Und schon geht’s weiter… Zunächst sei gesagt, das die Fotos noch folgen werden. Ich hab halt keine Fotokamera, dafür aber ne gute Spiegelreflex-Kamera, so dass ich die Bilder noch zum Entwickeln freigeben muss. Be patienced, womit wir wieder beim Thema wären. Denn Geduld, man kann es nicht oft genug sagen, bedarf es häufig.

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Müll macht erfinderisch

Die Emmaüs Community wurde 1954 von Abbé Pierre (aus Lyon) gegründet, und um es kurz zu machen, ist es eine Herberge für jeden. Flüchtlinge, Obdachlose, Verfolgte oder Menschen mit aller Arten von Problemen. Oder halt auch Häftlinge (die ihre Zeit verkürzen können, wenn sie sich dort engagieren). Meistens kommen Männer. Sie bekommen in der Emmaüs Community, die es weltweit – ja sogar in Deutschland gibt -, Unterkunft und genügend zu Essen. Als „Gegenleistung“ gibt es die wichtigste Pflicht, bei der Arbeit mit zu helfen. Und das ist wirklich simpel und zugleich bemerkenswert (Bilder folgen…): Mit LKWs fahren sie durch die Regionen und bieten an, Sperrmüll kostenlos entgegen zu nehmen. Verwertbares bieten sie zum Verkauf an. Andererseits kommen viele Franzosen und verschenken ihr Gerümpel, und das ist alles gar nicht mal soooo schlecht. Die Lagerhalle und der Platz davor hat unglaubliche Ausmaße. Ich hätte nie gedacht, dass SOO viel zusammen kommt. Von Möbeln aller Art, über Musik, Technik, Bücher, Kleidung bis hin zu Geschirr ist alles drin.

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Die Hand verbindet

Nun, die Verpflichtung ist halt, tagsüber dort zu arbeiten. Alkoholverbot herrscht ebenfalls, da manche damit Probleme hatten, so z.B. aus AntiAlk-Programmen hingeschickt wurden, um hier eine neue Basis zu schaffen. Die Atmosphäre ist erstaunlicher Weise sehr gut. Und wieder erfährt man eine Neuigkeit… So sitze ich am gedeckten Mittagstisch mit ca. 25 anderen Personen. Kurze Zeit später erscheint jemand, mir bis dahin noch völlig unbekanntes, läuft an den Tischen vorbei, und gibt mir als einzige die Hand zur Begrüßung. Das kennen wir ja net so… aber hier gibt man sich durchschnittlich zwei Mal die Hand am Tag. Jedem, wirklich egal wer! Einem bekannten Fräulein gibt man zwei Küsschen auf die Wange, jeweils links und rechts. In manchen Regionen gibt’s sogar drei Küsschen, und im Nordwesten nur eins. So weiß ein Franzose NIE, wie er zu küssen hat, nur dass er zu küssen hat. Back to the roots: Weitere Informationen über die Emmaüs Community gibt’s hier.

Der Beginn ist das Ende vom Anfang

Am Freitag zum Mittagessen wurde ich dann von Solen abgeholt. Sie ist die Leiterin für das Camp und dementsprechend von der Organisation „Jeunesse et Reconstruction“ (Dschöness eh Reehkonnstrücktiohn)… unglaublich alt sieht sie aus, auch nach zwei Wochen hätte ich nie geahnt, dass sie gerade mal zwei Jahre älter als ich ist. Sie brachte mich zurück nach Etoile-sur-Rhone, wo das eigentliche Haus war. Ein luschtiges 18-Bett-Zimmer erwarte mich da. Aufgrund des Platzmangels waren die meisten dort untergebracht. Nur die, die schon perfekt französisch sprachen, wurden in der Emmaüs Community untergebracht. Zu denen gehörte ich zweifelsohne nun überhaupt nicht. So zog ich am Freitag um. Das Haus war echt Schnieke und hatte auch wie die Emmaüs Community (das übrigens früher Klosterbrüdern gehörte) über 1 Meter dicke Wände aus Stein. So konnte es draußen zwar schweineheiß sein – und das war es auch – und drinnen angenehm kühl. Auch im Winter bleibt die Wärme drinnen.

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Die Welt zu Gast in Frankreich

Das Camp begann Freitag und bis Samstag und Sonntag trudelten fast alle ein. Unter den Teilnehmern des eigentlichen ICJA-Programmes nahmen auch drei deutsche Zivildienstleistende teil, die allerdings schon 7 Wochen in Frankreich in Workcamps arbeiteten. So waren wir dann insgesamt 6 Deutsche. Neben uns und den Leitern/Teamern aus Frankreich war es ein bunter Haufen, der überdurchschnittlich von Lateinamerikanern geprägt war. Junge Erwachsene in meinem Alter aus Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Kolumbien, Honduras, Ghana, Kenia und Uganda. Mehr Frauen als Männer. Aufgrund von Visa-Problemen werden in den kommenden Wochen noch Jugendliche aus Taiwan, Mexiko und Russland erwartet. Zwei Jugendliche aus den USA hatten kurzfristig abgesagt. Es ist eine sehr schöne Gruppe, die in nur kurzer Zeit enorm schnell zusammen wuchs. Tagsüber gab es sechs Stunden Französisch-Unterricht. Und ich möchte mal betonen, dass das keine Schulstunden waren! Die Gruppe wurde in drei Klassen aufgeteilt.

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Froschschenkel und Schnecken

In der Mittagspause liefen wir dann zu Emmaüs Community, um mit den Leuten gemeinsam zu speisen. Danach ging’s wieder zurück in die Schule. Abends wurde dann ein Gericht aus einem anderen Land gekocht; natürlich von den jeweiligen Teilnehmern. Das Deutsche kam verdammt gut an… Da wieder kein Deutscher so richtig gut kochen konnte, quasi gar nicht, musste ich das Zepter in die Hand nehmen, und entschied mich Boulletten (oder für Außer-Berliner Frikadellen) mit selbstgemachtem Kartoffelbrei und Gemüse zu kreieren. Danach ’n Pudding. Hatte zwar alles etwas lange gedauert, aber es hatte dann allen sehr gemundet. Die anderen Essen aus aller Welt waren aber auch nicht zu verachten. Und wieder mussten Klischees aus dem Weg geräumt werden. Franzosen haben zwar manchmal einen anderen Geschmack (z.B. super eklige alte Käsesorten), ABER die meisten Gerichte sind verdammt lecker, und dabei ist egal, ob bei Mutti zu Haus, oder in der Kantine. Hätte ich nicht gedacht… die schaffen es doch tatsächlich, für Massen lecker zu kochen. Im Vergleich zum Bund kommt mir da eher das Würgen. Nach dem Essen gab es jeden Abend eine Länderpräsentation, und so war es doch bemerkenswert, wie wenig man von dem einen oder anderen Land wusste. Und sei es nur kleine Feinheiten. Boliviens Landschaft hätte ich mir nie so abwechslungsreich vorgestellt, von der Steppe, über den Urwald bis hin zu schneebedeckten, hohen Bergen. Fantastische Bilder… von einer fantastischen Frau…