also die, die mindestens einmal im Monat auf Facebook sind.

Spätestens mit diesem Statement dürfte jedem klar sein, dass die medialen Unkenrufe gegen Facebook auf Grundlage schlechter Recherche zurückzuführen sein müssen.