In meiner Fahrschule in Moissac erschrecken mehrere Statistiken die begierigen Schüler. Im Jahresdurchschnitt 2005 schafften lediglich 57% der Teilnehmer in diesem Département („Tarn et Garonne“) die Theorieprüfung. In der Fahrschule RAGUNO in Moissac immerhin 66%. Sie ist seit Jahren auch die erfolgreichste im ganzen 82. Département; auch wenn ein Drittel der Prüflinge regelmäßig durchfällt.

Wer innerhalb der letzten zwei Jahre die Theorieprüfung abgelegt hat, kennt die Schwierigkeit. Denn im Frühling 2004 wurde das Meiste im Rahmen der Führerscheinprüfung in der Europäischen Union (EU) vereinheitlicht, aber überhaupt nicht vereinfacht. Im Gegenteil, die Theorie-Inhalte und deren Gewichtung für den neuen EU-Führerschein wurden drastisch angehoben. Das zeigen auch die dramatischen Einbrüche in der Statistik nach der Neuregelung.

Da für mich die Zeit knapp wird, fragte mich letzte Woche die Frau von Monsieur Raguno, die sowohl Theorie als auch Praxis unterrichtet, ob ich denn nicht heute am Mittwoch Zeit für die Theorieprüfung hätte. „Joa“, kam als Antwort. Aber ob ich bereit wäre, das fragte sie nicht. Offiziell fehlten mir sogar die nötigen Pflichtstunden, und es gab noch ’ne Menge, was ich überhaupt nicht verstand. Allerhöchstens 5 Fragen dürfen bei der Prüfung falsch beantwortet werden und bei den Übungsstunden in der Fahrschule schaffte ich es lediglich ein einziges Mal unter 5 Fehlern zu kommen.

„Lernen, lernen, popernen!“ sang Helge Schneider einst. Dieses Motto galt natürlich auch mir bzw. für die Straßenverkehrsordnung (auf Französisch „Code de la Route“). Im Nacken lagen mir die prägenden Statistiken von Leuten, die diese Sprache perfekt sprechen (im Gegensatz zu mir), das unzählige Reinbrabbeln von Kollegen à la „Ich hab’s auch erst bei der dritten Prüfung geschafft“ und die zu wenige Zeit zum Lernen (gerade auf den letzten Drücker). Doch irgendwann nervte mich das und ich dachte: „Hey, Deine Chancen sind einfach grottenschlecht und Du verstehst immer noch einige Fragen überhaupt nicht, aber lerne weiter und zeig’s ihnen!“ Sollte ich mich denn damit zufrieden geben und als Ausrede verwenden müssen, es lag letztendlich an der Sprache? Es wäre nicht vermessen, ABER: Nein, diese Ausrede wollte ich nicht gelten lassen.

Heute Morgen um 7.30 Uhr war es nun endlich so weit für mich. Ich hatte drei Stunden Schlaf, es regnete während meiner halbstündigen Mofa-Fahrt und nach dem gestrigen Unfall tat mir noch so einiges weh. Perfekte Voraussetzungen also! *grins* Gut, einen der Schüler hatte es noch schlimmer erwischt: Er vergaß seinen Personalausweis, der ja verpflichtend ist. Nein, er hatte GAR keinen, und wurde deshalb nicht zur Prüfung zu gelassen! *no comment* Wurde auch nicht nur 145mal angesagt, dass der verpflichtend ist. Nunja…

Wir trafen uns in Moissac vor der Fahrschule und fuhren zu zehnt nach Castelsarrasin. Knapp 50 Leute aus der Umgebung kamen zur theoretischen Prüfung und dank Fernbedienung (Lösung A, B, C, D sowie Korrektur und Bestätigung) und einer großen Kinoleinwand, auf die die Fragen und Bilder projeziert wurden, verlief auch alles sehr einfach und praktisch. Die Anspannung war bei allen sehr hoch. Ich, wie in den meisten Stresssituationen, war sehr relaxt. Bei der offiziellen Anmeldung mit Perso sah der Prüfer natürlich sofort, dass ich Deutscher bin und reagierte leicht hämisch: „Heut ist kein guter Tag für die Deutschen.“ und spielte natürlich auf das verlorerene Match gegen Italien an. Ich antwortete ihm: „Das werden wir sehen!“ Die erste Hälfte der Fragen verlief einigermaßen gut. Hatte ich alles drauf? Kommen wieder unangenehme Fragen, die Du überhaupt nicht übersetzen kannst? Fragen, die Du verstehst, aber deren Antworten Du nicht kennst?

Bei einer „Rechts vor Links“-Regel kam ich z.B. ins Stolpern. Bisher sah ich solche Fallbeispiele nur bei einer einspurigen Bahn. Die Regel ist ja eigentlich klar. Auf einmal waren es drei Spuren (eine entgegenkommende und zwei geradeaus). Die Frage lautete, ob das Auto, das gerade aus der Nebenstraßen hereinfahren will, die Priorität hätte. Ich antwortete ja und handelte richtig. Sicher war ich mir dennoch nicht; die zwei Spuren irritierten mich. In der zweiten Hälfte wurde mein sicheres Gefühl etwas schwächer. Bei zwei, drei Fragen kam ich z.B. mit der Sprache in Konflikt. Ich verstand weder Frage noch Antwort, und konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen.

Ende. Die Prüfung war vorbei. Was nun? In der Reihenfolge der Anmeldung ging jeder zum Prüfer, der das Abstimmgerät an einen Laptop anschloß und so die Anzahl der falschen Fragen ablesen konnte. Wer mehr als fünf hat, der fliegt. Er war kalt und schmerzvoll: „Oui“ oder einfach nur „Non“. Mehr kam nicht vom Prüfer! Ich hatte von meinem Platz aus Sicht auf den Computer-Bildschirm und konnte so auch die Anzahl der Fehler ablesen, während gut ein Viertel der Schüler ihre Ergebnisse hörten. Die Anzahl sagte er allerdings nicht an. 2 Fehler: Oui… 16 Fehler: Non… 18 Fehler: Non… 5 Fehler: Oui… 8 Fehler: Non…

Erst diese Anspannung machte mich komplett irre. Nicht die Prüfung oder das Vorfeld ansich. Ich war endlich dran und ging zum Prüfer. Ich gab ihm das Gerät, er schaute auf den Laptop und ich konnte ein deutliches „NON“ auf den Lippen ablesen. Er sagte: „oui“, ich sagte „non“, er erwiderte „oui“ und ich hab irgendwas gemacht, woran ich mich nicht mehr erinnern kann, was die meisten im Saal mit einem gutgemeinten Schmunzeln beantworteten. Party. Es ist einfach unglaublich!!! Ich konnte es mir natürlich nicht mehr nehmen lassen, auf seinen Spruch vom Anfang zu reagieren, und erwiderte gekonnt: „HEUTE hat Deutschland gewonnen.“ Aber er sagte ja nur „oui“ oder „non“ und reagierte eher mit peinlich berührten Blicken. *grins* Ich bin einfach stolz auf mich, dass ich trotz der enormen Sprachdefizite und des doch gar nicht so leichten Inhalts mich dennoch hingesetzt habe und das erfolgreich geschafft habe.

Um die Anfangsfrage „Dem Lappen einen Schritt näher?“ zu beantworten: Ja, definitiv, denn ich denke, das schwierigste für mich war die Theorie. Ich hab bereits 15 Fahrstunden hinter mir und „ça roule“!!! Den Begriff „Lappen“ kann man übrigens hier in Frankreich durchaus noch gebrauchen. Zwar gibt es in Deutschland schon länger die Plastikkarte für den EU-Führerschein und die ist natürlich auch für Frankreich vorgesehen, aber wie auch mit dem neuen Europapass hinkt Frankreich ein wenig hinter her mit der Umstellung und dem Druck. Offiziell sieht es so aus, dass alle EU-Länder bis zum Jahre 2010 umgestellt haben müssen (gilt natürlich nur für neu ausgestellte). Daher gibt es i.d.R. noch den rosa Führerschein-Lappen (siehe oben links!). Vielleicht noch mal kurz zur Erinnerung: Durch die EU-weite Umstellung mache ich keinen französischen Führerschein (!!!), sondern den Führerschein der Europäischen Union. Ich kann damit in allen EU-Ländern grenzenlos fahren und muss noch nicht mal den Führerschein (der dennoch mit dem „F“ signalisiert ist) in Deutschland umtauschen. Es lebe Europa!