Der Flug nach Frankreich begann sehr früh. Ich fuhr mit meiner Mutter und meinem Onkel um 5 Uhr früh los zum Flughafen Tempelhof. Ja, der. Keine Ahnung warum. Wer das Foyer kennt, der weiß, dass hier seit 50 Jahren nücht mehr gemacht wurde. Vielleicht auch erst 30 Jahre, Asbach… Aber ist ja auch egal. Mit lockeren 4 Kilogramm Übergepäck (20 sind nur erlaubt), und meinem Gitarrenkoffer und der dicken Sporttasche, die allenfalls als schweres Normalgepäck hätte aufgenommen werden dürfen, schlich ich mich an den Check-In, machte der betagten Dame ein paar hübsche Augen, und kamm umsonst davon. 8-12 Euro pro Kilogramm Übergewicht sind keine Ausnahme.

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Beinfreiheit… was ist das?

Nun die nächste Hürde mit dem Handgebäck, aber alles Banane, kein Problem. Nach dem Röntgen konnte ich mir mal die Gitarre von Innen anschauen, ein Anblick, den wohl nur wenige bisher hatten. Flug nach Bruxelles (oder Brüssel), eine Stunde Warten, dann mit ner Klappermaschine nach Paris. Die Maschine war vielleicht zu einem Fünftel bebucht, dennoch war die Beinfreiheit wohl eher für kleine Menschen gebucht. Selbst ich mit meiner (deutschen Durchschnitts-)Größe kam damit nicht klar und hatte danach rote Kniee. Anyway, der Flug ging ja nicht lange, und es brannten auch nur zwei, statt der vier Turbinen. Gut, vielleicht brannte nichts, aber beim Start herrschte hektisches Treiben, die Mechaniker kam vor dem Flug ins Cockpit und es wurde emsig diskutiert. Während des Fluges war es verdammt kalt, und trotz des ca. 20-minütigen verspäteten Startes kamen wir pünktlich in Paris an. Ahhjaaa….

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Die Achse des Guten (?!) nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach der Landung wirbelten viele Gendarmeries mit Maschinenpistolen umher, aber mein Koffer lebte noch. Nun, nach dem eher hektischen Morgen, empfing mich der sympathische Kerl „Gil“ (oder so ähnlich). Als Ehrenamtlicher arbeitet er für die Organisation „Jeunesse et Reconstruction“. Nur noch mal so dazwischen: ICYE ist der Name der internationalen Organisation, ICJA der für Deutschland, und der „ICYE France“ wurde einfach nur deshalb nicht umbenannt, weil die Organisation schon einige Jahrzehnte länger existiert, als sie Mitglied im weltweiten ICYE sind. „Jeunesse et Reconstruction“ wurde kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Deutschland und Frankreich gegründet. Im Grunde genommen genauso wie der weltweite ICYE, der seinen Ursprung in der Organisation zwischen Deutschland und den USA hat, der wiederum von einem Ev. Pfarrer gegründet wurde.

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Deutsch-französische Klischees – Teil I

Nun Gil empfing mich ganz herzlich und brachte mich innerhalb des „Charles de Gaulles“-Geländes zum TGV-Bahnhof. Dort verweilten wir knapp 3 Stunden und es war schon dort erstaunlich, wie die Auffassung von jungen Erwachsenen gegenüber Deutschland ist. Nicht schlecht, wie man vielleicht meinen möchte. Es sagte zwar, dass es natürlich noch viele ältere, verbitterte Menschen gäbe, aber die „neue“ Generation hätte keine Vorurteile mehr gegenüber Deutsche, schließlich könnten wir Deutsche doch nichts für unsere Vorgänger, sondern trügen allenfalls die Verantwortung dafür, dass diese Scheiße nicht noch einmal passiert. Und so redeten wir über deutsch-französische Beziehungen, über dies und das und jenes, und war schließlich doch verblüfft, dass er sich einigen Punkten besser über die Deutsche Fußball-Bundesliga auskennt, als ich. Oder weißt Du, wie der damalige Trainer von Freiburg von vor 6 Jahren heißt? Ich nicht. Es war für mich als erste Begegnung sehr bemerkenswert, wie offen und gut das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen (gerade oder auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen) ist; dieses Gefühl, habe ich bisher kaum bei Deutschen wahrgenommen. Ein christlicher Aspekt nannte er, den wir beim „Vater unser“ permanent gebrauchen, aber manchmal zu selten realisieren. Und dabei ist er doch so wichtig: Das Vergeben.

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Geduldige Idylle im Südosten von Fronkraisch

Der TGV brachte mich locker in 3 1/2 Stunden nach Valence, und so konnte ich den versäumten Schlaf der vergangenen Nacht zumindest ein wenig nachholen. Doch keiner war da, um mich abzuholen. Ende Banane. So rief ich „Jeunesse et Reconstruction“ in Paris an, die sich um weiteres kümmerte (wie gut, dass gerade keiner Englisch konnte und ich mit meinem Französich auch eher bemittleidend agierte). Be patienced. Etwas, das mich noch lange Zeit kosten wird: Geduldig zu sein. Denn es geht nicht alles so schnell, wie man es möchte. Geduld ein Keyword für meine Arbeit im sozialen Projekt. Es war Mittwoch, und das eigentliche Camp begann am Freitag, so dass ich der erste war, und die Organisation im Südosten Frankreichs das offenbar nicht richtig mitbekam. Anway, endlich kamen sie, und wir fuhren nach Étoile-sur-Rhône, ein schnuckeliger Ort, wie er für Frankreich nicht hätte klischeehafter sein können. Fabelhafe Landschaft mit Blick auf die Alpen, und eine historisches, verdammt kleines Dorf mit idyllischer, ja schier romantischer Architektur. Magali, die mich u.a. abholte, spricht ein wenig Deutsch, denn ihre Mutter war Deutsche, aber auch ihr Englisch war très bien.

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Kurz vor dem Camp mit knapp 30 Jugendlichen aus aller Welt

Schon in Paris hatte ich mich bei Gil über sein sehr gutes Englisch gewundert. So gehen wir Deutsche doch immer noch davon aus, dass die Franzosen Englisch und Deutsch hassen, und sich eher vom Rotwein und Käse trennen würden, als solch eine Sprache zu lernen. Und schon entdeckte ich wieder ein Klischee meinerseits (oder den der Deutschen gegenüber Frankreich bzw. den Franzosen), das partours nicht wahr ist. Viele luschtige Erfahrungen in dieser Richtung konnten wir auch mit den anderen ca. 30 jungen Erwachsenen aus aller Welt beim Vorbereitungscamp machen. So glauben Brasilianer, dass Franzosen stinken, weil sie zu wenig Wasser hätten. Bis ich am Freitag für das Camp abgeholt wurde, verbrachte ich die ersten zwei Tage in der Emmaüs Community; etwa 2 km vom Dorf entfernt. Aber was das genau ist, und warum den Gründer Abbé Pierre in Frankreich so viele kennen, das erfahrt ihr nach der nächsten Maus!