Kinder, die schreckliche Dinge sehen, reagieren meist ganz anders als Erwachsene. Wochenlang werden sie von ihrem Erlebnis begleitet und verändern sich. Die Eltern sind nicht selten überfordert: Viele wissen nicht, mit den Signalen ihrer Kinder richtig umzugehen. In Deutschland, vor allem in den großen Städten wie Berlin gibt es ein engmaschiges Netz an Beratungsstellen. Bei Todesfällen wird häufig die Notfallseelsorge gerufen – ein Verbund aus 7 Organisationen. Das Notfallseelsorge-Team in Berlin steht mit 140 speziell ausgebildeten Ehrenamtlichen zu jeder Zeit bereit. Sie kümmern sich unmittelbar nach einem Vorfall um die Seele der Angehörigen, spenden Trost, vermitteln, sind manchmal einfach nur präsent – und Kindern bringen sie seit Neuestem ein tolles Büchlein mit: „Hanna und der Unfall“ lautet es.

In dem liebevoll gezeichneten Ratgeber des jungen Zeichners Daniel Verovic werden die Stationen noch einmal nacherzählt: Vom Unfall (Hanna sieht, wie ein Radfahrer von einem Auto überrollt wird), über die Veränderung bei Hanna („Ab und zu ist Hanna traurig und weint. (…) Manchmal denkt Hanna sogar, dass sie selbst an dem Unfall schuld sein könnte“) und den Besuch des Notfallseelsorgers bis hin zu Tipps zur Bewältigung des Traumas. Das Büchlein versteht sich nicht nur als Ratgeber für das betroffene Kind, sondern auch oder gerade für die Eltern. Autor von „Hanna und der Unfall“ ist Harald Karutz, der Professor für Rescue Management an der Medical School Hamburg und Experte für die Psychosoziale Notfallversorgung von Kindern und Jugendlichen ist. Karutz und die Evangelische Kirche im Rheinland haben das Büchlein im letzten Sommer für die eigenen Notfallseelsorger herausgebracht. Nach Berlin und in einer überarbeiteten Fassung brachte es vor kurzem Justus Münster, der nicht nur Pfarrer in der EKBO ist, sondern auch die „Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin“ leitet.

Interview mit Justus Münster

Justus Münster | Beauftragter der EKBO für die Notfallseelsorge im Sprengel Berlin

Justus Münster | Beauftragter der EKBO für die Notfallseelsorge im Sprengel Berlin

Justus, wie reagieren Kinder eigentlich nach einem Unfall?

Kinder verarbeiten ihre Intrusionen mit Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit oder Übererregung, weil sie viel weniger als wir Erwachsene die Möglichkeit haben, die Vorfälle zu reflektieren und natürlich auch nicht wissen, wie sie damit umzugehen haben. Im Buch ist zu lesen, dass Kinder möglicherweise auch deshalb viel intensiver reagieren und die Gefühle weniger zurückstecken. Für Eltern ist das extrem verunsichernd. In unserer heutigen Welt ist man ja schließlich bemüht, alles Schlechte und das Elend von den Kindern fernzuhalten und dann passiert plötzlich etwas Heftiges, weil vielleicht das Meerschweinchen oder der Hund gestorben ist oder weil sie – wie Hanna im Buch – einen Unfall erleben.

„Hanna und der Unfall“ sieht nach einem typischen Kinderbuch aus. Spricht es aber nicht vielleicht auch die Eltern an?

Sowohl als auch. Das 32-seitige Buch ist ein kleiner Ratgeber, in dem sich die Kinder vielleicht wiedererkennen. Was aber natürlich auch nicht unterschätzt werden darf: „Hanna und der Unfall“ ist ein großer Ratgeber für Eltern, die erfahren, was mit ihrem Kind nach so einem Ereignis genau passiert. Nicht zuletzt deshalb, weil sie es ja dem Kind auch vorlesen.

Was mir beim Lesen, aber auch bei den Bildern aufgefallen ist: Man muss offenbar dem Kind vermitteln, dass es völlig okay ist, wenn man nach einer heftigen Situation auf einmal ganz anders drauf ist, und dass ein einfaches „Na, das wird schon wieder“ für die Traumabewältigung vermutlich nicht ausreicht.

Da ist wesentlich mehr gefordert! Mehr Verständnis und mehr Einfühlen in die Situation und eben nicht „das wird schon“ oder“ wir kaufen einfach ein neues Meerschwein“. Das zeigt allerdings auch, dass Kinder normal auf ein nicht normales Ereignis reagieren. Eine Familie muss aber trotzdem erst mal damit umgehen lernen, dass das Kind auch für sich Sachen verarbeiten muss. Das sollte ins Familienleben integriert werden, gefordert sind alle im Haushalt. Dazu gehört auch, dass Eltern mal ratlos ins Bett gehen, weil das Kind mit ihnen den ganzen Abend nicht gesprochen hat und nur in sich versunken war. In den ersten Stunden und Tagen ist solch ein Verhalten völlig normal.

Hanna und der Unfall | Bild: Daniel Verovic

Hanna und der Unfall | Bild: Daniel Verovic

Könntest Du mal schildern, wie ein Notfallseelsorge-Einsatz in Berlin aussieht?

Also wir werden von Polizei und Feuerwehr eigentlich immer nur dann alarmiert, wenn es um Tod geht: zum Beispiel bei Verkehrsunfällen, nach abgebrochenen Reanimationsversuchen oder im häuslichen Bereich. Wir begleiten die Polizei auch beim Überbringen von Todesnachrichten. Im Gegensatz zu anderen Beratungsangeboten kommen wir nur in den ersten Stunden nach dem belastenden Ereignis. Angehörige, die nach einem Gespräch mit der Notfallseelsorge noch Hilfe oder Unterstützung benötigen, haben in Berlin zahlreiche Möglichkeiten: Für Familien sind das beispielsweise die Familien- bzw. Kinder- und Jugendberatungsstellen in den Bezirken. Außerdem gibt es noch Institutionen wie der Berliner Krisendienst und Vereine wie TABEA e.V., die zum Beispiel Trauergruppen für Kinder anbieten, deren Eltern gestorben sind. Diese Anschriften geben wir dann auch im Seelsorgegespräch weiter. Unser Einsatz beschränkt sich auf die allererste Zeit.

Wie viele Einsätze hat die „Erste Hilfe für die Seele“ denn jährlich?

Wir hatten letztes Jahr 289 Einsätze. Man kann also sagen, dass wir rund alle anderthalb Tage mit unserem Ehrenamtlichenteam im Einsatz sind.

Mir fällt auf, dass viele in Berlin noch immer nichts mit dem Begriff Notfallseelsorge anfangen können, nicht wenige bringen das mit der Telefonseelsorge durcheinander.

Tatsächlich gibt es in der allgemeinen Wahrnehmung eine Trennungsunschärfe zwischen Krisendienst und Telefonseelsorge – das ist das, was man kennt. Und dann kommt noch die Notfallseelsorge hinzu. Uns eint, dass wir uns um Menschen in Krisensituationen kümmern. Wir haben aber eine andere Struktur. Anders als die Telefonseelsorge haben wir eine reine „Gehstruktur“. Bei der Telefonseelsorge wartet der oder die MitarbeiterIn darauf, dass jemand anruft. Bei uns wartet zwar auch der Diensthabende darauf, dass jemand anruft. Allerdings melden sich nur Polizei und Feuerwehr – im Anschluss alarmiert er einen Notfallseelsorger, der direkt zum Einsatzort geschickt wird. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied. Einen deutlichen Unterschied gibt es auch zum Berliner Krisendienst: Die Beratungsstellen sind beispielsweise nur von 16 bis 24 Uhr besetzt, bei denen die Mitarbeiter auch vor Ort sind. Die Notfallseelsorge ist hingegen rund um die Uhr an allen Tagen im Jahr im Einsatz. Dafür gibt es beim Krisendienst und der Telefonseelsorge die Möglichkeit, sich mehrfach beraten zu lassen. Bei uns eben nicht, bei uns ist es die Einmaligkeit.

Wie viele Notfallseelsorger gibt es in Berlin und wer beteiligt sich an der Institution?

Das sind aktuell 140 ehrenamtliche MitarbeiterInnen aus 7 Organisationen, im Konkreten beteiligen sich: die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), mit dem Erzbistum Berlin die Katholische Kirche, die Johanniter-Unfall-Hilfe, der Malteser Hilfsdienst, der Arbeiter-Samariter-Bund, das Deutsche Rote Kreuz und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft.

Notfallseelsorge und Krisenintervention in Berlin | Foto: Justus Münster

Notfallseelsorge und Krisenintervention in Berlin | Foto: Justus Münster

Noch mal zurück zu „Hanna und der Unfall“ – die Idee stammt ja nicht von euch, sondern von der Evangelischen Kirche im Rheinland. Wie seid ihr darauf gestoßen und wie kam das Projekt nach Berlin?

Auf das Buch sind wir auf dem letzten Bundeskongress Notfallseelsorge / Krisenintervention in Hamburg gestoßen, als die rheinischen Kollegen das Buch mitbrachten. Wir aus Berlin fanden das sehr gut! Bei Einsätzen, wo Kinder betroffen sind, macht das Buch wirklich Sinn. Nur ist die Notfallseelsorge in Deutschland nicht einheitlich aufgebaut. In Hessen sind beispielsweise alle Pfarrer zwangsweise auch Notfallseelsorger, während die Notfallseelsorger in Berlin ausschließlich Ehrenamtliche sind. Aber nicht nur strukturell gibt es Differenzen. Im Büchlein gibt es eine feine Besonderheit, die bei uns anders ist: Die rheinischen Notfallseelsorger sind in Violett unterwegs, wir in Berlin in grüner Einsatzkleidung. Im Buch gibt es in der Originalausgabe Notfallseelsorger mit violetter Ausrüstung. Für Kinder ist das dann natürlich schwierig zu verstehen, weshalb der Helfer im Buch violett, der Seelsorger vor Ort aber grün gekleidet ist. Deswegen musste eine Berlin-Brandenburg-Edition produziert werden und das ging auch problemlos: Der Zeichner DoReDani colorierte das Buch um und es wurde für uns neu gedruckt.

Seit wann haltet ihr in Berlin das Buch in den Händen und wie waren bislang die Rückmeldungen?

Vor ungefähr einem viertel Jahr erreichte uns die überarbeitete Auflage, im Einsatz sind die Bücher seit rund anderthalb Monaten. Das ist auch der Grund, weshalb wir bislang noch kein Feedback aus den Einsätzen erhalten haben. Verteilt wurden sie schon, Einsätze mit Kindern gab es, das ganze ist aber noch viel zu frisch.

…und wie hoch ist die Auflage?

2.000 erst mal – jeder Notfallseelsorger und Kriseninterventionshelfer erhält in der Grundausstattung zwei Exemplare, bei Bedarf natürlich mehr. Das Büchlein „Hanna und der Unfall“ wird dann den betroffenen Kindern geschenkt.

Vielen Dank, Justus Münster für das Gespräch!

Hanna und der Unfall | Bild: Daniel Verovic

Hanna und der Unfall | Bild: Daniel Verovic

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