Still und heimlich probiert sich Twitter an einem neuen Feature aus. Dabei erhalten die altbekannten Favoriten eine ganz neue Bedeutung: Öffentlich bekannt ist dazu noch nichts, zumindest hat sich das Unternehmen noch nicht in seinen Blogs dazu geäußert. Die ersten User stolpern darüber aber schon in ihrer Timeline. Mit dem gewagten Schritt kopiert man offensichtlich die Taktik von Facebook. Twitter könnte damit das ganze Projekt an die Wand fahren.

Twitter schraubt offensichtlich wieder an der Timeline und will es nun Facebook nachmachen: Favorisierte Tweets von Nutzern, denen man folgt, erscheinen ab sofort, aber nur gelegentlich in der Timeline, also auf der zentralen Eingangseite – und nicht nur unter dem Punkt „Entdecken“. Bislang ist dieses Feature nur in Apps gesichtet worden, in der Webversion fehlt sie. Ein konsequenter Algorithmus ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Auch Tweets mit nur wenigen Favs tauchen auf. Auffällig ist aber, dass jene Followings (bzw. „Folge ich“-User) auftauchen, mit denen man kürzlich interagierte.

Das klingt nach dem schrecklichen Edgerank oder neuerdings Newsfeed Algorithmus von Facebook. Denn dort entscheidet nicht der Nutzer, was er sehen darf, sondern Facebook. Ob nun unter „Hauptmeldungen“ oder „Neueste Meldungen“, zensiert ist die Startseite bei beiden Auswahlmöglichkeiten. Das mag gewiss auch Vorteile haben, eine Wahl – und das ist die größte Kritik – hat der Nutzer nicht. Retweets werden bei Twitter schon seit einigen Monaten deutlicher gekennzeichnet, vorab erscheint ein (in diesem Beispiel) „Wolfgang Buechner retweetete“:

Twitter: Favs in der Timeline

Spiegel-Chef Wolfgang Büchner retweetet einen Tweet des Journalisten Peter Glaser.

Auch über Retweets, die favorisiert oder erneut retweetet wurden, erhält man seit gar nicht all zu langer Zeit einen Hinweis in den Benachrichtigungen. Etwas Gutes hat das Feature aber dennoch: Denn die neue Funktion dürfte auch die Favoriten entstauben, die kaum eine Relevanz haben. Zwar sind sie vergleichbar mit dem „Gefällt mir“-Button bei Facebook, der gefavte User wird darüber informiert und alle Favoriten sind nachträglich über den Account abrufbar (auch von anderen), aber seien wir mal ehrlich: Bis auf favstar.fm hat das Faven keine Außenwirkung. Der Stern schwebt zwischen den beiden, kaum ein anderer bekommt das mit. Insofern ist es grundsätzlich erfreulich, dass Twitter die altbekannte Funktion zu neuem Leben erweckt. Ein weiteres Beispiel können Sie hier sehen:

Twitter: Favs in der Timeline

ZEIT Online-Redakteur Patrick Beuth favorisiert einen Tweet. Der Hinweis erscheint direkt in der Timeline, ohne Follower der Quelle (in dem Fall @pwnallthethings) sein zu müssen.

Eine Einstellungsmöglichkeit in der App ist noch nicht zu finden. Vermutlich wird hier Twitter noch nachsetzen, denn die Gefahr der zusätzlichen Überschwemmung von Informationen bei gleichzeitig nicht klar erkennbarem Algorithmus ist hoch. Bei Facebook hat der „Gefällt mir“-Button schon lange nicht mehr nur die Funktion, einen Post als interessant zu markieren. Er dient gleichzeitig als Empfehlung an die Freunde – und das ist jetzt zum ersten Mal identisch bei den beiden Netzwerken: Ein Algorithmus entscheidet, ob der Gefällt mir-Klick bei Facebook oder die Favorisierung bei Twitter auf der Startseite von Freunden erscheint.

Fazit

Dass Twitter es Facebook nachmachen will, dürfte wenig überraschen. Doch wenn Twitter nicht aufpasst, fährt es das Netzwerk komplett an die Wand. Denn Twitter lebt von einem filterfreien und unzensierten Stream. Wer mir folgt, liest alles von mir, auch meine Retweets (sofern er sie nicht deaktiviert hat). Wenn sich die Favs in der Timeline durchgesetzt haben – ich vermute, Twitter experimentiert derzeit nicht nur einfach, sondern ist schon im Rollout – ist die große Gefahr, dass der Kurznachrichtendienst die gesamte Timeline einem Algorithmus unterzieht und damit den gleichen schweren Fehler wie Facebook begeht.